Der Fluch der Ressourcen

Tschad fördert seit 2003 Erdöl. Das Erdöl hat das Sahelland verändert. Doch entgegen den Plänen der Weltbank hat es die tiefe Armut nicht gemindert. Dafür hat es die Macht von Präsident Idriss Déby gefestigt.

Von Ruedi Küng
Strom für die Ölpumpen im südlichen Tschad – nicht für die Bevölkerung.

Die tschadische Hauptstadt N’Djamena macht einen ordentlichen Eindruck. Auf den breiten, asphaltierten Straßen verkehren teure Limousinen und klimatisierte Geländefahrzeuge. Von Bäumen gesäumte Alleen führen an neu errichteten Gebäuden vorbei, an Ministerien, Verwaltungsgebäuden, Schulen, einem Spital. Kreisverkehre sind mit Blumen und Skulpturen geschmückt. 2008 noch waren Rebellen vom Grenzgebiet zum Sudan im Osten aus bis in die Hauptstadt vorgedrungen und hatten die Regierungskräfte in Bedrängnis gebracht. Beide Seiten setzten schwere Waffen ohne Rücksicht auf die Stadtbevölkerung ein. Von diesem Blitzkrieg, dem über 700 Menschen, vor allem Zivilpersonen, zum Opfer fielen, sind kaum mehr Spuren zu sehen. Dass die Truppen von Präsident Idriss Déby Itno schließlich die Oberhand gewonnen hatten, verdankten sie der logistischen Hilfe Frankreichs sowie ihrer besseren Bewaffnung. Das Geld für die Waffen stammte vom Erdölexport.

Seit acht Jahren fördert das zentralafrikanische Binnenland Tschad Erdöl. Die ersten bearbeiteten Erdölfelder befinden sich in der Gegend der Ortschaft Doba im Südwesten des Landes. Der Export des schwarzen Goldes jedoch ist nur dank einer 1.070 Kilometer langen Pipeline durch Kamerun an den Golf von Guinea möglich, wo das Erdöl verschifft wird. Eine Investition von 3,7 Milliarden US-Dollar war dafür notwendig, damals die größte in ganz Subsahara-Afrika. Die ausführende Firma Esso-Chad, die das Unternehmenskonsortium der US-Multis Exxon-Mobil und Chevron-Texaco sowie der malaysischen Petronas vertritt, suchte deshalb die Mitwirkung der Weltbank. Sie sollte das internationale Ansehen der Investition stärken.

Die Weltbank ihrerseits wollte im Tschad „die Entwicklung durch Erdöl in einem armen Land“ verwirklichen und so ihr Engagement für die Armutsbekämpfung unter Beweis stellen. Das Projekt sollte weltweit für die Ressourcen-Industrie wegweisend sein. Kernstück dafür ist die „Loi zéro zéro un“, das „Gesetz 001“, das eigens zu diesem Zweck geschaffen wurde und anfangs 1999 in Kraft trat. Es verpflichtete die tschadische Regierung, einen Teil der Erdöleinnahmen für wichtige Staatsaufgaben wie Bildung, Gesundheit, Sozialwesen, ländliche Entwicklung, Infrastruktur, Umwelt und Wasserressourcen zu verwenden. Das Gesetz 001 sah weiter vor, dass ein kleiner Teil direkt der Bevölkerung im Fördergebiet von Doba zugute kommt und ein Fonds für künftige Generationen angelegt wird.

Präsident Déby verpflichtete sich zudem „aus Liebe und Treue zu unserem Volk“, wie er sich ausdrückte, die Verwendung der Erdöleinkünfte offenzulegen und von einem eigens geschaffenen Gremium von VertreterInnen des Staates und der Zivilgesellschaft überwachen zu lassen. Die Aufgabe dieses „Kollegiums zur Kontrolle und Überwachung der Erdölressourcen“ war allerdings von Anfang an kaum zu lösen. Denn der Verteilungsschlüssel findet nur bei den so genannten direkten Einnahmen wie Dividenden und Lizenzgebühren Anwendung. Die indirekten Einnahmen durch Gebühren, Steuern und Zölle, die den größeren Teil sämtlicher Erdöleinnahmen ausmachen, fließen direkt der Staatskasse zu und entgehen der Kontrolle des Gremiums. Zusammen machen die direkten und indirekten Erdöl-Einkünfte mehr als zwei Drittel der gesamten Staatseinnahmen aus.

Überhaupt aber war das Gesetz 001 nicht von langer Dauer. Präsident Déby erachtete seine Freiheit, über die Erdöleinkünfte zu verfügen, als zu stark eingeschränkt. Umso mehr, als er von Rebellen herausgefordert wurde und Geld für Waffen brauchte. Im Mai 2004 überstand er knapp einen Putschversuch. 2005 ließ er das Gesetz 002 ausarbeiten, das es ihm ermöglicht, die Erdöleinnahmen nach eigenem Gutdünken und insbesondere auch für die „Sicherheit“ auszugeben. Das Gesetz 002 trat Anfang 2006 in Kraft und führte zu einem Zerwürfnis mit der Weltbank, die sich schließlich ganz aus dem Projekt zurückzog. Von der Armutslinderung und der sozialverantwortlichen Nutzung der Erdölressourcen blieb auch auf dem Papier nur wenig übrig.

Die Landschaft südlich von N’Djamena ist flach, die Vegetation karg. ViehzüchterInnen aus dem Norden treiben ihre Herden stattlicher Rinder mit wuchtigen Hörnern südwärts. Bei ihrer Suche nach Weideplätzen und Wasserstellen geraten sie mitunter in Konflikt mit der Ackerbauernschaft. Je weiter man in den Süden kommt, desto mehr Büsche, Bäume und Palmen bedecken das Land. Dazwischen liegen immer wieder Bauerngehöfte. Eine neue Starkstromleitung führt ins Erdölfördergebiet von Doba. Das gesamte Fördergebiet ist streng überwacht, worunter die Bevölkerung schwer zu leiden hat. Wegen der mittlerweile vielen hundert Förderstellen sind immer mehr Dörfer von der Umwelt abgeschnitten. Man nennt sie „villages enclavés“. Die Bäuerinnen und Bauern müssen oft weite Umwege zurücklegen, um auf ihre Felder zu gelangen. Die Leute berichten auch von willkürlichen Festnahmen durch die privaten Wachleute und gar von folterähnlichen Züchtigungen mit Eisstücken. Die lokalen Chiefs würden von den Erdöl-Leuten nicht respektiert. Es sei, wie wenn eine feindliche Macht ihr Land besetzt hätte, meint ein junger Mann. Die von ihnen gewählten Parlamentsabgeordneten aber kümmerten sich nicht um ihre schwierige Situation. Sie kümmerten sich nur um sich selber.

In Maikeri, einem der „villages enclavés“, drängen sich in der Dorfschule, einer windigen Strohhütte, mehr als 60 Kinder zusammen. Der Lehrer ist gerade in der zweiten Schulhütte nebenan, für die er auch zuständig ist. Auf der Wandtafel steht ein schwieriger französischer Grammatiksatz geschrieben. Ein Schüler liest ihn laut vor. Doch nur mit größter Mühe und ohne zu verstehen, was er bedeutet.

Der Bezirksvorsteher stellt bitter fest, dass die Leute der Region wegen der Erdölförderung nicht mehr genügend anbauen könnten, um sich zu ernähren. Und durch den Stress sei das soziale Gewebe ernsthaft gefährdet.

In Doba zieht Bischof Michel Russo eine ernüchternde Bilanz. Mit dem für Doba bestimmten Erdölgeld seien nutzlose Dinge gebaut worden. Ein Fußballstadion, doch es gebe gar keine Fußballmannschaft. Eine Mittelschule, doch die LehrerInnen fehlten. Ein Spital, das leer stehe, weil kein Personal vorhanden sei. Darüber hinaus würde die Stromversorgung für den Betrieb nicht ausreichen. Esso-Chad aber gehe auf die Klagen der Bevölkerung von Doba nicht ein. Ihr Argument: Das seien Probleme der Regierung, nicht ihre. Von verantwortungsvoller Erdölnutzung könne keine Rede sein, schließt der Prälat. Was die Leute hier durchmachten, sei schlimmer als die Kolonisation.

Die mittlerweile neu erschlossenen Erdölfelder im Tschad übrigens werden nicht mehr von Esso ausgebeutet. Präsident Déby hat die Lizenzen dafür der Chinesischen Erdölgesellschaft CNPC erteilt. Diese erstellt zusätzlich zu den Erdölförderanlagen im Süden auch eine Raffinerie nahe der Hauptstadt und hat die Pipeline, die das Erdöl dahin transportiert, bereits gebaut. Vor allem aber entspricht die CNPC ganz dem Willen Débys. Während Esso öffentlich bekannt gibt, wie viel Geld die Firma dem Tschad überweist, operiert das chinesische Unternehmen ohne jegliche Transparenz. So kann der Präsident in der vierten Amtszeit die Erdölmilliarden nach eigenem Gutdünken verwenden.

Ruedi Küng war langjähriger Afrikakorrespondent des Schweizer Rundfunks und arbeitet heute mit www.InfoAfrica.ch als Afrika-Experte.

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