„Der Bürgermeister muss spuren“

Das Matriarchat von Juchitán in Mexiko ist eines der – seltenen positiven – Beispiele dafür, dass die wirtschaftliche Macht wichtiger ist als die politische. Südwind-Redakteur Werner Hörtner sprach mit der zapotekischen(1) Künstlerin Martha Toledo.

Von Werner Hörtner
Südwind: Was ist nun das Besondere an der sozialen und wirtschaftlichen Situation in Juchitán?
Martha Toledo:
Ich glaube, es ist die Art, wie wir Frauen in Juchitán in gesellschaftlicher und emotioneller Hinsicht miteinander umgehen. Wir kaufen z.B. bei den Händlerinnen ein, die wir kennen, und nicht im Supermarkt, nur weil es dort etwas billiger ist. Denn es dreht sich ja nicht nur darum, einzukaufen oder im Restaurant zu essen, sondern man fragt, wie alles läuft, wie es der Familie geht usw. Dadurch stärken wir auch gegenseitig unsere Kaufkraft. Das hat uns geholfen, die schwere Krise, in der das mexikanische Wirtschaftssystem steckt, zu überwinden.

Doch das alles gab es auch früher bei uns in Österreich, die kleinen Geschäfte und Gewerbebetriebe, den persönlichen Bezug zwischen Verkäuferin und Kundin – und dennoch ist das alles verschwunden. Es muss also noch mehr dahinter stecken, dass sich dieses System in Juchitán so wirkungsvoll behauptet hat.
Stimmt, ja. Wir zapotekischen Frauen waren schon vor der Ankunft der spanischen Konquistadoren Händlerinnen und reisten weit herum. Seit damals verwalten wir auch die Einkünfte. Es gibt heute noch viele Männer, die ihren ganzen Verdienst der Frau geben, die ihnen dann nach und nach das Geld für ihre alltäglichen Bedürfnisse gibt.

Und das politische Leben liegt in der Hand der Männer?
So ist es. Aber in der letzten Zeit gibt es auch einige junge Frauen, die da mitspielen. Aber traditionellerweise ist das Männersache.
Bei den Kämpfen allerdings haben wir immer fest mitgetan, etwa 1835, als wir hier die Franzosen besiegten, in der mexikanischen Revolution bis hin zu den politischen Unruhen der 1980er Jahre. Juchitán war die erste Stadt in Mexiko, die die PRI(2) verlor.

Veronika Bennholdt-Tomsen(3) hat mir einmal von einer Szene berichtet, wie die Marktfrauen ins Büro des Bürgermeisters gehen und diesen ausschimpfen.

Ja, wenn ihnen etwas nicht passt, dann gehen sie gleich gruppenweise zum Bürgermeister, und der muss dann spuren. Und die Fischhändlerinnen nehmen ihre scharf geschliffenen Messer mit. (Lacht laut und lange)

Warum breitet sich Ihrer Meinung nach dieses Beispiel von Juchitán nicht auch auf andere Regionen Mexikos aus? Es ist doch ein lebendiges und erfolgreiches Beispiel dafür, dass eine andere Wirtschaftsform als der dominierende Neoliberalismus möglich wäre.
Erstens einmal weil den Herrschenden der politische Wille dafür fehlt...

...aber eine solche Alternative müsste natürlich von unten kommen.
Genau. Aber Mexiko ist ja ein Land der Machos(4), eine sehr machistische Gesellschaft. Es gibt in Mexiko viele engagierte Frauengruppen und Frauenbewegungen, aber das ist etwas Anderes, die sind nicht so aufgewachsen wie wir. Und auch bei den indigenen Völkern ist die Stellung der Frau keineswegs erfreulich. Erst die zapatistische Bewegung beginnt, diese festgefahrene Rollenverteilung zu verändern, der Frau eine positivere und aktive Stellung zuzuordnen.
Wenn ich bei Veranstaltungen von Frauen über das Beispiel Juchitán spreche, so sehe ich immer wieder, dass das für sie etwas ganz Neues ist, das sie nicht kennen, von dem sie nie gehört haben. In der Umgebung von Juchitán leben jedoch einige Völker, die Huaves, Zoques, Chontales u.a., und bei diesen ist in ihrem gesellschaftlichen Leben immer stärker unser, also der zapotekische Einfluss zu bemerken.

Woher kommt eigentlich das Geld, das in Juchitán zirkuliert? In diesem Wirtschaftssystem könnt ihr ja nicht autark leben, müsst viele Artikel von außen zukaufen.
Einmal vom Fischfang – es gibt einen großen See in der Nähe. Dann von der Landwirtschaft. Und viele Männer arbeiten in der Erdölraffinerie von Salinas Cruz. Doch die Haupteinnahmequelle ist der Handel. Viele Menschen aus den Dörfern und Städten der Umgebung kommen hierher, um am Markt einzukaufen.

Befürchten Sie nicht, dass der „Plan Puebla – Panama“(5) in dieser Region viel verändern könnte?
Sicherlich. Ich war immer schon gegen dieses Projekt. Ich sage den anderen Frauen und den Politikern immer wieder, dass wir hier – im Vergleich zu anderen Regionen – eine sehr hohe Lebensqualität haben, dass wir diese Art von Entwicklung nicht brauchen. Ich hoffe sehr, dass wir diese Erschließungspläne aufhalten können.


Literaturhinweis:
Veronika Bennholdt-Thomsen veröffentlichte zwei Bücher zu Juchitán („Juchitán, Stadt der Frauen“, Rowohlt, und den Bildband „Frauen Wirtschaft“, Frederking & Thaler), die aber beide nicht mehr im Buchhandel erhältlich sind.


1) Zapoteken, eine der ältesten indianischen Ethnien Mexikos. Heute leben etwa noch 400.000 in Oaxaca und Chiapas.
2) „Institutionelle Revolutionäre Partei“, die fast 70 Jahre lang Mexiko regierte.
3) Deutsche Ethnologin und Soziologin, die lange in Juchitán recherchiert hat (s. Buchhinweis).
4) Umgangssprachliche Bezeichnung aus dem Südamerikanischen für einen Mann mit typisch männlichem Imponiergehabe.
5) Kurz PPP; ein riesiges Entwicklungsprojekt vom Süden und Südosten Mexikos quer durch ganz Zentralamerika.

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