Der Tod mit schwarzer Maske

Einer mysteriöse Mordserie Ende letzten Jahres fielen in Ostjava bereits über 250 Menschen zum Opfer. Die Ermordeten sind meistens Religionslehrer, Heiler und Geisterseher. Aus Indonesien berichtet

Von Jutta Lietsch
Der Ruf von Armee und Polizei ist miserabel. In Indonesien glauben heute immer mehr Menschen, daß antidemokratische Kräfte in der Regierung, in den Sicherheitskräften oder in extremen muslimischen Gruppen Unruhen gezielt schüren. Damit sollen die ersten freien Wahlen seit 45 Jahren verhindert werden.

So erklärt sich zum Beispiel auch Choirul Aman von der muslimischen Religionsgemeinschaft Nahdlatul Ulama (NU) die mysteriöse Mordserie, die Ostjava im vergangenen Jahr erschütterte: Maskierte Männer in schwarzer Kleidung töteten innerhalb weniger Wochen über 250 Menschen in mehreren Städten und Dörfern der Region.

Diese "Ninjas" kamen bei Tag und bei Nacht, sie erstachen und verstümmelten vor allem ländliche Religionslehrer der NU, aber auch die traditionell hier besonders respektierten Magier und Geisterseher. Daraufhin bewaffneten sich Dorfbewohner und lynchten zahlreiche Unschuldige. Ende Oktober endete der böse Spuk so plötzlich, wie er gekommen war.

Choirul Aman, Chef der NU Ostjavas: "Es waren Militärs, angestiftet von Teilen der alten Elite aus der Suharto-Zeit, die Chaos und Angst stiften und Reformen verhindern wollen". Der Beweis? "Sie benutzten Messer, mit denen die Armee ausgerüstet ist." Deshalb hätten viele Polizisten auch nicht gewagt, die Mörder zu jagen, sagt er. Außerdem habe ein gefangener Täter gestanden, "in einem Terrorcamp der Armee in Zentraljava ausgebildet" worden zu sein.

Was sich zunächst wie wilde Verschwörungstheorien anhört, nehmen viele Oppositionelle bitter ernst. Dem Militär trauen sie nach den jüngsten Enthüllungen über Folter, Vergewaltigungen und Morde ohnehin nicht mehr, und daß der alte Suharto seine Macht ohne Gegenwehr abgeben würde, hält niemand für möglich.

Choirul Aman mit seiner dunklen Brille und dem wirrem Haarschopf gehört zu den einflußreichsten religiösen und politischen Notablen der ostjavanischen Hafenstadt Surabaya. Die NU, mit über 30 Millionen AnhängerInnen größte muslimische Organisation Indonesiens, ist in dieser Region besonders stark verwurzelt, und ihr Vertreter Choirul ist für seine kritische Haltung gegenüber der Regierung ebenso bekannt wie für seine gute Zusammenarbeit mit den katholischen, hinduistischen und buddhistischen Kollegen.

"Wir haben Schlimmeres verhindern können", berichtet Choirul. "Als wir hörten, daß sich einige der Ninjas nach ihrer Tat in christliche Kirchen oder zu den Häusern von Chinesen flüchten wollten, wußten wir: Das ist eine gezielte Provokation, um die Bevölkerung gegen Minderheiten aufzuhetzen. Sie wollen auch bei uns die Kirchen brennen sehen. Aber wir haben unsere Mitglieder aufgerufen, die Nachbarn zu schützen - auch wenn sie keine Muslime sind."

Choirul ist lokaler Spitzenkandidat in der vom liberalen NU-Chef Abdurrahman Wahid gegründeten muslimischen PKB-Partei. "Die Ninjas haben vor allem NU-Angehörige umgebracht, weil sie glaubten, damit unsere Wahlchancen zu zerstören", glaubt er. "Aber da haben sie sich verrechnet."

Die Autorin ist Korrespondentin der deutschen

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