Der Kampf geht weiter

Von Marina Wetzlmaier ·

Auf den Philippinen droht die Agrarreform endgültig zu scheitern. Auch in dem Dorf Nilantangan, über das im Südwind-Magazin bereits berichtet wurde, ist der Widerstand des Großgrundbesitzers nach wie vor spürbar.

Noch immer ist das Dorf Nilantangan nur mit dem Fischerboot erreichbar. Der Landweg würde durch die Kokosplantage des Großgrundbesitzers Gil Matias führen. Doch diese zu betreten ist verboten und gefährlich. „Der Stacheldrahtzaun steht noch“, sagt Roland Zaño zur Begrüßung. Der Mann mit der lauten rauen Stimme ist der Dorfvorsteher von Nilantangan. Seit fast sechs Jahren zieht sich der Stacheldrahtzaun nun um das Dorf – ein Symbol der Unterdrückung der Kleinbauernschaft durch den Großgrundbesitzer (vgl. die Reportage in SWM 11/09). Das Projekt „Building Bridges for Peace“ (BBP), Brückenbauen für den Frieden, sollte den BewohnerInnen neue Hoffnung auf ein Ende des Konfliktes geben. Und auf das lang ersehnte eigene Stück Land.

Nilantangan liegt auf der Halbinsel Bondoc, einer Region im Südosten der philippinischen Hauptinsel Luzon. Ein endlos wirkender Wald aus Kokospalmen bedeckt die hügelige Landschaft – zehntausende Hektar Land, die sich im Besitz einiger weniger einflussreicher Großgrundbesitzer befinden. Die größte Hacienda, Villa Reyes, wird auf 8.000 bis 12.000 Hektar geschätzt. Gegen CARPER – so heißt das 1988 initiierte Agrarreformprogramm der Regierung – wehren sich die Landlords mit allen Mitteln. Laut Gesetz haben die PächterInnen und landlosen ArbeiterInnen der Haciendas Anspruch auf einen eigenen Landtitel. Stellen sie jedoch ihre Anträge, müssen sie nicht nur mit Einschüchterungen rechnen, sondern sogar um ihr Leben fürchten.

Auf der Halbinsel Bondoc wurden in den vergangenen Jahren fünf Bauernführer ermordet. Andere erhielten Drohungen und flohen mit ihren Familien. Die LandbewohnerInnen machen „goons“ dafür verantwortlich, die privaten Sicherheitsarmeen der Großgrundbesitzer. Doch nicht nur sie tragen zu dem gewaltsamen Klima bei. Bondoc war lange Zeit eine Hochburg der maoistischen Rebellengruppe „New People’s Army“ (NPA). Noch heute geraten immer wieder unschuldige LandbewohnerInnen zwischen die Fronten von NPA und Militär.

In diesem Umfeld kam die Agrarreform auf Bondoc beinahe zum Stillstand. Das Projekt „Building Bridges for Peace“ (BBP) sollte sie wieder beleben. Es war eine Inititative der „Philippine Coalition for the International Criminal Court“ (PCICC), die zwei konkrete Ziele hatte: Durch faire Dialoge alle Beteiligten einzubinden und Sicherheit für die Landbevölkerung zu schaffen. Nur dann könne eine Landumverteilung überhaupt stattfinden. Von April bis Dezember 2009 wurden daher sektorübergreifende Dialoge geführt: Landlose ArbeiterInnen, PächterInnen, AktivistInnen der Landrechtsbewegung, AnwältInnen sowie VertreterInnen der Regierungsstellen, des Militärs und der Polizei setzten sich an einen Tisch, um gemeinsam nach Lösungen zu suchen. „Wir sind selbst überrascht, dass die Gespräche so gut verlaufen sind“, sagte damals Danny Carranza von der Landrechts-NGO „Quardds“, der das BBP-Projekt auf Bondoc koordiniert.

Die PächterInnen der Hacienda Matias bleiben in ihrem Optimismus zurückhaltend. „Erfolg braucht Zeit“, sagt eine Bewohnerin aus Nilantangan. „Die Behörden versprechen immer viel. Jetzt warten wir ab, was passiert.“ Versprochen wurde beispielsweise die Neuvermessung von 1.700 Hektar Land, die unter dem Schutz von Militär und Polizei umverteilt werden sollen. Das war eines der Ergebnisse aus den Dialogen. Doch der Prozess verläuft nur langsam; seit vorigem Jahr wurden erst zwei von sieben Parzellen vermessen. „Wenn nichts weitergeht, fahren wir nach Manila und demonstrieren“, sagt eine Pächterin. Zum CARPER-Jubiläum im Juni gab es auch tatsächlich in der Hauptstadt Proteste von Bauern und Bäuerinnen aus Bondoc.

Auf dem abendlichen Meer vor Nilantangan leuchten mittlerweile die Lampen der Fischerboote. Um vier Uhr morgens werden die Fischer des Dorfes wieder zum Strand zurückkehren, wo die Frauen auf den Fang warten. In der Zwischenzeit jedoch dröhnt hinter dem Haus von Roland Zaño laute Disko-Musik. Der Dorfvorsteher sitzt mit einer Gruppe von Bauern bei einer Flasche Matador – ein beliebter philippinischer Brandy, der bei keiner geselligen Runde fehlt. Auch wenn laut diskutiert und gelacht wird, ist die Anspannung spürbar. Einer der Bauern wurde wenige Tage zuvor Opfer neuer Schikanen: Unbekannte Männer hatten sein Haus angezündet. „Goons“, sagen die Bauern. Sie sind verunsichert. In letzter Zeit haben sich die Einschüchterungen verstärkt. Hoffnungen auf Fortschritte werden so wieder zunichte gemacht, und die Bauern haben zunehmend Angst um ihre Zukunft. Denn 2014 läuft das Agrarreformprogramm aus und allen ist klar, dass die Landumverteilung bis dahin nicht abgeschlossen sein wird.

Marina Wetzlmaier ist freie Journalistin und studiert Internationale Entwicklung und Vergleichende Literaturwissenschaft an der Universität Wien.

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