Der Skandal Hungertod

„Ein Kind, das an Hunger stirbt, wird ermordet“, ist die Kernthese des Schweizer Soziologen Jean Ziegler, die er auch in seinem neuen Buch kenntnisreich und kämpferisch untermauert.

Von Werner Hörtner
Jean Ziegler war von 2000 bis 2008 UN-Sonderberichterstatter für das Recht auf Nahrung.

Jean Ziegler übte acht Jahre lang das Amt des UN-Sonderberichterstatters für das Recht auf Nahrung aus und lernte in dieser Funktion die Auswirkungen von Hunger und Unterernährung auf die Weltbevölkerung aus eigener Anschauung kennen. Und er diagnostiziert erschüttert das Verhalten der reichen Staaten dieser Erde: „Dieser Massenvernichtung begegnet die öffentliche Meinung des Westens mit eiserner Gleichgültigkeit.“

Die UN-Generalversammlung hat im Jahr 2000 einstimmig und feierlich die Millennium-Entwicklungsziele als Schlüssel zur globalen Armutsbekämpfung ausgerufen. Im ersten Ziel heißt es: Bis zum Jahr 2015 soll der Anteil der Hungernden an der Weltbevölkerung auf die Hälfte reduziert werden, berechnet vom Bezugsjahr 1990. Damals zählte man 827 Millionen Hungernde auf dem Planeten, im Jahr 2010 betrug sie 906 Millionen. Eine Halbierung sieht anders aus. Die Tendenz ist sogar steigernd.

Die Tragödie des Hungers galt viele Jahre lang als ein Naturgesetz, als Folge der Tatsache, dass der vorhandene Lebensraum und die Lebensmittel nicht ausreichten für die Anzahl der Menschen. Diese vermeintlich naturgegebenen „Bevölkerungsgesetze“ hatte der 1766 geborene britische Pfarrer Thomas Malthus postuliert. Seiner These nach waren Not und Elend die vom „Gesetz der Notwendigkeit“ vorgesehenen Mittel, um die Bevölkerungszunahme einzuschränken.

Die malthusianische Theorie von der drohenden Überbevölkerung der Welt und der natürlichen Auslese durch Hunger und Elend geisterte bis Mitte des 20. Jahrhunderts durch die Köpfe vieler Menschen. Vor allem die herrschenden Klassen sahen darin ein willkommenes Argument, ihre moralische Verantwortung für die Hungerkatastrophen gewissermaßen als Naturgesetz zu interpretieren. Erst im Rahmen der Vereinten Nationen und ihrer Unterorganisationen wurde das Recht auf Nahrung als ein Menschenrecht definiert und seiner Einhaltung ein zwingender Charakter zugeschrieben. In der Theorie zumindest.

Die globale Verantwortung am Hungerskandal Nr.1: Jean Ziegler erzählt, wie er aus eigener Anschauung als UN-Sonderberichterstatter die lebensrettenden Auswirkungen der Tätigkeit des Welternährungsprogramms (WFP) in Äthiopien, Bangladesch, der Mongolei und anderen Ländern erlebt hat. Dieses 1963 von der UNO ins Leben gerufene Nothilfeprogramm bei Hungerkatastrophen rettete seither Millionen Menschen das Leben. 2008 betrug das WFP-Budget noch 6 Milliarden Dollar, 2009 fiel es auf 3,2 Mrd., im darauffolgenden Jahr gar auf 2,7 Mrd. Die meisten Schulausspeisungsprogramme in den Armutsregionen der Welt mussten eingestellt werden. Viele Länder hatten die Beitragszahlungen wegen der Finanz- und Wirtschaftskrise gekürzt, während gleichzeitig hunderte Milliarden Dollar in die Bankenrettung flossen.

Die globale Verantwortung am Hungerskandal Nr.2: Jean Ziegler nennt sie unverblümt beim Namen: „Die Manager der Hedgefonds, die noblen Großbankiers und andere Raubritter des globalisierten Finanzkapitals. Dieses Raubgesindel müsste vor ein Tribunal für Verbrechen gegen die Menschlichkeit gestellt werden.“

Einige wenige transnationale Konzerne sind die Beherrscher des Agrar- und Lebensmittelmarktes, sie bestimmen den Markt und damit über die Ernährung vieler Menschen. Sie kontrollieren die Produktionsmittel wie Saatgut, Dünger, Pestizide usw. Sie beherrschen die Agrarrohrstoffbörsen, sie legen die Lebensmittelpreise fest, sie bemächtigen sich auch immer mehr der Ressource Wasser. Und sie kaufen weltweit Land auf oder pachten es, um damit zu spekulieren oder um Lebensmittel anzubauen – für den Export natürlich und nicht für die einheimische Bevölkerung.

Bei einer Diskussionsveranstaltung mit dem ehemaligen EU-Agrarkommissar Franz Fischler Ende September in Wien berichtete Ziegler, dass mehrere Anwälte das Manuskript seines neuen Buches auf Klagemöglichkeiten durchforscht hätten. Und dass sie auch zahlreiche Formulierungen herausreklamiert hätten. „Doch die Namen der zehn größten Agrarkonzerne habe ich absichtlich drinnen gelassen, und wenn sie mich klagen, so werde ich den Wahrheitsbeweis über ihr tödliches Wirken antreten.“

Auch vor den Architekten der EU-Politik in Brüssel hat der Schweizer Soziologe wenig Achtung.  „Die Scheinheiligkeit der Kommissare in Brüssel ist abgrundtief. Sie produzieren den Hunger in Afrika, und wenn dann ein paar Hungerflüchtlinge an die Grenze Europas kommen, werden sie mit militärischen Mitteln zurückgeworfen.“ Aber auch der Sittenverfall der Führungseliten in vielen Ländern der südlichen Hemisphäre, ihre Bestechlichkeit und Machtbesessenheit, ist Gegenstand der Kritik des unermüdlichen Kämpfers für die Menschenrechte.

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