Der Preis der Globalisierung

Ein Vorkämpfer für die Rechte der Landbevölkerung in Brasilien wird mit 19 Schüssen hingerichtet: Eine Warnung für alle, die sich gegen Vertreibung und Ausbeutung im Wirtschaftswunderland einsetzen.

Von Tobias Schmitt
Sein Widerstand wurde mit 19 Schüssen in Kopf und Brust beantwortet: Zé Maria auf seiner „terra“ 2008.

Bananen, Melonen, Ananas – das ganze Jahr über in unseren Supermärkten erhältlich, immer frisch und immer billig. Die Hochebene von Apodi im Bundesstaat Ceará gilt seit einigen Jahren als eine der prosperierendsten Regionen des bewässerungsintensiven Obstanbaus im Nordosten Brasiliens. Seit den 1990er Jahren haben sich hier große nationale und transnationale Unternehmen wie beispielsweise der US-Konzern Del Monte angesiedelt, um vor allem Bananen, Melonen, Papayas und Ananas großflächig anzubauen.

Das flache Gelände und die guten Böden, die unternehmerfreundliche Politik samt Steuerbefreiungen, das Vorhandensein sowohl gut ausgebildeter Fachkräfte als auch das Überangebot an „billigen“ Arbeitskräften ließen die Hochebene als idealen Standort für die Bewässerungslandwirtschaft erscheinen. Dabei wurde das semi-aride Klima des Nordostens, das bisher immer als Hinderungsgrund für Entwicklung und als Ursache für die Rückständigkeit der Region betrachtet wurde, zum eigentlichen Gunstfaktor: Die ganzjährig hohen Temperaturen, das Fehlen bestimmter, vor allem in humiden Klimaregionen vorkommender Schädlinge und Pilze und der gezielte Einsatz der Bewässerung sichern den Unternehmen gut planbare und hohe Erträge. Dabei wird die Wassersicherheit zum wichtigsten Faktor in der Produktionskette.

In seiner zweiten Amtszeit von 2007 bis 2010 hat Präsident Luiz Inácio Lula da Silva die Ableitung des São Francisco-Flusses und die „Entwicklung“ des Nordostens zu einer der wichtigsten Herausforderungen für ganz Brasilien erklärt (siehe SWM Nr. 9/07 und 7-8/09). Er, der selber aus dem Nordosten stammt und selbst erleben musste, was Trockenheit und Durst bedeuten, will mit Hilfe der Ableitung zwölf Millionen Menschen, die Durst leiden, Wasser bringen, wie er behauptet.

Doch selbst die offiziellen Zahlen des zuständigen Ministeriums sprechen eine andere Sprache: 70 Prozent des Wassers der Ableitung ist für Industrie und Landwirtschaft (insbesondere die Bewässerungslandwirtschaft) vorgesehen, 26% für die Städte und lediglich 4% soll der ländlichen Bevölkerung zugute kommen. So ist es auch nicht verwunderlich, dass im Bundesstaat Ceará das Wasser in genau diejenigen Regionen geleitet wird, in denen sich die Unternehmen der Bewässerungslandwirtschaft und der Süßwasser-Garnelenzucht angesiedelt haben.

Mittlerweile regt sich jedoch Widerstand gegen diese Art der Modernisierungspolitik der Regierung Lula. So hat sich ein breites zivilgesellschaftliches Bündnis aus Kleinbauern und -bäuerinnen, Fischervereinigungen, indigenen Gemeinschaften, Quilombolas (Nachfahren entflohener SklavInnen), Landlosen, kirchlichen Gruppierungen, Gewerkschaften, UmweltaktivistInnen usw. gebildet, um für das ökologische Fortbestehen des São Francisco-Flusses und für eine andere Politik des Umgangs mit der Dürre zu kämpfen.

Der wohl bekannteste Vertreter des Widerstandes ist Bischof Dom Luís Cappio, der nicht zuletzt mit seinen beiden Hungerstreiks in den Jahren 2005 und 2007 auch die internationale Aufmerksamkeit auf die Region lenkte. Im Zentrum dieses Kampfes geht es um eine gerechtere Verteilung von Land, um demokratische Zugangsrechte zu Wasser und um ökologische, an den Bedürfnissen der lokalen Bevölkerung orientierte, alternative Anbaumethoden.

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Einer der führenden Aktivisten auf der Hochebene von Apodi, die von der Flussableitung des São Francisco-Flusses profitieren wird, war José Maria Filho (Zé Maria), der seit Jahren für die Rechte der enteigneten Landbevölkerung und die Eindämmung des Einsatzes von Agrarchemikalien kämpfte. Nachdem auf der Hochebene ein staatliches Bewässerungsprojekt für Kleinbauern und -bäuerinnen gescheitert war und das Agrobusiness in die Region drängte, hatten viele ihre Ländereien aufgegeben oder billig an Zwischenhändler verkauft, die sie wiederum den Unternehmen zur Verfügung stellen. Viele Menschen wanderten in die Städte ab, andere erhofften sich, in den Plantagen des Agrobusiness einen festen Arbeitsplatz und somit eine gesicherte Zukunft zu finden. Diejenigen, die trotzdem bleiben wollten, wurden unter Druck gesetzt und von den sich ausbreitenden Monokulturen regelrecht umzingelt. Somit entstanden kleine Inseln von Dörfern samt einiger Ländereien innerhalb eines Meeres von Bananen-, Melonen- und Ananasplantagen.

Neben den ungeklärten Eigentumsfragen ist das Hauptproblem der BewohnerInnen die Verseuchung des Trinkwassers mit Agrarchemikalien. Da das Trinkwasser über offene Kanäle zu den Gemeinden transportiert wird und die Unternehmen die Chemikalien zur Bekämpfung von Schädlingen und Pilzen teilweise per Flugzeug versprühen, ist das Wasser oft verseucht. Laut Professor Raquel Rigotto von der medizinischen Fakultät der bundesstaatlichen Universität UFC, die bereits seit mehreren Jahren die Folgen des intensiven Chemikalieneinsatzes sowohl für die ansässige Bevölkerung als auch für die ArbeiterInnen in den Plantagen untersucht, sind Ausschläge, Allergien, Kopfschmerzen und Atemwegserkrankungen bis hin zu einer erhöhten Krebsrate die Folge des intensiven Chemikalieneinsatzes in der Region.

Dass sich trotz der vielseitigen Bedrohungen für die Umwelt und die Gesundheit der BewohnerInnen lange Zeit kein Widerstand regte, lag wohl in erster Linie daran, dass viele selbst in den Plantagen arbeiten und Angst vor dem Verlust des Arbeitsplatzes hatten. Zé Maria kannte diese Angst nicht. Unermüdlich stand er für die Rechte der Menschen ein, meldete sich bei öffentlichen Anhörungen zu Wort, sprach mit Unternehmern und PolitikerInnen, klagte vor Gericht und mobilisierte die Bevölkerung. Als am 7. September 2009, dem Nationalfeiertag Brasiliens, tausende Menschen auf der Hochebene von Apodi zusammenströmten, um beim so genannten „Schrei der Ausgeschlossenen“ gegen die Ausweitung des Agrobusiness zu demonstrieren, schien deutlich zu werden, dass die BewohnerInnen und ArbeiterInnen die herrschenden Zustände nicht länger hinnehmen wollten.

Darüber hinaus verabschiedete der Gemeinderat der Bezirkshauptstadt Limoeiro do Norte ein Gesetz, das ein Verbot der Versprühung von Agrarchemikalien per Flugzeug zum Inhalt hatte. Über dieses Gesetz sollte am 12. Mai 2010 erneut verhandelt werden. Zé Maria wäre sicherlich einer der vehementesten Streiter für die Einführung dieses Gesetzes gewesen. Dazu kam es jedoch nicht mehr. Zé Maria wurde am 21. April 2010, am Tag Tiradentes, eines in ganz Brasilien verehrten Widerstandskämpfers, mit 19 Schüssen in Kopf und Brustkorb ermordet.

Die Art und Weise dieser Gräueltat deutet darauf hin, dass damit nicht nur er zum Schweigen gebracht werden sollte, sondern dass die Tat als Zeichen für alle, die sich gegen Vertreibung und Ausbeutung und für ein besseres Leben in den Gemeinden der Hochebene von Apodi einsetzen, verstanden werden soll.

Laut der katholischen Landpastoral (CPT) nimmt die Gewalt auf dem Land in Brasilien seit 2003 erneut zu. Für Carlos Walter Porto Gonçalves, Geographieprofessor an der UFF in Rio de Janeiro, ist ein Grund dieser Zunahme das nicht eingehaltene Versprechen der Durchführung einer Landreform in Brasilien. Diese wird von Seiten der sozialen Bewegungen immer nachdrücklicher eingefordert und von den GegnerInnen immer gewaltsamer verhindert. Dabei sieht er einen unmittelbaren Zusammenhang zwischen der Ausbreitung des Agrobusiness und der Zunahme von Gewalt. Die Inwertsetzung der Natur für Gewinnmaximierung und Profitstreben, seien es Zuckerrohrplantagen für den weltweiten Agrosprit-Bedarf oder Obstplantagen für die europäischen und nordamerikanischen Supermarktregale, stellt dabei den Motor für den wachsenden Druck in bisher peripheren Gebieten dar. Somit sind auch wir, die Konsumentinnen und Nutznießer dieses Modells der internationalen „Arbeitsteilung“, unmittelbar betroffen und gefordert.

Zé Maria muss von der Gefahr, in der er lebte, gewusst haben. Wenige Wochen vor seiner Ermordung meinte er zu Freunden: „Wenn ich sterbe und ihr kämpft weiter, dann sterbe ich glücklich.“ Eine Aufforderung, die vielleicht nicht nur an sein unmittelbares Umfeld gerichtet war.

Tobias Schmitt ist Assistent am Geographischen Institut der Universität Innsbruck, promoviert über Wasser- und Machtkonflikte im Nordosten Brasiliens und ist im Vorstand des Brasiliennetzwerkes KoBra sowie seit April dieses Jahres im Vorstand von Südwind Tirol. Er kannte Zé Maria von mehreren Brasilienreisen her persönlich sehr gut.

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