Der Frieden ist weit weg

Im Osten der DR Kongo bestimmen immer noch Übergriffe von Militärs und Milizen den Alltag.

Von Dominic Johnson
Morgens ziehen die Soldaten in den Krieg. Schwitzend werden Säcke voller Bohnen auf Lastwägen geschmissen und blank polierte Gewehre geschultert. Schlammbeschmiert rumpeln die olivgrünen Militärfahrzeuge schließlich über holprige Pisten in die Berge, bepackt mit missmutigen Truppen der kongolesischen Regierungsarmee (FARDC). Sie rücken gegen ehemalige Kameraden aus: die ruandischstämmigen Deserteure der Armee, die sich in Teilen der ostkongolesischen Provinz Nord-Kivu unter Führung des abtrünnigen Generals Laurent Nkunda zusammengeschlossen haben.
Ostkongo ist weiterhin Kriegsgebiet. Die Allparteienregierung im fernen Kinshasa ist hier Fiktion. Mehrere unterschiedliche Armeen sind unterwegs. Wer täglich die Überlandstraße entlangfährt, die aus Nord-Kivus Hauptstadt Goma nach Norden führt, sieht jeden Tag andere Soldaten auf Patrouille und darf raten, wer es diesmal ist. Mal sind es die Einheiten der neuen „integrierten“ FARDC-Brigaden, in denen Kämpfer der früheren Bürgerkriegsarmeen zusammengewürfelt wurden. Mal sind es die noch nicht integrierten Soldaten der früher hier herrschenden Rebellen der RCD (Kongolesische Sammlung für Demokratie), die in Goma faktisch weiter den Ton angeben. Mal ist es die Miliz des Provinzgouverneurs Eugène Serufuli, genannt „Local Defence“. Es sind im Umland von Goma auch jede Menge irreguläre Milizen unterwegs: Nkundas Deserteure, Hutu-Milizen aus Ruanda, lokale Stammesmilizen. Und jede Fraktion versucht, auf dem Rücken der Bevölkerung zu überleben.

Immer wieder attackiert eine dieser Milizen in den Distrikten Rutshuru und Masisi, die die Provinzhauptstadt Goma an der ruandischen Grenze umgeben, die Zivilbevölkerung. Immer wieder zieht dann die FARDC in die betroffenen Regionen, um zu beweisen, dass sie existiert. Die Bevölkerung weiß schon: Nach dem Überfall der Milizen folgt der der Armee.
Mittags werden die Soldaten ungemütlich. Wenn es unerträglich heiß und stickig wird in ihren Unterständen und sie nichts zu essen und zu trinken bekommen haben, legen sie sich entweder schlafen oder fangen an, die Leute zu provozieren. Wer ihnen zu nahe kommt, wird angeraunzt. PassantInnen und Reisende werden sorgfältig gemustert und danach beurteilt, bei wem wohl am meisten zu holen sein wird. In den Kampfgebieten ist das nicht anders. Wo bewaffnete Truppen – egal von welcher Seite – durchgefahren sind, ist die Zivilbevölkerung dann meist auf der Flucht. Je nachdem, in wessen Hoheitsgebiet sie landen, machen die Kriegsführer die jeweils andere Seite für die Übergriffe verantwortlich: Vergewaltigungen, gestohlene Ziegen, geplünderte Lebensmittelvorräte, verbrannte Hütten. Wer im Einzelfall die Verbrechen tatsächlich begangen hat, lässt sich meist nicht mehr feststellen.

Die FARDC ist daran mindestens genauso beteiligt wie die irregulären Truppen – das gibt selbst die UN-Mission im Kongo zu. Dass die Blauhelme der MONUC angehalten sind, gemeinsam mit der FARDC zu operieren, ist den UN-Strategen inzwischen peinlich. „Die gemeinsamen Operationen von FARDC und MONUC hatten die Neuorganisierung und Wiederbewaffnung der Milizen zur Folge, die Vermehrung ihrer Offensiven, die Zunahme von Übergriffen bewaffneter Gruppen auf die Zivilbevölkerung“, beginnt der Monatsbericht der humanitären Abteilung der MONUC für März 2006. Einen Monat später lautet der erste Satz: „Der Monat April war beherrscht von Unsicherheit aufgrund von Zusammenstößen zwischen bewaffneten Gruppen, die den Zugang zur Bevölkerung weiter erschwerte oder sogar unmöglich machte.“ Frieden? Davon hört man im Radio.
Im nordostkongolesischen Distrikt Ituri, 2003 Schauplatz einer französisch geführten EU-Militärintervention und seither Vorzeigeregion von MONUC und Kongos Regierung im Kampf gegen irreguläre Milizen, gibt es heute mehr Kriegsvertriebene und bewaffnete Milizionäre als irgendwo sonst im Land. Jede neue Offensive von FARDC und MONUC bringt den Milizen neuen Zulauf. Sie haben inzwischen die alte ethnische Feindschaft zwischen Hema und Lendu, die Ituri 1999 bis 2003 zum Inbegriff des Grauens im Kongo gemacht hatte, begraben und sich im Namen der Verteidigung des Heimatinteresses gegen die fremden Besatzer zusammengeschlossen.
Eine Gegenstrategie, die über Krieg hinausgeht, haben Regierung und UNO nicht. Ein groß angelegtes Demobilisierungsprogramm für 15.000 Milizionäre in Ituri im Jahr 2005 war zwar ein Erfolg. Aber heute gibt es dort wieder genauso viele irreguläre Bürgerkriegskämpfer wie vorher. Mit Gewehr lässt sich der Lebensunterhalt immer noch einfacher verdienen als ohne.

Abends sind die Soldaten gefährlich. Auf den voll beladenen Lastwagen, die aus dem Einsatzgebiet zurückrauschen, sitzen jetzt auch ZivilistInnen: finster dreinblickende junge Männer, vor Angst starre junge Frauen. Es kreist Bananenschnaps in kleinen oder auch großen Flaschen. Man sollte einem solchen Lastwagen nicht zu dicht hinterherfahren, geschweige denn einem der Soldaten in die Augen schauen, die mit ihren Gewehren auf die PassantInnen zielen. Die Truppe könnte auf den Gedanken kommen, anzuhalten und das Fahrzeug dahinter unsanft zu überprüfen.
Am besten ist es, vor Anbruch der Dunkelheit die Straße geräumt zu haben, denn danach gehört die Welt den Militärs – von welcher Fraktion auch immer. Die UN-Truppen sind nur selten zu sehen. Ihre Patrouillen auf weißen UN-Fahrzeugen werden von den KongolesInnen mit demselben Gleichmut hingenommen wie die Fahrten der unzähligen Hilfsorganisationen in ihren Geländewagen, jeder mit einem anderen Logo auf der Tür. Die ausländische Präsenz kann punktuell nützlich sein, bringt Geld ins Land und schafft immerhin ein paar Arbeitsplätze. Aber dass sich dadurch wirklich etwas verändert, glaubt niemand.

Wahlen? Die sind kein Fremdwort. Fast in jedem Dorf entlang der Hauptstraßen zumindest weht entweder die gelbe Fahne von Präsident Joseph Kabilas PPRD (Volkspartei für Wiederaufbau und Demokratie), die blaue der RCD oder eine der einstigen kleineren Rebellengruppen. Aber politisch sagt das kaum etwas aus. Es heißt nur, dass hier jemand wohnt, der einer Partei beigetreten ist und demonstrieren will, das Dorf gehöre ihm, damit seine Chefs ihn für einflussreich halten. Die Menschen haben andere Sorgen. Wen sie wählen sollen, wird die lokale Autorität ihnen noch früh genug mitteilen. Wenn sie bis dahin nicht schon längst erneut die Flucht ergreifen mussten.

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