Der Fluch des Reichtums

In der indonesischen Provinz Papua dreht sich die Spirale der Gewalt zunehmend schneller. Während Großunternehmen beste Geschäfte machen, bleibt die indigene Bevölkerung bitterarm.

Von Anett Keller
Seit Mitte September streiken Arbeiter des USBergbaukonzerns Freeport für bessere Löhne. Sechs Mitarbeiter des Konzerns wurden von unbekannten Tätern erschossen.

"Unsere Heimat ist so reich, doch nichts von diesem Reichtum bleibt bei uns. Wir werden von Jakarta wie Ausländer im eigenen Land behandelt. Da wünschen sich dann eben viele Unzufriedene, dass wir unabhängig werden“, sagt Marthen Thesia. Der Pfarrer aus Sorong, wo es riesige Erdölvorkommen gibt, spricht vielen Papuas aus der Seele.

In den letzten Wochen hat sich die Spirale der Gewalt in Indonesiens östlichster Region erneut verschärft. Am 19. Oktober wurde der Dritte Papua Volkskongress in Jayapura von Polizisten und Soldaten gewaltsam aufgelöst, nachdem dessen Delegierte sich für die Unabhängigkeit der Region ausgesprochen haben. Es gab drei Tote, zahlreiche Verletzte und 600 Festnahmen. Wenige Tage nach dem Kongress wurde der Polizeichef eines Subdistrikts von Unabhängigkeitsbefürwortern erschossen.

Außerdem starben sechs Mitarbeiter der Grasberg-Mine des US-Konzerns Freeport McMoran im Oktober durch Schüsse unbekannter Angreifer. Zwei weitere wurden bei Zusammenstößen zwischen Polizisten und streikenden Arbeitern erschossen. Seit Mitte September bestreikt ein Großteil der Mitarbeiter im Kampf um höhere Löhne die Mine.

Aus Sicht des Häuptlings vom Stamm der Amungme wären viele Probleme gelöst, würde Freeport endlich enteignet. Der Konzern steht für die meisten Papuas stellvertretend für alles, was sie in den letzten Jahrzehnten hassen gelernt haben: Ausbeutung, Unterdrückung, Entfremdung, Gewalt.

Die Region, die heute die beiden Provinzen Papua und Westpapua (beide wurden früher zusammen als Westpapua bezeichnet) umfasst, stand länger als der Rest des heute zu Indonesien gehörenden Archipels unter holländischer Kolonialverwaltung. Auch sonst unterscheidet sich das den Westteil der Insel Neuguinea umfassende Gebiet signifikant von Indonesien. Papuas UreinwohnerInnen sind Melanesier. Sie werden von der malaiischen Mehrheitsbevölkerung in Indonesien wegen ihrer dunklen Haut und ihrem traditionellen Leben im Stammesverband oft als unzivilisiert angesehen.


Vor 50 Jahren, im Oktober 1961, verliehen die TeilnehmerInnen des Ersten Papua Volkskongresses in einem Manifest ihrem Wunsch nach Unabhängigkeit Ausdruck. Holland hatte zuvor signalisiert, die Region in die Unabhängigkeit zu entlassen.

Die Wirtschaftsinteressen an der ressourcenreichen Region waren und sind gewaltig. Bereits 1967 hatte Jakarta Freeport Konzessionen zur Förderung von Gold und Kupfer erteilt. Es war die Zeit des Kalten Krieges. In Indonesien hatte nach einem Putsch und der Zerschlagung der damals drittgrößten kommunistischen Partei der Welt gerade das pro-westliche Suharto-Regime die Macht übernommen.

1998 trat Militärdiktator Suharto zurück. Die Delegierten des Zweiten Papua Volkskongresses im Jahr 2000 wollten die Reformstimmung im Lande nutzen. Sie drückten ihre Bereitschaft aus, „in ehrliche, friedliche und demokratische Verhandlungen“ zu treten. Doch wenige Monate später wurde Theys Eluay, der Vorsitzende des Papua-Präsidiums, von Spezialkräften des Militärs ermordet. Weitere führende Papua-Vertreter wurden verhaftet.

2001 gestand die indonesische Regierung Papua immerhin eine Sonderautonomie zu. Doch Jakarta setzt auf wirtschaftliche Entwicklung, auf Großprojekte; Bedürfnisse und kulturelle Traditionen der indigenen Bevölkerung werden bei dieser Brachial-Modernisierung kaum berücksichtigt. Papua und Westpapua haben mit jeweils knapp 32 Prozent die höchsten Armutsraten im Land. Und das, obwohl seit 2001 im Rahmen der Sonderautonomie 28 Billionen Rupiah (umgerechnet 2,3 Milliarden Euro) in die Region geflossen sind. Doch davon wurden bisher vor allem lokale Eliten und – häufig besser ausgebildete – Zugereiste reicher. Papuas Indigene wurden zur Minderheit im eigenen Land. Betrug die Zahl der MigrantInnen aus anderen Teilen Indonesiens 1971 noch 4%, so sind es inzwischen 53%.

Ende Oktober bestätigte der Nationale Polizeichef Timur Pradopo erstmals offiziell, was zuvor bereits ein offenes Geheimnis war: Freeport zahlt Geld an Papuas Polizisten. Was der Polizeichef öffentlich als „Taschengeld“ bezeichnete, beziffert die Organisation Indonesian Corruption Watch auf 79,1 Millionen US-Dollar – soviel soll von 2001 bis 2010 an die Polizei geflossen sein.

Freeport ist Indonesiens größter Steuerzahler. Das Unternehmen beschäftigt nach eigenen Angaben in Papua 22.000 MitarbeiterInnen (28% von ihnen sind Papuas). Der Streit über die Zahlungen an Polizisten kommt angesichts des andauernden Streiks und der tödlichen Schüsse auf die Delegierten des Volkskongresses zu einem brisanten Zeitpunkt. Die Gewalteskalation erhöht den Druck auf Jakarta, eine Lösung für Papuas Probleme zu finden.

Trotz der jüngsten Gewaltwelle wartet ein im September eingerichtetes Team zur „Beschleunigung der Entwicklung in Papua und Westpapua“ (UP4B) noch immer auf die Ernennung seiner MitarbeiterInnen. Mit UP4B verbinden viele BeobachterInnen neue Hoffnungen für einen Dialog zwischen Jakarta und Papua. Der Bürgerkrieg in der Provinz Aceh konnte 2005 beigelegt werden.

In den letzten Wochen wurde deutlich, dass die indonesische Zivilgesellschaft geschlossener und vehementer als zuvor für eine friedliche Lösung des Papua-Konfliktes eintritt. Anfang November übergab das „Überkonfessionelle Netzwerk für Frieden in Papua“ der Regierung eine von mehr als 450 namhaften VertreterInnen indonesischer Menschenrechtsorganisationen und wissenschaftlicher Institute unterzeichnete Petition. Darin fordern sie, dass die Regierung endlich Raum für einen Dialog auf Augenhöhe zwischen Jakarta und Papua schaffe. „Die Stigmatisierung der Papuas als Separatisten muss endlich ein Ende haben“, heißt es wörtlich in der Petition.

Auch die indonesischen Medien, sonst kaum am Geschehen im „fernen Osten“ interessiert, widmen der Papua-Berichterstattung im Moment viel Aufmerksamkeit: Hintergrundartikel, Titelseiten, Kommentare, Fernseh-Talkshows zur besten Sendezeit. Die jüngste Rede des Präsidenten zur Lage der Nation, in der er forderte, „Papua von ganzem Herzen zu lieben“, erfuhr ein großes Medienecho. Doch nach Meinung des Ex-Journalisten und Menschenrechtlers Andreas Harsono ist Masse noch lange nicht Klasse. „Die meisten Berichte sind sensationalistisch und oberflächlich.“ Jakartas Medien verstünden die Hintergründe des Papua-Konfliktes nicht, so Harsono. „Wie kann man jemanden von ganzem Herzen lieben, von dem man kaum etwas weiß?“

Anett Keller hat in Leipzig und Yogyakarta Journalismus, Politikwissenschaft und Indonesisch studiert und lebt als freie Journalistin in Indonesien.

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