Der Drahtseilakt

Von Erwin Schweitzer und Severin Lenart · · 2008/03

Viele Ansprüche lasten auf der südafrikanischen Landreform: Sie soll der gesellschaftlichen Transformation und der kommerziellen Agrarwirtschaft gleichzeitig dienen.

Das zentrale Thema in Südafrika in den nächsten Jahren ist Landbesitz“, sagt der südafrikanische Farmer Alan Nelson, „und so lange wir das nicht erkennen, werden wir mit massiven Problemen konfrontiert sein.“ Dass mittlerweile auch weiße GroßgrundbesitzerInnen derart über die Landreform in der jungen Demokratie sprechen, zeugt von der hohen gesellschaftlichen Bedeutung und Dringlichkeit des Themas.
Ursache für diesen Umstand ist das Erbe der Apartheid. Nach den ersten freien Wahlen im Jahr 1994 kontrollierte eine weiße Minderheit rund 87 Prozent des südafrikanischen Landes. Um das rassistische Missverhältnis zu verändern, beschlossen politische EntscheidungsträgerInnen, innerhalb von fünf Jahren 30 Prozent des Landes an schwarze SüdafrikanerInnen umzuverteilen. Ziel der Landreform war und ist aber nicht nur, die Anzahl der schwarzen GrundbesitzerInnen zu erhöhen. Auch das Nationalgefühl soll durch die Bekämpfung von Armut und die Förderung von kulturellen Rechten gestärkt werden. Gleichzeitig soll die Reform den Staat entlasten sowie das Wirtschaftswachstum und die Konkurrenzfähigkeit allgemein und insbesondere im Agrarsektor begünstigen. Südafrika versucht also unter den Bedingungen einer neoliberal-kapitalistischen, kommerziellen Landwirtschaft die gesellschaftliche Transformation voranzubringen.
Neben der eigenen Geschichte ist heute noch ein weiterer Faktor für die politische Brisanz der Landfrage in Südafrika verantwortlich: Simbabwe. Im nördlichen Nachbarstaat war die kolonialgeschichtlich geerbte Ausgangssituation ähnlich. Eine kleine Gruppe weißer LandwirtInnen besaß nach der Unabhängigkeit 1980 den Großteil des fruchtbaren Landes. Im Jahr 2000 spitzte sich die politische Situation zu, und staatliche Zwangsenteignungen sowie gewaltsame Farmbesetzungen dominierten die Landreform. Die Folge: Die Mehrheit der weißen FarmerInnen wanderte aus und die kommerzielle Landwirtschaft kam fast zum Erliegen. In Verbindung damit stiegen Arbeitslosigkeit, Armut und Ernährungsunsicherheit im ehemaligen Brotkorb des südlichen Afrika. Seit Simbabwe den Weg der radikalen sozialen Transformation im Widerspruch zur kapitalistischen Agrarwirtschaft eingeschlagen hat, besteht die Befürchtung, diese Entwicklung könnte auch auf Südafrika übergreifen.
Im Spannungsverhältnis zwischen den historischen „Altlasten“, den politischen Ereignissen in der Region, der sozialen Transformation und der neoliberal-kapitalistischen Ökonomie bemüht sich Südafrika, die Landreform mit verschiedenen Modellen umzusetzen. Ein solcher Modellversuch ist das vom eingangs zitierten Farmer Alan Nelson initiierte Projekt New Beginnings in der südafrikanischen Provinz Western Cape. In dessen Rahmen schenkte Nelson seinen schwarzen Farmarbeitskräften im Jahr 1997 neun Hektar Grund, die sie nutzen, um in Anbindung an Nelsons Farm Weintrauben zu erzeugen. Heute produziert die ArbeiterInnenkooperative Wein für den Weltmarkt, der von britischen Supermarktketten vertrieben wird. New Beginnings ist ein Beispiel für eine Vielzahl an Landinitiativen, die sich im Agrarsektor an FarmarbeiterInnen richten. Gleichzeitig spiegelt es auch die Erfolge und Probleme solcher Landreformprojekte wider. Während diese Unternehmungen Land von weißen an schwarze SüdafrikanerInnen transferieren und relativ erfolgreich auf internationalen Märkten tätig sind, erweisen sich die wirtschaftlichen Vorteile für die Arbeitskräfte als bescheiden. Da die neuen schwarzen GrundbesitzerInnen weder über die Expertise noch das Kapital verfügen, um konkurrenzfähig am globalen Markt teilzuhaben, müssen sie meist kostenpflichtig auf Know-How und Produktionsmittel der weißen LandwirtInnen zurückgreifen. Das begrenzt ihre eigenen Profite enorm und bringt sie in verstärkte Abhängigkeit zu den weißen FarmerInnen.

Bei all der berechtigten Kritik wird jedoch die symbolische Bedeutung von Grundbesitz im Gespräch mit den neuen EigentümerInnen deutlich. „Früher waren wir keine LandbesitzerInnen. Wir hatten kein Recht darauf“, bekundet Andries Lotter, schwarzer Beteiligter der Initiative Winds of Change. „Jetzt besitzen wir Land und es bedeutet mir sehr viel. Für nichts würde ich mein Land aufgeben.“ Dies veranschaulicht, dass es bei Grund und Boden im südafrikanischen Kontext um viel mehr als die ökonomisch effiziente Einbindung in die kapitalistische Landwirtschaft geht. Fragen der Zugehörigkeit und Identität, die mit Land verknüpft sind, spielen eine ebenso bedeutende Rolle. Daher erheben auch soziopolitische Organisationen, von zivilgesellschaftlichen Gruppen über diverse Vereinigungen bis hin zu traditionell organisierten Gesellschaften, Anspruch auf Land, um ihre eigenen Ziele und Vorstellungen eines neuen Südafrika in die Realität umzusetzen.
„Wir müssen zurück zu unseren Wurzeln“, fordert Kaizer Zulu, Landverwalter und Berater eines Swasi-Chiefs in der Provinz Mpumalanga, während er über den Prozess zur Landrückgabe erzählt, „daher mussten wir Emjindini zurückholen. Es ist unser Land!“ Aufgrund historischer Ansprüche gelang es einer Gruppe von Swasis 1997 mit Hilfe der Landreform Teile des Gebietes zurückzubekommen. Bis dahin war der im 19. Jahrhundert vom Swasi-König gegründete Ort Emjindini von der Landkarte verschwunden, weil er bis zum Ende der Apartheid und darüber hinaus als weißes Farmland deklariert war. „Wir hatten Litschis, Mangobäume und ähnliches. Wir exportierten Blumen. Beinahe täglich lieferten Transporter unsere Waren nach Johannesburg“, erklärt Bort Pohl, ein ehemaliger Eigentümer der Farm, resignierend. „Bereits im ersten Jahr der Übernahme lag alles brach. Niemand fühlte sich verantwortlich. Traktoren, Wasserpumpen, das ganze Equipment, alles wurde gestohlen.“ Das einstige weiße Farmland ist heute mit unzähligen Hütten und Häusern aus Holz, Lehm und Wellblech überzogen. In ihren kleinen Vorgärten bauen die neuen BewohnerInnen Grundnahrungsmittel an. Die Spuren der vergangenen kommerziellen Agrarwirtschaft sind nur noch vereinzelt auszumachen.
Landreform in Südafrika
Im Jahr 1994 besaß eine Minderheit von etwa 60.000 weißen Farmern rund 87 Prozent der Agrarfläche Südafrikas. Durch das Landreformprogramm konnten bis 2007 4,2 Mio. ha oder 4,3 Prozent dieses Landes an Schwarze umverteilt werden. Das rechtliche Fundament für die Landreform bilden u.a. die Gesetze Restitution of Land Rights, Extension of Security of Tenure und Communal Land Rights sowie die verfassungsrechtlich festgeschriebene Rückgabe, Umverteilung und Bodenrechtsreform.
Die marktgestützte Landreform wurde bisher nach dem Prinzip „williger Käufer, williger Verkäufer“ ohne Enteignungen durchgeführt. Schwarze Interessenten erwerben mit staatlicher Unterstützung Grund von weißen Landbesitzern zu Marktpreisen. Seit kurzem schließt die Regierung jedoch Enteignungen nicht mehr grundsätzlich aus. Bis 2014 sollen 30 Prozent des landwirtschaftlich genutzten Landes an die schwarze Bevölkerung transferiert werden.
E. S. & S.L.

Emjindini und ähnliche Landrestitutionen zeigen beispielhaft, dass kulturelle Identitäten und begrenzte wirtschaftliche Unabhängigkeit mit Hilfe des Reformprozesses wiedererlangt werden können. Sie dokumentieren aber auch die Gefahr des Verfalls der landwirtschaftlichen Massenproduktion. „Wir erzeugen immer weniger und weniger. In naher Zukunft werden wir Mais importieren und nicht wie bisher exportieren“, beschreibt Marlies Liebenberg von der für Emjindini verantwortlichen Lokalverwaltung Befürchtungen vieler SüdafrikanerInnen. „Es gibt einige Erfolgsgeschichten, ja, aber es mangelt an schwarzen kommerziellen Farmern.“ Aus diesem Grund versucht die Regierung heute, vermehrt Ausbildungsprogramme für zukünftige LandeigentümerInnen anzubieten, um die Produktivität von Farmen und den kommerziellen Agrarsektor nach der Umverteilung aufrecht zu erhalten.
„Die Landreform in Südafrika war bisher recht langsam“, resümiert Kelly Theunis vom Ministerium für Landangelegenheiten, „denn wir wollen die Reform sowohl qualitativ als auch nachhaltig verwirklichen und kein zweites Simbabwe erschaffen.“ Bis heute wurden nur ca. vier Prozent der Landfläche umverteilt. Aufgrund der Widersprüche zwischen dem gesellschaftlichen Wandel und der neoliberal-kapitalistischen Landwirtschaft konnten die großen Ambitionen nur sehr begrenzt umgesetzt werden. Als neues Ziel gilt nun, bis 2014 – die anfänglich für 1999 angepeilten – 30 Prozent des Landes an Schwarze zu transferieren. Auch wenn es etlichen zivilgesellschaftlichen Organisationen zu langsam geht, einzelne Landbesetzungen für mediales Aufsehen gesorgt haben und die Regierung auch grundsätzlich nicht mehr vor Enteignungen zurückschreckt, scheint Südafrika tatsächlich kein zweites Simbabwe zu werden. „Die stabile politische Lage und das wirtschaftliche Wachstum“, so der Landreformexperte Sam Moyo, „schließen dies derzeit aus.“ Die südafrikanische Landreform bleibt also weiterhin ein Drahtseilakt zwischen sozialer Transformation und kommerzieller Agrarwirtschaft.

Severin Lenart ist als freier Sozialanthropologe im NGO-Bereich tätig. Erwin Schweitzer ist Sozialanthropologe und Kollegassistent an der Vienna School of Governance (Universität Wien). Beide haben eine mehrmonatige Feldforschung in Südafri

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