Der große Ausverkauf

Von Christian Selbherr ·

Papua-Neuguinea hat das drittgrößte Regenwaldgebiet der Welt. Doch die Wälder sind von massiver Abholzung bedroht. Der Großteil der geschlagenen Bäume geht nach China. Von dort nimmt das Tropenholz seinen Weg um die Welt und gelangt auch in europäische Baumärkte und Möbelhäuser.

Sie haben schlechte Nachrichten für Andy Tang. Eine Abordnung aus den nahe gelegenen Dörfern ist zu Besuch bei dem Manager eines großen Holzkonzerns. Es sind ernst dreinblickende, wortkarge Männer, die den Malaysier in seinem Büro am Hafen aufgesucht haben. Sie berichten ihm, was sich am gestrigen Tag oben im Holzfäller-Camp ereignet hat. „Dein Landsmann ist entführt worden“, sagen sie. „Und niemand weiß, wo er jetzt ist.“ Andy Tang zündet sich eine Zigarette an. Er muss jetzt erst einmal nachdenken. Wenn der Geschäftsführer seiner Firma verschwunden ist, wird der Betrieb wohl vorläufig still stehen.

Dabei hatte Tang alles vorbereitet: Eine riesige Ladung Baumstämme liegt an der Verladestelle bereit. In Sichtweite vom Ufer wartet ein rostiges Frachtschiff auf die Ware. Es fehlen nur noch die letzten Papiere. Tang erholt sich schnell von seinem Schrecken. „Wir werden uns an die Behörden wenden, damit er freigelassen wird“, sagt er. Er weiß, dass sein Arbeitgeber großen Einfluss hat. Denn Andy Tang arbeitet für Rimbunan Hijau, kurz „RH“ genannt, mit Sitz in Malaysia. Der Konzern zählt zu den wichtigsten Akteuren im Holzgeschäft Asiens – und besonders hier in Papua-Neuguinea. „Meine Aufgabe ist es, die gefällten Bäume für den Export fertig zu machen“, sagt Andy Tang. Wohin wird die Reise gehen? „China“, sagt Tang und zieht an seiner Zigarette.

China ist in den vergangenen Jahren zum weltgrößten Holzimporteur aufgestiegen. Bis 2020 soll sich die Nachfrage verdoppeln. In Fabriken in Peking und anderen chinesischen Großstädten entstehen Billigmöbel, die den westlichen Markt versorgen. Das Material dafür kommt aus aller Welt: aus den dichten Wäldern Sibiriens, aus dem Kongogebiet im Herzen Afrikas – und eben aus den tropischen Regenwäldern von Papua-Neuguinea. Längst ist Tropenholz kein Luxusartikel mehr – es findet sich in ganz gewöhnlichen Sperrholzplatten genauso wie in Bodendielen für Gartenterrassen.

Es geht um viel Geld, und entsprechend viele AkteurInnen möchten mitmischen. Immer wieder kommt es zu Streit um Lizenzen und Pachtverträge – die Zentralregierung in der Hauptstadt Port Moresby stellt sich gegen Provinzpolitiker, die ihre eigenen Bündnisse schmieden. Der eine Konzern kämpft gegen den anderen, und der Forstminister besitzt praktischerweise gleich selbst ein Holzunternehmen. Bestechungsangebote und Korruption gehören fast schon zum Handwerk. Internationale BeobachterInnen wie Transparency International oder Umweltschutz-NGOs sprechen von einer wahren „Holzmafia“, die in Südostasien am Werk sei. Die Entführung missliebiger Rivalen zur Einschüchterung sowie die Unterdrückung von ArbeiterInnen seien übliche Methoden.

„Das Land gehört der einheimischen Bevölkerung“, erläutert Oscar Pileng, ein Umweltschützer aus der Küstenstadt Madang. „Es wird von Generation zu Generation vererbt. Niemals würden die Menschen es einfach so verkaufen.“ In seinem Büro breitet Oscar Pileng eine Landkarte der Provinz aus und markiert die Flächen, die in den vergangenen Jahren zum Kahlschlag freigegeben wurden. „Block I bis IV“ trägt er ein, das Gebiet um den Fluss Sogeram. Um an das Land der Bevölkerung zu gelangen, legte die Regierung Papua-Neuguineas ein spezielles Programm auf: Sie wies weite Flächen als „Sonderlandwirtschaftszonen“ aus und handelte mit den Landbesitzern, von denen der Großteil von der Subsistenzlandwirtschaft lebt, Kompensationszahlungen aus.

Umweltschutz und Geschäft

Papua-Neuguinea ist reich an Rohstoffen: Neben Tropenholz gibt es große Vorkommen, etwa von Kupfer und Gold. Die Einnahmen aus den Exporten sind ungleich verteilt, 75% der 7 Mio. EinwohnerInnen leben von der Subsistenzwirtschaft. Zudem bedroht der ungezügelte Raubbau Mensch und Natur, wie sich am Handel mit Tropenholz beispielhaft zeigt. Einer Studie von 2008 zufolge wird der Regenwald in Papua-Neuguinea bis zum Jahr 2021 nur mehr die Hälfte der Fläche haben.

UmweltschützerInnen ist es immerhin gelungen, auf die Probleme aufmerksam zu machen. Inzwischen gibt es mehrere Zertifizierungsprogramme, mit denen Tropenhölzer aus nachhaltiger Forstwirtschaft gekennzeichnet werden. Am bekanntesten sind die Standards des „Forest Stewardship Council“ (FSC) und das „PEFC“-Siegel. Eine Verordnung der Europäischen Union vom Frühjahr 2013 stellt den Import von illegal geschlagenem Holz unter Strafe.

Problematisch ist dabei der Nachweis, da ein Großteil mit verschiedenen, ausgeklügelten Methoden als legal deklariert wird. Ein Interpol-Bericht aus dem Jahr 2012 belegt, dass es besonders in Asien viele Wege gibt, die Kontrollen zu unterlaufen. So wird zum Beispiel Holz aus illegaler Produktion mit gefälschten Papieren außer Landes geschafft, zu Brettern und Balken verarbeitet und wieder zurück ins Land importiert. Dann mischt man es dem „sauberen“ Holz bei und erhält so das Gütesiegel.  C.S.

So blieb das Land Eigentum der Bevölkerung, die Regierung wurde nur Pächter. Was sie jedoch verschwieg ist, dass sie anschließend mindestens drei Viertel dieser Flächen an ausländische Konzerne weiterverpachtete. Über 5,1 Millionen Hektar Waldgebiet, 16 Prozent des bewirtschaftbaren Waldes, sollen auf diese Weise in ausländischen Besitz gekommen sein. Die Verträge laufen jeweils über 99 Jahre – genug Zeit für gute Geschäfte. Nicht zuletzt das UN-Hochkommisariat für Menschenrechte hat Zweifel an den Vergabemodalitäten bekundet. Nach internationalem Druck beschloss die Regierung, eine Kommission einzurichten, die die SABL (Special Agricultural Business Leases) überprüfen soll – die ersten veröffentlichten Ergebnisse zeigen, dass von den 42 bereits untersuchten SABL lediglich 4 mit qualifizierter Zustimmung der LandbesitzerInnen entstanden. Der Rest sei auf korrupte Vorgänge zurückzuführen.

Seit 2006 haben mehr als 1,5 Millionen Kubikmeter Baumstämme das Land verlassen, die beteiligten Firmen sollen etwa 145 Millionen US-Dollar verdient haben.

Die Arbeiter sehen davon nicht viel.„Wir verdienen hier viel zu wenig“, sagt Danny Pisa. „Vielleicht 200 oder 230 Kina in zwei Wochen.“ Das sind umgerechnet 66 bis 76 Euro. Danny Pisa lebt in einem Holzfäller-Camp mitten im Dschungel. Es ist die Gegend, die Oscar Pileng auf seiner Landkarte gekennzeichnet hat. Und von hier kommen die Stämme, die Andy Tang per Schiff nach China schicken soll. Danny Pisa, Anfang 30, ist aus der Stadt Lae in diese Gegend gezogen. Während der Arbeitswoche rücken seine Kollegen den Bäumen mit Kettensägen zu Leibe, er selbst schleppt die Stämme dann mit einem Bulldozer aus dem Wald heraus und verlädt sie auf Lastwägen. „Eine harte Arbeit“, sagt er. Ihnen würden Helme fehlen, und geeignete Schuhe. Einige arbeiten barfuß. „Manchmal fühlen wir uns wirklich wie Sklavenarbeiter hier. Dabei ist es doch unser Schweiß, der das Holz aus den Wäldern holt.“

Trotz aller Schwierigkeiten sieht Pisa den Holzhandel auch positiv: Weil es ja irgendwie auch stimmt, dass der Holzhandel ihm trotz aller Schwierigkeiten einen Arbeitsplatz gebracht hat, mit dem er sich und seine Familie wenig­stens zum Teil ernähren kann. Einige Kilometer weiter hat die Firma sogar eine neue Grundschule gebaut, für die Kinder aus den Dörfern und den Lagern der Waldarbeiter.

Umweltschützer Oscar Pileng streitet das gar nicht ab. „Wir sind nicht völlig gegen ausländische Konzerne“, betont er. „Sie bringen uns ja auch einige gute Dinge.“ Aber meist seien Firmen wie RH am Ende eben doch nur auf das schnelle Geld aus. Gibt es keine Alternativen? Pilengs Organisation Forcert, die unter anderem mit der evangelischen Kirche zusammenarbeitet, bemüht sich um strengere Kontrollen der Exporte. „Außerdem möchten wir die einheimische holzverarbeitende Industrie fördern“, sagt Pileng. Kleine Sägewerke in den Dörfern, in einheimischem Besitz, das könne ein Weg sein. Doch es fällt ihm schwer, die Menschen in den Dörfern davon zu überzeugen: „Wir reden vom Umweltschutz, sie reden nur vom Geldverdienen.“

Immerhin hat auch der Staat eine neue Politik begonnen: Verstärkt sollen nun Sägewerke in Papua-Neuguinea entstehen, die das Holz noch im Land verarbeiten und es erst dann ins Ausland verkaufen.

Unterdessen gehen die Geschäfte von Andy Tang wenige Tage später schon wieder weiter. Wie er aus der Zeitung erfahren hat, ist sein Landsmann drei Tage nach der Entführung befreit worden. Er habe Papua-Neuguinea „aus Sicherheitsgründen vorübergehend verlassen“, heißt es, und werde durch einen anderen ersetzt. Für Tang war das also nur eine kurze Unterbrechung, die ihn nicht weiter beängstigt. „Ich habe fünf Jahre im Kongo gelebt“, sagt er. „Und dann noch eine Weile in Australien. Das waren harte Zeiten. Aber hier ist alles gut.“

Christian Selbherr ist Redakteur beim missio magazin, der Zeitschrift des Katholischen Hilfswerkes missio in München.

Fritz Stark ist Fotograf und lebt in Dortmund.

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