Der Klebstoff moderner Gesellschaften

Jeder Mensch ist eine Welt für sich und doch bilden wir alle zusammen eine Welt.

Von Brigitte Pilz

Margret Thatcher hat folgende These vehement vertreten: „There is no such thing as society.“ Nicht die Regierung, jeder Mensch sei in erster Linie selbst für die Lösung seiner Probleme verantwortlich, sagte die britische Premierministerin im Jahr 1987. Im Zuge der Ausbreitung des Neoliberalismus wurde von Politik und Wirtschaft das Individuum ins Zentrum der Betrachtungen gestellt. Bis heute. Mit weit reichenden positiven oder negativen Folgen für Einzelne und ganze Segmente unserer Gesellschaft. „Jeder ist seines Glückes Schmied“, heißt es auch dann, wenn makro- und mikroökonomische Entscheidungen Armut Einzelner nach sich ziehen, wenn Arbeitsplätze wegrationalisiert werden, wenn der „Markt“ bestimmte Bevölkerungsgruppen ausschließt, wenn auf unterschiedliche Begabungen und Bedürfnisse keine Rücksicht genommen wird.

Abseits des Mainstream-Medien-Getöses werden inzwischen doch Stimmen laut, die die Meinung vertreten, dass diese Individualisierung in etwa dreißig Jahren vorbei sein dürfte, weil sie ökonomisch und sozial in eine Sackgasse führt und keinen Weg heraus zeigt.

Eine Vertreterin dieser „anderen“ Denkweise ist die deutsche Kulturwissenschaftlerin Christina von Braun („Der Preis des Geldes“, Aufbau Verlag 2012). Sie ist überzeugt davon, dass kein Mensch ohne Gemeinschaft überleben kann. Wir alle sind auf andere angewiesen und abhängig von dem Zusammenhalt untereinander.

Mehr noch: Die Gesellschaften, Nationen, Staaten unserer Zeit werden nicht mehr durch einen Herrscher zusammenhalten. Unsere Regierungen wechseln – richtigerweise. Der einzige Klebstoff heutiger Gesellschaften ist die soziale Gerechtigkeit, ist das Sorgen umeinander und das Bemühen, Ausgleich zu schaffen zwischen oben und unten, arm und reich, schwach und mächtig. Christina von Braun weist unter anderem darauf hin, dass Länder wie etwa die skandinavischen, in denen soziale Gerechtigkeit stärker die Politik bestimmt, besser mit der Finanz- und Wirtschaftskrise der letzten Jahre zu Recht gekommen sind.

Häufig wird die Sinnlosigkeit modernen Lebens beklagt, auch die Beliebigkeit und Unverbindlichkeit. Das Herstellen und Fördern sozialer Gerechtigkeit kann sowohl das einzelne Dasein als auch eine Gemeinschaft mit Sinn erfüllen. In der Vorweihnachtszeit steigt der Pegel an Charity-Aktivitäten enorm an. Im Einzelnen mögen Geldsammel-und-an-Bedürftige-Verteil-Aktionen durchaus sinnvoll sein. Eines kann man getrost behaupten: Charity führt gewiss nicht zu sozialer Gerechtigkeit, ist nicht der Versuch, eine Gesellschaft aufzubauen, die Armut und ungleich verteilte Chancen unmöglich macht.

Oscar Wilde hat einmal sogar gemeint, dass „gerade die schlimmsten Sklavenhalter jene waren, die ihre Sklaven gut behandelten und so verhinderten, dass die Grässlichkeit der Einrichtung sich denen aufdrängte, die unter ihr litten, und von denen gewahrt wurde, die Zuschauer waren“.

Keinem Individuum soll die Verantwortung für sein Leben abgesprochen werden und die Verpflichtung, seine Fähigkeiten zu nutzen. Die Chancen, dies auch tun zu können, verteilt unsere Gesellschaft jedoch nicht gleich und nicht gerecht.

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