Der Don Quijote von Kitemba

Von Thomas Kukoveca ·

2001 wehrten sich Bürgerinnen und Bürger mit dem Dorflehrer Peter Kayiira im Südwesten Ugandas gegen Land Grabbing. Seit damals müssen sie um ihr Recht kämpfen.

Peter Kayiira war in seinem Heimatdorf gerade dabei, Arbeiten seiner Schülerinnen und Schüler zu korrigieren, als plötzlich Armeelastwagen an seinem Haus vorbeirollten. Es war der 18. August des Jahres 2001. Kitemba liegt im Distrikt Mubende im Südwesten Ugandas, etwa zweieinhalb Autostunden von der Hauptstadt Kampala entfernt. Nur Minuten später kam eine Nachbarin schreiend zu seinem Haus gerannt. Soldaten hätten sie geschlagen und danach ihr Haus angezündet, berichtete sie. Das Haus des Lehrers sei als nächstes dran, er solle am besten so schnell wie möglich verschwinden, so die Nachbarin. Als Sprecher des Dorfes sei sogar sein Leben in Gefahr.

Peter Kayiira suchte das Weite. Als er Tage später wieder in sein Dorf zurückkehren konnte, fand er nur mehr ausgebrannte Ruinen vor.

Heute befindet sich in Mubende auf etwa 1.850 Hektar die größte und modernste Kaffeeplantage Ugandas. Betreiber ist die Firma Kaweri Coffee Plantation Ltd., die zu 100 Prozent der deutschen Neumann Kaffee Gruppe (NKG) gehört, einem der führenden Rohkaffee-Konzerne weltweit. Der deutsche Riese hat das Land über die ugandische Investitionsbehörde erworben. Insgesamt wurden 392 Bauernfamilien in Mubende von ihrem Land vertrieben, bevor ihre Häuser niedergebrannt und ihre Bananenstauden gerodet wurden. Die Bewohnerinnen und Bewohner des Dorfes mussten an den Rand der Plantage ziehen.

Die meisten Bäuerinnen und Bauern hatten für ihr Landstück keine Besitzurkunden. Jenen mit Grundbucheinträgen, darunter Peter Kayiira, wurden Kompensationen in Aussicht gestellt, für die die Kaweri Coffee Plantation Ltd. verantwortlich ist. Versprechungen wurden allerdings bisher meist gar nicht oder in fragwürdiger Form eingelöst. Einigen Familien, es handelt sich um ca. 350 Einzelpersonen, die allesamt AnalphabetInnen sind, wurden besseres Land und lukrative Jobs auf der zukünftigen Plantage versprochen. Manche, darunter Peter Kayiira, hegten von Anfang an Zweifel an der Ernsthaftigkeit dieser Angebote. Sie organisierten sich, informierten die anderen und veranstalteten Sit-ins – bis die Gruppe gewaltsam vertrieben wurde. Peter Kayiira wurde als „Rädelsführer“ festgenommen und landete – ohne konkrete Anklage – für 157 Tage im Gefängnis.

Anfang dieses Jahres tauchte ein Bericht des ugandischen Militärs zu den Vorfällen rund um die Errichtung der Kaweri-Plantage auf. Dieser war bereits 2005 verfasst worden. Nur über Umwege gelangten Kayiira und seine MitstreiterInnen an das offizielle Papier. In dem Bericht wird zugegeben, dass die Gruppe um Kayiira mit Hilfe des Militärs vertrieben wurde. Die Bürgerinnen und Bürger werden als „sture Hausbesetzer“ bezeichnet. Der Verkauf des Landes und die Inbetriebnahme der Plantage werden als korrekt dargestellt.

Uganda ist traditionell von einer extensiven Landwirtschaft geprägt, bei der in Relation zur Fläche wenig Düngemittel, Pestizide oder Maschinen eingesetzt werden. In der einzigartigen Naturlandschaft Ugandas, von der Feuchtsavanne bis zum Regenwald, werden Bananen, Süßkartoffeln, Mais, Reis und verschiedene Wurzelgemüse für den lokalen Markt und für die Selbstversorgung angebaut. Die Bäuerinnen und Bauern setzen auf Mischkulturen, alte Methoden der Wasserspeicherung (etwa durch Regenauffangbecken und Dorfbrunnen) und Mulchen. So lässt sich das Land fruchtbar halten.

Hintergrund: Land Grabbing – was ist das?

Land Grabbing ist laut der Menschenrechtsorganisation Food First Information and Action Network (FIAN) ein umkämpfter Begriff. Von Land Grabbing spricht FIAN, wenn private oder staatliche Investoren große Ländereien aufkaufen oder über längere Zeit pachten, die von der lokalen Bevölkerung genutzt werden.

Inländische Investoren können dabei genauso Land Grabbing betreiben. Auch ist nicht ein bestimmtes Ausmaß an Landfläche entscheidend. Vielmehr geht es darum, dass Land Grabbing einen Kontrollverlust über Landflächen bringt. Menschen können dann nicht mehr selbst entscheiden, was produziert wird, für wen und auf welche Art und Weise. Diese Unabhängigkeit, und damit das Recht auf Nahrung, geht auch für nachfolgende Generationen verloren.

Land Grabbing verdrängt also traditionelle Landnutzung zu Gunsten einer industriellen, exportorientierten Landwirtschaft. Und es handelt sich um ein globales Phänomen: Heute ist es nicht mehr nur der Norden, der im Süden Land aufkauft. Investoren aus Staaten wie Brasilien oder China sind etwa in ihren Regionen selbst Land Grabbing-Akteure. Auch in Europa gibt es Land Grabbing. Allerdings steht Afrika international gesehen im Fokus.

Laut FIAN ist Land Grabbing auch immer „Wasser Grabbing“. Die Investoren sichern sich zusätzlich die Wasserrechte. Dadurch, dass es oft um Gebiete mit fruchtbaren Böden geht, handelt es sich bei von Land Grabbing betroffenen Regionen häufig um dicht besiedelte Landstriche.  sol
www.fian.at

Die Landnutzung beruht zum überwiegenden Teil auf Gewohnheitsrecht, teilweise aber auch auf verbrieften Landtiteln aus der Kolonialzeit. In vielen Fällen sind Tradition, Familiengeschichte und die Kultur der Gemeinschaft tief mit dem Land verbunden. Die meisten Bäuerinnen und Bauern sind unabhängig vom Weltmarkt, besonders jene in den fruchtbaren Äquatorialregionen. Die Kultivierung von Kaffee, den die Familien selbst kaum trinken, dient vielen als einzige fixe Einnahmequelle, als Cash Crop. Damit bezahlen sie das Schulgeld für die Kinder, Arztrechnungen oder kaufen sich Kleidung.

In Ugandas städtischer Mittel- und Oberschicht hat sich der „europäische Fortschrittsgedanke“ manifestiert. Die Elite will weg vom Image eines armen, „rückständigen“ afrikanischen Landes. Eine „moderne“ Landwirtschaft im Sinne einer kapitalintensiven und industriellen Produktion in Monokulturen soll dabei helfen. Langzeit-Präsident Yoweri Museveni holte schon Ende der 1990er Jahre die ersten großen ausländischen Agrar-Investoren ins Land. In den vergangenen Jahren kamen immer mehr. Museveni setzt dabei auf vermeintlich „ungenutzte“ Landflächen. In Wahrheit wird oft Bäuerinnen und Bauern Land weggenommen.

Den Kleinbäuerinnen und -bauern wird durch Land Grabbing die Lebensgrundlage entzogen. Statt sich selbst versorgen zu können, müssen viele auf einer Plantage als Hilfskräfte arbeiten. Derartige Engagements sichern ihnen allerdings kein adäquates Einkommen. Die Menschenrechtsorganisation Food First Information and Action Network (FIAN) kritisierte schon vor Jahren, dass sich in Mubende viele Bäuerinnen und Bauern seit der Vertreibung im Jahr 2001 nicht mehr richtig ernähren können.

Als Peter Kayiira wieder frei kam, machte er den Kampf gegen Land Grabbing zu seiner neuen Mission. Da sein Landbesitz eingetragen war, hat er Anspruch auf Kompensation. FIAN unterstützt ihn und die Vertriebenen, zu ihrem Recht zu kommen. Eine große Herausforderung: Immer wenn es Peter Kayiira gelang, den Fall vor Gericht zu bringen, schafften es die Anwälte der NKG, einen Tausch der Richter zu veranlassen oder die Verhandlungen durch Einsprüche zu verzögern.

Vorkämpfer Peter Kayiira kritisiert zudem die Arbeitsbedingungen auf der Plantage: „Die Leute werden krank, bekommen Hautausschläge und Atemwegsprobleme.“ Die Kaweiri Coffee Plantation Ltd. wirbt mit dem Begriff „Nachhaltigkeit“. Knapp ein Drittel der Fläche der Plantage wird denn auch biologisch bewirtschaftet. Doch auf den anderen zwei Dritteln kommen Dünge- und Pflanzenschutzmittel zum Einsatz, die ein Problem für die menschliche Gesundheit und das empfindliche Ökosystem darstellen.

Laut einem Bericht des Global Land Project aus dem Jahr 2010 hat Uganda Land Grabbing-Geschäfte für mehr als 14 Prozent der Ackerfläche abgeschlossen. Zu dieser Zeit waren in zehn afrikanischen Ländern über mehr als fünf Prozent der Agrarfläche von Land Grabbing-Deals betroffen.

Auch wenn Uganda sehr viel fruchtbares Land hat: Die Enteignungen haben schwerwiegende Folgen für viele Menschen. Die Kleinbäuerinnen und -bauern machen fast 80 Prozent der ugandischen Bevölkerung aus.

Der Fall von Peter Kayiira zeigt: Die Bäuerinnen und Bauern brauchen Unterstützung im Kampf gegen Land Grabbing. Denis Felix Kabiito, ein ugandischer Agraringenieur bei der Caritas und Betreuer von Subsistenz- und Kleinbauernkooperativen, formuliert es so: „Wir wünschen uns eine faire Partnerschaft mit Kaffee-Einkäufern, keinen Neo-Kolonialismus.“ 

Thomas Kukovec ist Agrarbiologe und Journalist. Als Aussteiger aus der agrochemischen Industrie berät er nun nachhaltige Fairtrade-Projekte.

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