
Amidou Koita bringt nicht nur Rhythmus, sondern auch Geschichten von Offenheit und Weltbezug auf die Bühne. Beim Südwind Straßenfest wird er mit der Gitarristin Luka MC auftreten.
Amidou Koita will Bewegung in die Herzen bringen. „Die Menschen sollen tanzen können“, sagt er. Ende Mai spielt der Profimusiker aus Burkina Faso im Duo mit der kolumbianischen Gitarristin Luka MC auf dem Südwind-Straßenfest.
Bewegung meint für Koita allerdings mehr als Rhythmus. Es geht ihm auch um Wege: um die, die Menschen gehen, und um jene, die sie nie betreten. Um Gewohnheiten, die sich festsetzen. Sein Rezept: „Wir müssen raus in die Welt“, sagt Koita. „Wir können dort so viel lernen.“
Diese Haltung zieht sich durch Koitas Leben wie durch seine Musik. Er ist 1983 in Burkina Faso, übersetzt Land des aufrichtigen Menschen, geboren und in einer Griot-Familie aufgewachsen. Griots übernehmen in einigen westafrikanischen Gesellschaften zentrale Aufgaben, vor allem außerhalb der Großstädte. Sie gehen von Ort zu Ort, überbringen Nachrichten, erzählen Geschichten, spielen bei Festen Musik und vermitteln bei Konflikten.
Koita wächst in diesem System auf. Mit fünf beginnt er gemeinsam mit seiner Familie zu spielen und wird überallhin mitgenommen. Er lernt nicht nur die Instrumente zu spielen, sondern sie auch zu bauen. „Wenn du ein Griot bist, musst du dein Instrument selbst herstellen“, sagt er.
Heute spielt er unter anderem Kora und N’Goni, zwei westafrikanische Saitenharfen, dazu Gitarre, Schlagzeug und Percussion. Er singt vorwiegend auf Dioula und Bwamu. Dass ein Teil des Publikums in Europa seine Texte nicht versteht, stört ihn nicht. Entscheidend für ihn ist, dass die Musik wirkt. Rhythmus und Energie stehen im Vordergrund.
Sprachenvielfalt. Die Sprachen erzählen auch seinen eigenen Weg. In Burkina Faso mit seinen rund 24 Millionen Einwohner:innen werden mehr als sechzig Sprachen gesprochen. Seit einer Verfassungsänderung im Jahr 2023 sind alle indigenen Sprachen auch offiziell anerkannt. Französisch ist heute vor allem Verwaltungs- und Bildungssprache, während im Alltag regionale Sprachen dominieren. Koita wächst mit Bwamu auf, einer der zahlreichen Niger-Kongo-Sprachen, die den Hauptanteil der im Land gesprochenen Sprachen ausmachen: „Ich liebe meine Sprachen. Bwamu basiert zum Beispiel auf Tonhöhen. Wir sprechen ein bisschen wie mit Noten. Eine einzige Tonhöhe kann die Bedeutung eines Wortes komplett verändern.“
Als er später in die Stadt zieht, versteht ihn kaum jemand. Also lernt er auf der Straße Dioula. Später folgen Mooré und Französisch. „Man muss hinausgehen“, sagt er. „Neue Orte sehen und immer weiter lernen.“ Als er 2013 nach Europa kommt, ist er auf sich allein gestellt. Lesen und schreiben fielen ihm schwer, weil er die Schule nie besucht hatte. Aber stehenbleiben war nie eine Option.
Er lebte in Frankreich, Italien und Deutschland. Vor vier Jahren kam er nach Österreich und entschied sich zu bleiben. „Als ich angekommen bin, dachte ich sofort: Das ist mein Platz“, sagt er. Die netten Menschen und die lebendige Musikszene haben es ihm angetan. Heute spielt er auf Bühnen im In- und Ausland.
Das Südwind Straßenfest ist zurück!
30. Mai + 31. Mai 2026
Campus der Universität Wien („Altes AKH“), Hof 1u. a. mit Amidou Koita & Luka MC
am 30. Mai um 16 Uhrund einer offenen Redaktionssitzung des Südwind-Magazins
am 31. Mai um 14 Uhr.Eintritt ist frei!
Das ganze Programm unter suedwind.at/strassenfest
Afro modern. Seinen Stil beschreibt er als Afro modern: westafrikanische Rhythmen, kombiniert mit Instrumenten wie Gitarre, Bass, Keyboard und Stilen wie Funk, Afrobeat und Salsa. Koita hat erlebt, wie schnell „afrikanische Musik“ in Schubladen landet. Man legt ihm nahe, vor allem bei „afrikanischen“ Festivals zu spielen. Doch seine Musik soll nicht auf einen Kontext reduziert werden. Er spricht daher auch von Weltmusik im wörtlichen Sinn: Musik, die global funktioniert. „Wenn US-amerikanische Musiker:innen hier auftreten, sagt auch niemand, das ist ein US-amerikanisches Event“, findet Koita. „Und trotzdem gehen alle hin und tanzen.“
Seine Texte kreisen immer wieder um ähnliche Themen: Bewegung, Offenheit, Selbstbestimmung. Er singt darüber, dass man nicht dort stehen bleiben soll, wo man geboren wurde. Dass es mehr gibt als das, was man kennt.
Ein zentrales Thema ist auch die Situation von Frauen in afrikanischen Ländern. Koita beschreibt Erwartungen, die viele Mädchen früh lernen: schön zu sein, einen wohlhabenden Mann zu heiraten. In seinen Liedern setzt er dem etwas entgegen: Bildung, Eigenständigkeit und Freiheit. „Wartet nicht“, sagt er. „Geht euren eigenen Weg.“
Auch gesellschaftliche Entwicklungen in Burkina Faso greift er auf. Der Song „Zana“ ist ein Beispiel. Darin beschreibt Koita, wie sich Menschen zunehmend voneinander distanzieren: Man arbeitet weniger zusammen, isst seltener gemeinsam, Kinder spielen nicht mehr miteinander auf der Straße. „Das führt auch zu Unsicherheit und Gewalt“, sagt er und nimmt damit Bezug auf Probleme, mit denen das Land in den vergangenen Jahren zu kämpfen hatte.
Dennoch betont er: Probleme gebe es überall, in Europa wie in Afrika. Umso wichtiger sei es, miteinander zu sprechen und gemeinsam Lösungen zu finden. Wer anderen hilft, sagt er, werde das Gute irgendwann zurückbekommen, vielleicht nicht direkt, aber später, im eigenen Leben oder im Leben der nächsten Generation. „Ein einzelner Finger kann nichts heben“, zitiert er ein Sprichwort aus seiner alten Heimat. „Nur gemeinsam sind wir stark.“
Unerwartetes. Gemeinsam arbeitet er auch musikalisch. 2021 gründet er die Band Amidou Koita & Jorossin mit Musiker:innen aus Kolumbien und Österreich. Seit Jahren steht er zudem als Leadsänger und Schlagzeuger mit dem Balafonspieler Mamadou Diabaté auf der Bühne.
Zudem gibt Koita sein umfangreiches musikalisches Wissen weiter. Er unterrichtet Instrumente wie die westafrikanische Trommel Djembé, er arbeitet mit Kindern und geht in Schulen. Er erzählt Geschichten, macht Musik – und knüpft damit an die Rolle an, die Griots traditionell einnehmen, heute jedoch in einem anderen Kontext.
Dabei stößt er manchmal auch auf strukturelle Grenzen. Viele dieser Tätigkeiten setzen formale Abschlüsse voraus, Diplome, die Koita nicht hat. „Mein Diplom ist in meinem Kopf und in meinem Körper“, sagt er. Was er gelernt hat, hat er sich selbst angeeignet: durch Praxis, durch Begegnungen, durch Bewegung. Und genau das will er vermitteln. Seine Vision für die nächsten Jahre: Die Freude an der Musik weiterzutragen und auf neuen Bühnen zu stehen, wo man ihn und sein Afro modern nicht erwartet.
Milena Österreicher ist Chefredakteurin des vierteljährlich erscheinenden MO-Magazins für Menschenrechte. Als freie Journalistin schreibt sie über gesellschaftliches Zusammenleben, Demokratie, Gleichstellung und Menschenrechte.
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