Der Gesundheits-Zug

Seit wenigen Monaten bringt ein Zug ärztliche Versorgung in Dörfer im Norden Argentiniens, die seit Jahrzehnten nicht mehr medizinisch betreut wurden.

Von Antje Krüger
Die Uhr zeigt kurz vor acht. Im kleinen Dorf Pinto in der Provinz Santiago del Estero im Norden Argentiniens beginnt ein neuer Tag. Am Ende der Dorfstraße liegt, hinter Bäumen versteckt, der Bahnhof. Ein flacher Zaun, ein windschiefer Unterstand, zwei Gleise, das Schild Pinto handgemalt. Auf dem zweiten, dem Abstellgleis, steht ein Zug. Lang, silber-weiß, modern. Weißer und moderner als alles andere in Pinto. Er sticht ins Auge. Ungewohnt auch die wartenden Menschen davor mit ihren dunklen Gesichtern und schlichter, abgetragener Kleidung. Ein Bild, das nicht so recht zusammen passen will.
Plötzlich geht eine Zugtür auf. Eine Frau mit weißem Kittel tritt auf die Schwelle. „Señora Molina“, ruft sie in routiniertem Ton. Die Aufgerufene, eine alte Frau, stemmt sich mühsam aus einem Plastikstuhl. Die Umstehenden helfen ihr die steile Zugtreppe hoch. Dann verschwindet sie im Abteil. Geht zum Arzt, das erste Mal seit Jahren wieder.

Seit November 2003 fährt der Tren Sanitario, ein speziell eingerichteter Sanitätszug, durch Argentiniens Norden. Er bringt ein Team von 30 ÄrztInnen, PsychologInnen und SozialarbeiterInnen in Dörfer, die seit Jahrzehnten nur mangelhaft oder gar nicht medizinisch versorgt wurden. Der Andrang ist groß. Zwischen 300 und 500 PatientInnen kommen täglich. Drei bis vier Tage hält der Zug in jedem Dorf. Ein extra Zelt muss neben dem Bahnhof aufgebaut werden, weil der Platz sonst nicht reicht. Vor allem die Zahn-, Augen- und KinderärztInnen kommen mit den kostenlosen Beratungen kaum nach.
Die Idee mit dem Gesundheits-Zug ist nicht neu. Schon Eva Perón schickte in den 40er Jahren den ersten durchs Land. Nur wurde der Zug später vernachlässigt. Alicia Kirchner dagegen, Ministerin für Soziale Entwicklung und Schwester des argentinischen Präsidenten, belebte die Idee neu. Sie sah hier die Chance, bitterste Not vorerst zu lindern. Wie dringend notwendig dies ist, zeigt die Dankbarkeit der PatientInnen. „In jedem Dorf werden wir mit einem Fest begrüßt. Die Leute schenken uns Kunsthandwerk oder Essen, obwohl sie selbst kaum welches haben“, erzählt der Kinderarzt und Verantwortliche des Zuges, Luis Martínez.
Finanziert wird das Projekt von den Ministerien für Gesundheit und für Soziale Entwicklung.
Die Arbeit des Teams beschränkt sich nicht auf die Behandlung der wichtigsten Erkrankungen wie Parasitenbefall, Magen-Darmprobleme und bei nicht wenigen Kindern Unterernährung. Über Gespräche soll den Menschen die Möglichkeit gegeben werden, sich selbst zu helfen. Der Kampf gegen Ungeziefer, die Erschließung von Trinkwasser oder richtige Ernährung sind dabei nur einige der Themen. Am meisten gefragt ist die Aufklärung. Selbst die Kirche, die sich der Probleme des Kinderreichtums bewusst wurde, öffnet dafür ihre Türen. „Im Dorf Ranchillo kam der Pfarrer gerade dazu, als ich an einer Karotte erklärte, wie man ein Präservativ überzieht. ‚Nutzen Sie doch die Kanzel‘, forderte er mich auf, ‚da können Sie alle sehen‘“, erinnert sich Dr. Martínez schmunzelnd.

Langsam senkt sich der Abend über das Dorf Pinto. Eine große Leinwand wird ausgerollt, denn der Zug bringt auch ein Kino mit, ein unbekanntes Schauspiel für viele Kinder. Am Dorfausgang schließt derweil das Krankenhaus seine Türen. Das Krankenhaus? „Ja, wir haben hier eins, aber keine spezialisierten Ärzte. Deshalb sind wir auf den Zug angewiesen“, sagt Guillermo Ganón vom Bürgermeisteramt. Die Infrastruktur wäre also vorhanden. Doch wird Santiago del Estero nicht umsonst als feudalste Provinz Argentiniens bezeichnet. Seit mehr als 40 Jahren regiert das Ehepaar Suárez. Vetternwirtschaft und Korruption auf Provinz- und nationaler Ebene ließen die staatlichen Gelder versickern. Gemeinnützige Einrichtungen sind dem Verfall preisgegeben. „Der Zug ist enorm wichtig für die Leute hier. Doch wenn sich an der Politik nichts ändert, wird er nichts weiter sein als ein notdürftiges Pflaster“, resümiert Bürgermeister Emilio Rached und blickt zum Abstellgleis hinüber, zu den Wagen, die in der Dämmerung silbergrau funkeln.

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