Der Fall Ayotzinapa

Ende September verschwanden 43 angehende Lehrer im Südwesten Mexikos. Eine Grenzüberschreitung, analysiert Juel Maqure*.

„Lebend haben sie sie uns genommen, lebend wollen wir sie zurück!“ Angehörige hoffen noch.

Der 26. September machte Schlagzeilen: Mehr als 150 Studierende der Pädagogischen Fachschule von Ayotzinapa (siehe Kasten), die in Bussen in Iguala im Bundesstaat Guerrero unterwegs waren, wurden von der dortigen Polizei mit Schusswaffen attackiert. Resultat der Aktion waren 24 zum Teil schwer Verletzte, sechs Todesopfer, von denen eines Spuren brutaler Folter aufwies und 43 „Vermisste“. Die Polizei handelte auf Befehl öffentlicher Funktionäre; das mexikanische Militär sah dem Geschehen tatenlos zu.

Was den Studierenden von Ayotzinapa passiert ist, war kein Werk des organisierten Verbrechens, sondern der Institutionen des mexikanischen Staates. Diese sind durch ihr Handeln bzw. ihr Nicht-Handeln direkt verantwortlich für sechsfachen Mord und das Verschwinden von 43 Menschen.

Diese Verbrechen gegen die Menschlichkeit haben die mexikanische Bevölkerung – besonders die Studierenden – bewegt und Empörung und Zorn hervorgerufen. An den Universitäten haben sich Studierendenversammlungen gebildet, um einerseits Proteste zu organisieren und andererseits akademischen Austausch zu ermöglichen. Aus mehr als 100 Universitäten und Schulen im Land entstand „die Interuniversitäre Generalversammlung“. Diese beschloss drei Aktionstage, in deren Rahmen hunderttausende Menschen auf der ganzen Welt auf die Straßen gingen, um die Freilassung der 43 verschwundenen Studenten zu fordern. Viele Studierende in Mexiko sind Repressionen ausgesetzt, sie werden überwacht und bedroht, wie an der Fakultät für Philosophie der UNAM, der größten Universität Lateinamerikas. Einige Studierende haben anonyme Drohbriefe erhalten; versteckte Kameras wurden gefunden, die die Versammlungen der Studierenden gefilmt hatten.

Zudem hat die Polizei mehrere Demonstrationszüge in Mexiko Stadt verhindert und Protestierende als politische Gefangene genommen. Im herrschenden Klima der Gewalt ist es wahrscheinlich, dass weitere Studierende in anderen Teilen des Landes unter Druck gesetzt, entführt oder ermordet werden, vor allem an jenen Unis, an denen sich der meiste Protest regt.

Die Studierenden von Ayotzinapa und weiteren 14 Fachschulen sind in Streik getreten – das wollen sie beibehalten, bis ihre Kollegen wieder auftauchen. In Guerrero haben soziale Organisationen, BäuerInnen und Bauern, LehrerInnen und StudentInnen 20 Gemeinden unter ihre Kontrolle gebracht und protestieren täglich. Mehr als 70 soziale Organisationen haben gemeinsam die „Nationale Volksversammlung“ gegründet, die den Rücktritt der aktuellen Machthaber und eine neue Regierung, bestehend aus Bauernschaft, ArbeiterInnen und dem Volk fordert. Das mexikanische Militär hat mit Operationen begonnen, um in der Ausnahmesituation die Oberhand zu behalten.

Der Fall zeigt: Mexiko ist kein demokratisches Land, Menschenrechte werden nicht eingehalten, die Institutionen sind korrumpiert und Teil des organisierten Verbrechens. Was die Studierenden und die Bevölkerung erleben, ist Terror durch den Staat. Und dennoch: Die Art, wie diesem begegnet wird, durch soziale Organisation, politische und kulturelle Aktivitäten und akademische Reflexionen zur politischen Krise, in der sich das Land befindet, schafft Vertrauen und neue Netzwerke der Solidarität, in denen alle gemeinsam versuchen, ein besseres Land zu schaffen.

Der Autor (*Name von der Redaktion geändert) ist Doktoratsstudent an der Fakultät für Politik- und Sozialwissenschaften der UNAM, Mitglied in verschiedenen Versammlungen sowie des Kollektivs „Radio Politik“.

Ins Deutsche übersetzt von Christina Bell.

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