Der Schwanz der Schlange

Leonardo Padura

Kriminalroman. Aus dem kubanischen Spanisch von Hans-Joachim Hartstein. Zürich, Unionsverlag 2012, 188 Seiten, EUR 19,50

Teniente Mario Conde erinnert sich bei einem Besuch im Chinesenviertel von Havanna an einen gar seltsamen Fall, der ihn 1989 schon einmal in eben dieses verschlagen hat. Damals ging es um einen alten Chinesen, der mit einem abgeschnittenen kleinen Finger und zwei in die Haut geritzten Pfeilen von der Decke baumelte und zufällig ein Freund von Teniente Patricia Chions Paten war. Chion, chinesische Mulattin, zuständig für Wirtschaftsdelikte, Kollegin und Schwarm von Mario Conde, überzeugt ihn erfolgreich, sich des Falles anzunehmen. Doch mit welchen Folgen … Das Weltbild von Conde bezüglich der ChinesInnen gerät gehörig ins Wanken. Hinter diesem einen Toten steht die Geschichte einer ganzen Generation von Einwanderern, aber viel zu oft stößt der Ermittler auf eine Mauer des Schweigens und fragt sich, an welch seltsames Volk er hier geraten ist, „weil alle Chinesen haben Schlitzaugen, aber nicht alle sind gleich“.

Schon vor 15 Jahren hat Leonardo Padura diese kurze Geschichte um den bekannten Ermittler aus dem „Havanna Quartett“ geschrieben, allerdings wurde sie 2010 neu überarbeitet. Auch als Journalist beschäftigte er sich mit dem Schicksal der chinesischen MigrantInnen und veröffentlichte bereits 1987 eine Reportage über das Chinesenviertel. In gewohnter Manier lässt Leonardo Padura den Teniente ermitteln – grummelnd, dem Alkohol und den schönen Frauen zugeneigt, aber dabei trotz einiger Eskapaden einen halbwegs klaren Kopf behaltend. Dass hinter dem einfachen Kriminalfall mehr steckt, ist auch typisch Padura, denn er verwebt historische Tatsachen, eine Familiengeschichte, die Frage nach Schuld und Sühne mit der bekannten Figur Mario Conde und schafft so eine durch die Bank spannende Geschichte. Mit „Der Schwanz der Schlange“ schuf Leonardo Padura eine Erinnerung an die Vergangenheit, denn „während ich an dieser letzten Fassung schrieb, wurde mir klar, dass es in Havanna höchstwahrscheinlich keinen einzigen jener Chinesen mehr gibt, die mich mit ihrem Leben und ihrem Schicksal zu diesem Werk inspiriert haben“.
Ruth Papacek

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