Der Preis des Glücks

Um ihre Mitgift zu verdienen, arbeiten viele junge Frauen in Fabriken des florierenden indischen Textilsektors. Dort finden sie sich in einem System aus Ausbeutung und Zwang wieder.

Von Christina Bell
Schichtarbeit, Lärm, Baumwollstaub: Der Alltag in den Spinnereien ist hart. Hier kommt das „Sumangali- Prinzip“ vorrangig zum Einsatz.

Auf der Straße nach Erode herrscht reges Treiben. Autos und Busse verständigen sich nach scheinbar unsichtbaren Regeln mit Motorrädern und Rikschas über die Vorrangregeln. Zwischendurch verlangsamt ein Ochsenkarren das allgemeine Tempo. Er hat Baumwollgarn in Säcken geladen. Für eine Textilfabrik. Hinter unscheinbaren Fabriksmauern laufen Maschinen im 24-Stunden-Betrieb, bedient von meist jungen Frauen. Mit dem Einkommen wollen sie ihre Familien unterstützen oder ihre Mitgift verdienen. Sie sind „Sumangali“-Mädchen. Das Tamil-Wort steht in etwa für „glücklich verheiratete Ehefrau“ und wird von den Unternehmen verwendet, um die Frauen mit der Aussicht auf solch eine sorgenfreie Zukunft zu ködern. So wurde es zum Synonym für ein System, in dem vor allem junge Mädchen aus armen Verhältnissen ausgebeutet werden.

Tamil Nadu steht im Vergleich zu anderen indischen Bundesstaaten nicht schlecht da. Es gibt hier weniger sichtbare Armut und mehr Arbeitsplätze als in anderen Teilen Indiens. Besonders der Textilsektor in Tamil Nadu boomt. Rund 500.000 Menschen sind in den geschätzten 5.000 Spinnereien, Nähereien und Druckereien des 72-Millionen-EinwohnerInnen-Bundesstaats beschäftigt. Zwei Drittel der Textilexporte stammen von hier. Aus Baumwolle wird Garn gesponnen, daraus entstehen bunte Stoffe, aus denen Kleidungsstücke gefertigt werden, die wenige Wochen später in europäischen Filialen großer Ketten über den Ladentisch gehen. Die Betriebe sind hungrig nach Arbeitskräften. Bevorzugt werden junge Frauen, „die sind leichter zu handhaben und organisieren sich seltener“, erklärt der Soziologe Samuel Asir Raj. Mit der Aussicht, sich das nötige Geld für die Mitgift, ohne die kein Ehemann gefunden wird, verdienen zu können, werden die Mädchen in die Fabriken gelockt. Sie werden Teil des „Sumangali“-Schemas. Nach einem Zeitraum von etwa drei Jahren sollen sie eine vereinbarte Summe, meist etwa umgerechnet 400 bis 700 Euro, erhalten. Da es besonders in den Dörfern kaum Alternativen zum Geldverdienen gibt, nutzen viele der Mädchen diese Chance. Für eine Stelle im Textilsektor müssen viele umziehen, in die nächste Stadt oder den nächsten Bundesstaat. Die meisten Fabriken verfügen über angeschlossene „Hostels“, einfache, kasernenartige Unterkünfte. Die Familien freuen sich, dass ihre Töchter dort drei Mahlzeiten am Tag bekommen und im Gegensatz zu den Dörfern, wo es für unverheiratete Mädchen gefährlich ist, in Sicherheit leben können. So wird das Arrangement angepriesen.

Eine Heirat ist alternativloses Lebensziel für den Großteil der Bevölkerung, auch wenn sie viele Schwierigkeiten mit sich bringt. Vor allem für die Familie der Braut. Mit spätestens 22 oder 23 sollten die jungen Frauen verheiratet sein, die meisten Ehen werden arrangiert. Das Mitgift-System, offiziell seit 1961 in ganz Indien verboten, ist fest in der indischen Gesellschaft verankert. Wer glaubt, die Tradition hielte sich nur in weniger gebildeten Kreisen, irrt. „Je höher das Bildungsniveau, desto höher die Mitgiftforderungen der Familien“, sagt Arockiasamy Britto, Anwalt und Projektleiter bei der NGO Vaan Muhil. Möbel, Geldbeträge, Gold – Mitgift ist ein Geschäft, oft zahlen die Familien vor der Hochzeit freiwillig mehr, um ihre Tochter vor Forderungen nach der Hochzeit zu schützen. Die Gier schlägt nicht selten in Gewalt gegenüber den Bräuten oder Ehefrauen um. Seit 1986 gibt es den Straftatbestand „Tod im Zusammenhang mit Mitgift“.

Die Männer und ihre Familien, die keinen „Brautpreis“ verlangen, bilden bislang die Ausnahme. Ansonsten steht schon bei der Geburt mit dem Geschlecht fest, ob der neugeborene Mensch sich positiv oder negativ auf das Familienbudget auswirken wird: „Wir sind vier Kinder“, erzählt die NGO-Mitarbeiterin Yayanthi. „Zwei Mädchen, zwei Buben. Zwei Investitionen, zwei Einnahmequellen.“ So einfach die Gleichung, so fatal die Auswirkungen. Für ärmere Familien sind Töchter eine Bürde. Als letzter Ausweg steht der Infantizid (siehe auch Thema im Südwind-Magazin 12/2013). Dass die Zahl der Morde an weiblichen Babies gesunken ist, ist nur auf den ersten Blick positiv. Längst ermöglicht die Technik die pränatale Bestimmung des Geschlechts, was den Trend zu gezielten Abtreibungen verstärkt. Mittlerweile verbietet die Regierung den Kliniken, den werdenden Eltern das Geschlecht ihres ungeborenen Kindes mitzuteilen. Und zahlt den Familien eine Prämie, wenn Mädchen das 18. Lebensjahr erreichen.

Mit 15 hatte Jeya bereits drei Jahre Sumangali- Arbeit hinter sich.

Während der Anteil der Frauen in den Industriebetrieben zunimmt, ändert sich an ihrer Position in der Gesellschaft kaum etwas. Die Bedingungen für Frauen in der Arbeitswelt sind prekär. 100.000 bis 150.000 Mädchen arbeiten nach Schätzungen der NGO Vaan Muhil im so genannten Sumangali-Schema.  Zwölf-Stunden-Arbeitstage, denen oft unbezahlte Überstunden folgen, sind Standard, dazu werden die Arbeiterinnen rund um die Uhr überwacht. Viele Mädchen sind Schlägen oder sexuellen Übergriffen ausgesetzt, sie schweigen aus Scham. „Dschungelgesetze“ herrschten im hiesigen Textilsektor, sagt Britto.Was NGOs und Gewerkschaften besonders empört: Den ArbeiterInnen wurden Rechte weggenommen, die sie bereits erkämpft hatten – bevor Indien in den 1990ern Teil der globalisierten Wirtschaft wurde. Die Sumangali-Mädchen sind Teil der Wertschöpfungskette. „Sie bilden einen Mehrwert, indem sie Preise möglich machen, die eigentlich unmöglich sind“, sagt der Soziologe Samuel Asir Raj. Die instabilen Arbeitsbedingungen würden bewusst herbeigeführt, um die Lohnkosten und damit die Preise niedrig zu halten. Auch die Arbeitskräfte würden gezielt gesucht: arm, marginalisiert, ungebildet. Die Fabriken schicken Vermittler in die Dörfer, ihr Auftrag ist klar: Weibliche Arbeitskraft zum Diskontpreis.

Unter diesem Titel hat die indische NGO DEEPS mit Partnern und der Unterstützung der Katholischen Frauenbewegung Österreichs (KFB) eine Studie zu den Arbeitsbedingungen von Frauen erstellt. Die Ergebnisse sind ernüchternd. Die persönlichen Erfahrungen aus dem Mund der Sumangali-Opfer sind noch schlimmer: Die 17-jährige Jeya ging mit zwölf nach Erode in eine Spinnerei. In ihrem Zimmer im Hostel schliefen 30 Mädchen, es gab nur zwei Toiletten. Während der drei Jahre in der Fabrik durfte sie nur einmal zu ihrer Familie nach Hause. „Die Zustände waren schrecklich. Das Essen war ungenießbar, im Reis fanden wir oft Würmer“, berichtet Jeya. Kontakt nach außen wurde den Mädchen verboten. Auch das Fabriksgelände durften sie nicht verlassen. Trotz Schmerzen mussten die Mädchen ihrer Arbeit nachkommen.

Brauchen Sumangali-Mädchen ärztliche Versorgung, kommen sie in Kliniken, die von den Fabriken betrieben werden. Die Arztrechnung wird ihnen – ebenso wie Kost und Logis – von ihrem Tageslohn von 130 Rupien, umgerechnet etwa 1,50 Euro, abgezogen.

Die gesundheitlichen Probleme begleiten viele junge Frauen weiter, auch wenn die Sumangali-Zeit vorbei ist. Atembeschwerden, Schlafstörungen, Rückenschmerzen, unregelmäßige Menstruationszyklen. Ob sie den ursprünglich vereinbarten Betrag erhalten oder nur einen Teil, obliegt der Willkür der Arbeitgeber. Wer früher aufhört, etwa aus gesundheitlichen Gründen, bekommt nichts. Vaan Muhil und andere NGOs versuchen, Präzedenzfälle zu schaffen. 15 Fälle von Kompsensationsforderungen haben sie eingebracht, erzählt Britto. Aber der Kampf vor Gericht dauert lange. So wie der Kampf um Verbesserungen für Frauen. „Frauen sind sich ihrer Rechte heute mehr bewusst“, sagt er. Aber die Zeiten seien hart, vor allem für den Kampf um Gleichheit. In Tamil Nadu seien die patriarchalen Strukturen tief verwurzelt.

Und das ursprüngliche Versprechen, das den jungen Arbeiterinnen gemacht wird, das Dasein einer glücklich verheirateten Frau? „Ich habe keinen Gedanken an die Ehe“, sagt Jeya. Was hat mir das Leben einer verheirateten Frau schon zu bieten? Ich kenne die Probleme armer Leute.“ Ihre Freundin Manimegalai nickt. Sie möchte lieber das Leben genießen. Gelitten habe sie genug. Sie ist 19.

Die Autorin reiste im Februar im Rahmen einer Pressereise der Katholischen Frauenbewegung Österreich nach Tamil Nadu.

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