Der rosarote Bischof

Fernando Lugo schaffte einen historischen Machtwechsel in Paraguay. Doch die Herausforderungen, die auf den neuen Präsidenten warten, sind immens.

Von Gerhard Dilger
Was in Paraguay noch vor wenigen Jahren unmöglich schien, ist jetzt Wirklichkeit geworden: Die konservative, zutiefst korrupte Colorado-Partei stellt ab August nicht mehr den Präsidenten - zum ersten Mal seit 61 Jahren. Ebenso bemerkenswert: Der neue Hoffnungsträger ist nicht ein Ex-Gewerkschafter, ein Indígena oder eine Linksliberale, wie bei manchem bejubeltem Wahlerfolg des fortschrittlichen Lagers im Südamerika des 21. Jahrhunderts, sondern ein Bischof, der stark von der Befreiungstheologie geprägt wurde: der 56-jährige Steyler Missionar Fernando Lugo (vgl. SWM 5/08). Zu Beginn seiner Regierungszeit im August will der charismatische Kirchenmann mit dem silbergrauen Vollbart den Indígenas helfen, die im Elend leben, so hat er es nach seinem überraschend deutlichen Sieg am 20. April erneut versprochen. Darüber hinaus steht Lugo vor weiteren schwierigen Aufgaben.
Das Wirtschaftswachstum der letzten Jahre geht vor allem auf die hohen Weltmarktpreise für Soja zurück, denn Paraguay ist der viertgrößte Exporteur des Futtermittels. Doch diese Gewinne wandern fast vollständig in die Kassen brasilianischer Unternehmer oder von Agrarkonzernen des Nordens.

Egal wo man hinblickt, in Krankenhäuser, Schulen, Armenviertel: die Lage ist desolat. Wie ein Krebsgeschwür hat sich die Korruption ausgebreitet. "Nie wieder soll mit Vetternwirtschaft und Postenschacher Politik gemacht werden", hatte Fernando Lugo noch in der Wahlnacht verkündet.
Genau diese Praktiken sind aber auch bei den Liberalen verbreitet, der mit Abstand gewichtigsten Kraft in seiner "Patriotischen Allianz für den Wandel" aus neun Parteien und 20 Basisorganisationen. Der künftige Vizepräsident gilt zwar als integer, aber unter seinen gewählten Parteifreunden im Kongress dominieren die Politiker alten Schlages. Zum Regieren braucht Politneuling Lugo zudem Abtrünnige aus dem Lager der Rechten, der Colorados oder der Unace-Partei des schillernden Generals Lino Oviedo.
Die Bauernbewegungen hingegen, der Kern einer neuen, basisorientierten Linken und die politische Heimat Fernando Lugos, haben keine parlamentarische Erfahrung. Ihre Partei Tekojoja (Guaraní für "Gleichheit") wird gerade einen der 45 Senatoren stellen. Lugo muss seine heterogene Mitte-Links-Allianz von einem Wahl- zu einem funktionierenden Regierungsbündnis zusammenschweißen.
Eine "integrale" Landreform, wie er sie plant, wird Jahre in Anspruch nehmen. Zunächst einmal müssen die staatlichen Behörden halbwegs effizient arbeiten. Die gegensätzlichen Interessen unter einen Hut zu bekommen, ist noch schwieriger. Bislang nämlich stehen Landlose und Kleinbauern den Agrarunternehmern in einem explosiven Konflikt gegenüber, bei dem auch noch mächtige Mafiagruppen ihre Finger im Spiel haben. Lugo will neue Arbeitsplätze schaffen, um auch jenen zwei Millionen Menschen, die ausgewandert sind, wieder eine Perspektive zu bieten.

Außenpolitisch hat es der frischgebackene Präsident ebenfalls nicht einfach. Seine KollegInnen aus den Nachbarländern, der Brasilianer Luiz Inácio Lula da Silva, die Linksperonistin Cristina Fernández de Kirchner aus Argentinien oder der bolivianische Staatschef Evo Morales, gehören zwar alle dem fortschrittlichen Lager an. Die jüngste Geschichte der Wirtschaftsunion Mercosur zeigt jedoch, dass die Regionalmächte Brasilien und Argentinien zuallererst die Interessen ihrer eigenen Unternehmerschaft vertreten.
Lugos Forderung nach "energiepolitischer Souveränität" mag noch so berechtigt sein: Die Verhandlungen um die Gewinne aus der Wasserkraft des Grenzflusses Paraná dürften sich monate-, wenn nicht jahrelang hinziehen. Von Brasilien und Argentinien fordert er höhere, wie er sagt, "gerechte" Preise für den überschüssigen Strom, den Paraguay aus seinem Anteil der Riesenstaudämme von Itaipú und Yacyretá an die Nachbarn abtritt. Dieses Geld braucht Lugo für seine dringenden Sozialreformen.
Besonders eng sind die Beziehungen von Lugo und seinen Mitstreitern zu den seit drei Jahren in Uruguay regierenden Linken der "Frente Amplio". Sie stellten das größte Kontingent der WahlbeobachterInnen, die dazu beitrugen, dass es diesmal nicht zum befürchteten Wahlbetrug kam. Auch vom Temperament her gibt es Parallelen zwischen Fernando Lugo und dem gemäßigten Präsidenten Tabaré Vázquez: Polarisieren ist nicht ihr Metier.
Last but not least ist Lugos Triumph der bislang deutlichste politische Sieg der Befreiungstheologie. Nach seiner Priesterweihe 1977 verbrachte er fünf prägende Jahre in Ecuador, wo der legendäre "Indianer-Bischof" Leonidas Proaño sein wichtigster Lehrmeister wurde. Anschließend studierte er Theologie und Soziologie in Rom. Besonders der partizipative Ansatz der Befreiungstheologie, wo den Laien viel Platz eingeräumt wird, liegt ihm am Herzen.

Der Autor ist Lateinamerika-Korrespondent mehrerer deutschsprachiger Medien und lebt in Porto Alegre, Brasilien.

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