Der große Einfluss

Mexikanerinnen und Mexikaner trinken viele Softdrinks, vor allem Coca-Cola. Das hat nicht zuletzt mit niedrigen Preisen und Marketing zu tun. Die gesundheitlichen Folgen sind mittlerweile verheerend.

Von Sandra Schaftner aus Mexiko

Ein typischer Laden, mit dem indigene Bauern ein paar Pesos hinzuverdienen.© Sandra Schaftner

Samuel Gómez Sántis überlegt: „Alle ein bis zwei Wochen kaufe ich mir eine Flasche Coca-Cola“, sagt der Landwirt.

Sántis wohnt in der indigenen Gemeinschaft Guadalupe im südmexikanischen Bundesstaat Chiapas. Er lebt vom Ackerbau, von Mais, Bohnen und Gemüse. Was er nicht selbst isst, verkauft er für ein paar Pesos auf dem lokalen Markt. Davon kauft er sich Salz, Zucker, Öl, Alkohol und  – ab und an – seine „Coca“, wie viele MexikanerInnen sagen. Die bekommt er im Gegensatz zu Salz und Zucker in seiner Nachbarschaft in mehreren kleinen Läden.

Einer gehört Elena Gómez López. Auch sie lebt von der Landwirtschaft und verdient sich mit dem Laden ein bisschen Geld dazu.

Die Lebensmittel, die sie verkaufen, müssen sie im nächstgrößeren Ort, ungefähr eine Stunde Fußweg entfernt, besorgen. Die Coca hingegen wird alle paar Wochen von einem LKW bis vor die Ladentür gebracht.

„Normalerweise haben wir pro Tag zwei oder drei Kunden“, sagt Gómez López. Sie verstehe nicht, warum Coca-Cola ihr kleines Geschäft überhaupt beliefert.

Kein Entkommen. Ein anderer Ladenbesitzer in der Nachbarschaft, José Leonardo López Gómez, ahnt, was dahintersteckt: „Coca-Cola will die Konkurrenz ausschalten, vor allem Pepsi.“

Er bietet in seinem Laden die Coca in vier verschiedenen Größen an. Wasser gibt es nur in der 500-ml-Flasche, und die kostet genauso viel wie ein halber Liter Coca-Cola, umgerechnet etwa 40 Cent.

Gómez erzählt, dass die Lieferungen von Coca-Cola vor etwa 20 Jahren begonnen haben. Davor habe er hauptsächlich Pepsi und die Orangenlimonade Mirinda verkauft. Doch dann waren die Hauswände voller Coca-Cola-Werbung und die Regale in den Geschäften voller rot-weißer Flaschen.

Massive Marketingmaßnahmen sind ein Teil der Strategie von Coca-Cola. Und diese funktionieren selbst in der Region um San Cristóbal de las Casas, das ebenfalls im südlichen Bundesstaat Chiapas liegt. Dort protestierten die ZapatistInnen 1994 gegen das Nordamerikanische Freihandelsabkommen NAFTA.

Die zapatistische Bewegung steht für die Ablehnung von Großkonzernen, neoliberaler Politik und jeder Form von Kapitalismus. Nur das US-amerikanische Coca-Cola bildet eine Ausnahme. Das Unternehmen hat Deals mit den indigenen Anführern, die die Konzessionen für den Vertrieb besitzen und am Verkauf mitverdienen.

Traditionelle Feste ohne Coca-Cola sind laut dem Sozialwissenschaftler Rigoberto Alfaro-Arguello aus Chiapas nicht vorstellbar. Dem in der Region ansässigen Anthropologen Jaime Page Pliego zufolge trinken die Menschen in den Städten und größeren Dörfern durchschnittlich über zwei Liter Coca-Cola am Tag. Der gesamtmexikanische Durchschnitt liegt bei etwa 0,4 Litern täglich. (Zum Vergleich: Menschen in Deutschland trinken durchschnittlich täglich rd. 0,1 Liter Cola und Cola-Mischgetränke.)

Steuerzuckerl und Diabetes. Der Machtbereich von Coca-Cola reicht bis in die höchsten politischen Ebenen Mexikos. Im Jahr 2000 wurde Vicente Fox zum Präsidenten gewählt. Zuvor war er Chef von Coca-Cola Lateinamerika.

Fox ernannte einen ehemaligen Coca-Cola-Chef zum nationalen Wasserkommissar, der das mexikanische Wassergesetz reformierte, sodass Coca-Cola neue Konzessionen für die Förderung von Grundwasser erhielt.

2003 verhinderte Fox außerdem die Einführung einer Steuer auf zuckerhaltige Softdrinks. Seit 2014 gibt es diese zwar, aber die circa vier Cent pro Liter haben bisher nicht verhindern können, dass die Verkaufszahlen immer weiter ansteigen.

Die Folgen des hohen Softdrink-Konsums lassen sich seit Jahren in den Gesundheitsstatistiken ablesen. Vor vier Jahren rief das Gesundheitsministerium einen epidemiologischen Notstand aus. Laut Erhebungen von 2018 sind über 75 Prozent der erwachsenen MexikanerInnen übergewichtig, etwa die Hälfte davon fettleibig.

Die Diabetes-Rate in Mexiko ist die höchste weltweit, jeder zehnte Erwachsene hat Diabetes mellitus.

Die Krankheit stürzt die PatientInnen nicht nur in gesundheitliche, sondern auch finanzielle Probleme. Viele können sich die anfallenden Behandlungskosten nicht leisten.

„Alle zusammen“. Coca-Cola reagierte auf Anfragen des Südwind-Magazins nicht. Generell weist der Konzern seit Jahren jede Verantwortung von sich. Im Gegenteil, mit PR-Kampagnen wie „Kampf gegen die Fettleibigkeit“ sieht sich das Unternehmen als Teil der Lösung. „Coca-Cola Mexiko spielt in diesem Kampf eine sehr wichtige Rolle und wir sind sicher, dass wir alle zusammen triumphieren können“, so die Marketing-Verantwortliche Marisol Angelini einst (2013) in einer Pressemitteilung von Coca-Cola.

In TV-Spots macht Coca-Cola gern Werbung für Bewegung und zelebriert etwa „die verschiedenen spaßigen Aktivitäten, mit denen man Kalorien verbrennen kann, wie lachen, tanzen, springen, Gassi gehen und weitere“, so wieder die Aussendung aus 2013.

Gezeigt wird zum Beispiel eine Fahrrad fahrende Frau mit einer Coca-Cola-Flasche in der Hand. Daneben steht: „149 Kalorien, um 22 Minuten auf dem Fahrrad zu genießen.“ Coca-Cola sponsert auch den mexikanischen Diabetes-Verband.

Zu wenig Trinkwasser. ExpertInnen machen aber nicht allein Coca-Cola für die gesundheitlichen Probleme der MexikanerInnen verantwortlich. Sozialwissenschaftler Alfaro-Arguello betont, dass die Leute vor allem deswegen so viel Coca trinken, weil es an trinkbarem Wasser fehlt, vor allem in Chiapas.

Der Arzt Marcos Arana Cedeño fordert deshalb Trinkwasser-Brunnen an öffentlichen Plätzen und in Schulen. Die mexikanische Verbraucherzentrale verlangt darüber hinaus eine höhere Steuer auf zuckerhaltige Getränke und Beschränkung von Werbung, die an Kinder gerichtet ist.

Mittlerweile scheinen sich sogar manche PolitikerInnen der Problematik durchaus bewusst zu sein – der aktuelle stellvertretende Gesundheitsminister Hugo López-Gatell nannte Coca-Cola „abgefülltes Gift“.

In Oaxaca, einem anderen der über 30 mexikanischen Bundesstaaten, wurde im Zuge der Coronapandemie der Verkauf von Junkfood und Süßgetränken an Minderjährige verboten. Mexiko wurde durch die Coronapandemie stark getroffen, und eine ungesunde Ernährung kann zu einem schwereren Krankheitsverlauf führen.

Doch angesichts der hohen Zahlen von Fettleibigkeit und Diabetes erscheint die Initiative reichlich spät. Seit Jahren ergreifen die Regierungen keine wirkungsvollen Maßnahmen – zu groß ist wohl die Wirtschaftsmacht des Konzerns.

Arzt Cedeño spricht von „großen Interessenkonflikten“ und bezieht sich damit auf die Verflechtungen von politischen und wirtschaftlichen Interessen.

Die Bevölkerung hat aktuell wenig Vertrauen in die Politik. Vielleicht fühlen sich deswegen so viele vom allgegenwärtigen Coca-Cola-Slogan angesprochen, „Toma lo bueno“ – „Trink das Gute.“

Sandra Schaftner studierte Journalistik und Politikwissenschaft an der Technischen Universität Dortmund und Internationale Beziehungen im Auslandssemester in Mexiko.

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