Der beste Zeitvertreib

In der österreichischen Entwicklungszusammenarbeit spielen Stiftungen bislang nur eine kleine Rolle – das soll sich offenbar ändern. Christine Tragler hat recherchiert.

Gentechnik oder Biodiversität: Die Stiftung von Bill und Melinda Gates setzt u.a. auf Genmais im Kampf gegen die Armut. Dieser Ansatz ist umstritten.© Neil Palmer / CIAT (CC BY 2.0)

Philanthropie? „Ich kann mir keinen besseren Zeitvertreib vorstellen“, so Bill Gates. Die vom Multimilliardär und seiner Ehefrau gegründete Bill & Melinda Gates Foundation ist die finanzstärkste Privatstiftung der Welt. Rund vier Milliarden US-Dollar fließen laut Jahresbrief der Gates-Stiftung jährlich in internationale Entwicklungsprogramme – und sie ist damit nicht allein. Immer mehr Superreiche stecken einen Teil ihres Vermögens in gemeinnützige Stiftungen. Philanthropie boomt – auch in Europa.

„Entwicklungszusammenarbeit ist ein optimales Handlungsfeld für Stiftungen“, heißt es dazu vom Bundesverband Deutscher Stiftungen. Gegenüber staatlichen Stellen hätten private den Vorteil der politischen Unabhängigkeit. Dem Report zufolge engagieren sich bisher gut fünf Prozent der rund 21.000 Stiftungen in Deutschland für Entwicklungszusammenarbeit – und ihre Zahl steigt.

Lange Zeit galten in Österreich die Rahmenbedingungen für private Stiftungen als ungünstig. Das hat sich 2016 grundlegend geändert. Mit dem reformierten Bundesstiftungsrecht erhielten StifterInnen mehr Rechte und steuerliche Vorteile.

„2017 wurde mit insgesamt 26 neuen gemeinnützigen Stiftungen ein neuer Rekord erreicht“, sagt Günther Lutschinger gegenüber dem Südwind-Magazin. Er ist Geschäftsführer des Fundraising Verbandes Austria. Gemeinsam mit dem Außenministerium und dem Verband für gemeinnütziges Stiften hat er am 14. März in Wien die Fachtagung „Sinn(voll) stiften – Stiftungen als Akteure in der EZA“ organisiert.

Hoffen auf Veränderung. In Österreich sind derzeit rund 700 gemeinnützige Stiftungen angesiedelt. Zum Vergleich: In Deutschland gibt es im Verhältnis zur EinwohnerInnenzahl dreimal so viele Stiftungen, in der Schweiz sind es sogar zwanzigmal so viele. Ob er von offizieller österreichischer Seite ein steigendes Interesse an einer Zusammenarbeit von Stiftungen und EZA bemerkt? „Noch nicht“, so Lutschinger. Die Veranstaltung im Frühjahr, bei der gemeinnützige Stiftungen, StifterInnen und NPOs aus dem In- und Ausland zum Thema Stiftungen und EZA zusammenkamen, könnte daran aber etwas ändern, so seine Hoffnung. Hans Brunhart, Präsident der Vereinigung liechtensteinischer gemeinnütziger Stiftungen, war einer der Referenten der Tagung. Er zeigte sich beeindruckt vom Haus der Philanthropie, das 2017 in der Wiener Börse am Schottenring eine neue Heimat gefunden hat. Seiner Beobachtung nach sei eine neue Generation von StifterInnen am Werk, die sich verstärkt grenzüberschreitend engagieren.

Warnungen. Dies sei allerdings auch kritisch zu sehen, warnt die 2016 veröffentlichte Studie „Gestiftete Entwicklung?“ aus Deutschland. Jens Martens und Karolin Seitz haben darin die Kooperation zwischen der deutschen Entwicklungspolitik und privaten Stiftungen kritisch beleuchtet. Denn: Mit der Zunahme der finanziellen Leistung ist auch der Einfluss privater Stiftungen rapide gestiegen. Exemplarisch zeigen sie, wie die Gates-Stiftung zur Überwindung des weltweiten Hungers explizit auf Gentechnik und eine enge Kooperation mit Agrarkonzernen setzt. Den Boom philanthropischer Stiftungen sehen Martens und Seitz auch als „Folge einer Steuerpolitik, die Reiche begünstigt“.

Dass StifterInnen mitgestalten wollen, bestätigt Johanna Mang. Sie ist Senior Advisor für Partnerschaften bei Licht für die Welt, einer Organisation, die international mit 30 Stiftungen zusammenarbeitet. „Wer sich einfach nur Geld abholen möchte, ist für die Zusammenarbeit mit Stiftungen nicht geeignet“, so Mang.

Das Südwind-Magazin selbst wird seit kurzem in geringem Ausmaß von der RD Foundation Vienna unterstützt. „Die Vorgehensweise ist transparent, über alle Projekte der Stiftung wird auf der Website informiert“, so Südwind-Magazin-Chefredakteur Richard Solder. Einen Austausch gebe es, aber keine Forderungen – die redaktionelle Unabhängigkeit werde akzeptiert. Solder und Mang sind sich einig: Stiftungsgelder sind kein Ersatz für öffentliche Gelder, sondern sollten diese ergänzen. Für Mang steht fest: Es sollte von beidem mehr geben. „Es ist ein Riesenbedarf da.“

Christine Tragler ist Redakteurin bei der Tageszeitung Der Standard und freie Journalistin. Sie lebt in Wien.

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