Der Traum vom Raum

In Ländern wie der Ukraine, Moldawien, Georgien und Armenien ist öffentlicher Raum hart umkämpftes Terrain. Nun erobern dort KünstlerInnen mit kreativen Aktionen die Städte zurück.

Von Ina Ivanceanu
Tiflis: Bei „Collecting Fears“ fragt eine Künstlerin die Menschen: „Was sind eure Ängste“?

Stadtfest in Kiew, Ukraine, Mai 2013. Tausende Menschen drängen sich rund um Andriyivsky Uzviz, den legendären Andreassteig, die älteste Straße der Stadt. Hier wohnen vor allem Kunstschaffende, die in den 1980er Jahren spartanische Ateliers und Wohnungen zugewiesen bekamen. Der steile Steig, der die Unter- mit der Oberstadt verbindet, ist in den Augen von Oligarchen, Baufirmen und StadtentwicklerInnen ein verlockendes Projektgebiet. Bauland ist rar und teuer im Zentrum von Kiew. Einige Gebäude der alten Straße sind bereits abgerissen worden, nur breite Proteste aus der Bevölkerung konnten bis jetzt größere Zerstörungen verhindern.

Der Stadtteil um den Andreassteig ist ein besonderer Ort für die Menschen in Kiew – einer Stadt, in der sich jeden Tag Geld in gläserne Business Centers, Wolkenkratzer und Schlafstädte verwandelt und in der der öffentliche Raum vor allem den Autos gehört.

Während des Stadtfestes tummeln sich in diesem Teil der Altstadt eine Menge BewohnerInnen von Kiew. Alte Damen verkaufen handgestrickte Stofftiere zum Preis von einem Glas Kompott, dem traditionellen Zwetschkensaft. Musikergruppen sind zu Fuß unterwegs, Menschen tanzen auf der Straße, ein Taxi versucht erfolglos, durch das Gewühl zu kommen. Flanieren, verweilen, die Stadt genießen: Das kann hier auch, wer wenig oder gar kein Geld hat.

Die Stadt zur Bühne machen, sie als Ausdruck des eigenen Lebens sehen, sich die urbane Umgebung neu aneignen – dazu lädt ein paar Schritte neben dem Andreassteig das Projekt SPACES ein. Auf dem staubigen Gelände einer abgerissenen Fabrik hat sich die SPACES-Karawane eine Woche lang niedergelassen. Entwickelt von der österreichischen NGO Oikodrom und ProjektpartnerInnen aus Armenien, Georgien, Moldawien und der Ukraine, geht das dreijährige Projekt der Frage nach: Wie können Kunst- und Kulturschaffende, AktivistInnen und BürgerInnen öffentlichen Raum im Sinne des Gemeinwesens verändern? Von Moskau bis Zagreb, von Odessa bis Baku kämpfen KünstlerInnen und Kulturschaffende für die Wiederaneignung gemeinsamen Stadtraumes. Gerade in den post-kommunistischen Ländern wird dieser – bedrängt von radikaler Privatisierung und politischer Kontrolle – immer enger. Seit Ende 2011 ist SPACES in der Region aktiv. Die Bandbreite der Aktionen reicht von der „School of Missing Studies“, dem „Institut für fehlende Studien“, über radikale künstlerische Performances im öffentlichen Raum bis hin zu Dialogtreffen mit nationalen RegierungsvertreterInnen, um eine Kulturpolitik zu verhandeln, die zeitgenössische Kunstformen unterstützt. Außer in Kiew entwickelt SPACES auch Kunstprojekte in Chişinău, Moldawien, in Tiflis, Georgien, und in Jerewan, Armenien.

Auf dem Gelände der alten Fabrik in Kiew gehe es auch um praktische Anregungen zur Rückeroberung der Stadt durch ihre BürgerInnen, erklärt Kateryna Botanova, SPACES-Partnerin der lokalen NGO „Foundation Centre for Contemporary Art“. Von der russischen Gruppe „Partizaning“ – einer gewaltfreien Stadtguerilla, die im ganzen ehemaligen Ostblock aktiv ist – können BesucherInnen lernen, wie sie Hydranten mit ein paar Handgriffen zu Freiluftduschen umbauen oder aus Recyclingmaterial einfache Sitzbänke zum Verweilen herstellen. In der Abenddämmerung lässt der moldawische Künstler Pavel Braila ein Modellflugzeug an einer Schnur über das Gelände sausen. Die Kamera, die darauf montiert ist, zeigt einen wilden Überblick über den Stadtteil. Wer in der Nacht kommt, erlebt einen spektakulären Auftritt der queeren lokalen Band „Lyudska Podoba“ („Menschliche Gestalt“). Eine Woche lang wird hier eine Utopie realisiert: Die Stadt als politischer Raum, die Kunst als Prozess, der in diesen Raum eingreift und ihn neu erfahrbar macht.

Wie kann man selbst die Stadt verwandeln? Das zeigt der Stadtplan der russischen Gruppe „Partizaning“, die die BewohnerInnen von Kiew dazu anregen will, aktiv zu werden.

Kunst als soziale Praxis, „relational art“, „art engagé“: Diese Begriffe umschreiben einen künstlerischen Zugang, der Kunst und Gesellschaft in eine aktive Beziehung setzt. Eine solche Kunst macht aus der Betrachterin, dem Betrachter aktive PartnerIn im schöpferischen, gesellschaftsverändernden Prozess.

SPACES in Tiflis, Georgien, Mai 2012: In der Performance „Red Carpet“ verwandelt die georgische Künstlerin Natalia Nebieridze eine heruntergekommene Untergrund-Passage mit einem Stück roten Teppich in eine Bühne für alle. Eine Meute von Claqueuren, bezahlten Applaudierern, und Paparazzi empfängt die PassantInnen, die Künstlerin selbst begrüßt sie lautsprecherverstärkt: „Herzlich willkommen, Liebhaber des Jahres! Wir gratulieren, beste Studentin!“ Die zufälligen Stars sind fasziniert, unter ihnen ein Straßenmusikant: „Ich habe diesen Applaus verdient. Ich spiele schon seit 15 Jahren hier in der Stadt!“ Neben ihm klatscht ein Passant bereits mit den KünstlerInnen mit und bemerkt: „Normalerweise ist es schrecklich heruntergekommen hier unten. Es riecht schlecht, es ist ein düsterer und gefährlicher Ort, vor allem in der Nacht. Diese Projekt verändert hier alles, zumindest für kurze Zeit.“

Möglichkeitsräume entstehen lassen, für Kunst und Kultur, für zivilgesellschaftlichen Wandel, für den freien Ausdruck und Austausch von Erfahrungen und Visionen – das sind die Anliegen von SPACES. Während des Programms in Tiflis teilten 41 KünstlerInnen aus zwölf Ländern ihre Reflexionen zu Stadt und Gesellschaft mit dem Publikum. In „Collecting Fears“ konnten StadtbewohnerInnen ihre Ängste öffentlich am Schreibtisch der Künstlerin Andrea Schneemeier abgeben und sichtbar machen – von der „Angst vor meinem Bruder“ bis hin zur „Angst vor der orthodoxen Kirche“.

Jerewan, Armenien, Herbst 2012: SPACES lädt PhilosophInnen und Kunstschaffende dazu ein, Vorträge und Workshops unter freiem Himmel abzuhalten – auf Plätzen, die mit Geschichte und politischer Symbolik aufgeladen sind. Direkt vor der haushohen Statue von „Mutter Armenien“, auf einer Anhöhe mit Blick auf den Berg Ararat und die Stadt, denkt der Theoretiker Hrach Bayadyan laut darüber nach, was nationale Monumente mit Erinnerungskultur und Staatsdoktrin zu tun haben. Die anschließende SPACES-Stadtwanderung geleitet Interessierte in das Hügelviertel „Kond“, den einzigen historischen Stadtteil, der den Umbau Jerewans in den 1960er Jahren unversehrt überstanden hat. Heute ist Kond eine Art „Stadt in der Stadt“, ein von Außenstehenden kaum betretener Mikrokosmos aus alten Häusern, oft eingesunken und nur notdürftig abgestützt. An der Schnittstelle von Partizipation, Aktivismus und Stadtplanung entwickelt das lokale SPACES-Team gemeinsam mit BewohnerInnen und kritischen ArchitektInnen ein Konzept für eine nachhaltige, sanfte Rehabilitation des Viertels – ohne die groß angelegten Abrisse und Zwangsumsiedelungen, die immer wieder im Raum stehen.

In SPACES spiegelt sich die vielfältige AktivistInnenszene der Region wider, die im westlichen Europa bisher unbemerkt blieb. Die unabhängigen Kunst- und Kulturschaffenden im Donauraum und der Kaukasus-Region zu stärken, ist ein zentrales Ziel des Projekts. Die PartnerInnen bauen neue Koalitionen und Netzwerke auf. Mit staatlichen Institutionen, etwa der Stadtverwaltung in Tiflis, arbeitet das Projekt seit einem Jahr zusammen. Seitdem ist es leichter geworden, offizielle Genehmigungen für Kunst­events im öffentlichen Raum zu bekommen, in manchen Fällen wurden inzwischen auch staatliche Förderungen ausbezahlt – Teilerfolge auf dem Weg zu einer langfristigen Verbesserung der Bedingungen für die lokale zeitgenössische Kunst- und Kulturszene.

Zurück nach Kiew: Rinat Achmetow, wohl der reichste Oligarch der Ukraine, hat den lokalen SPACES-PartnerInnen das leere Fabrikgelände für das Festival zur Verfügung gestellt. Projektintern wird diese Zusammenarbeit heftig diskutiert. Welche Alternativen gibt es in einem Land, wo die staatliche Kulturförderung die unabhängigen KünstlerInnen nicht wahrnimmt, wo Förderwege intransparent sind, wo alles unter der Hand verhandelt wird? Sind Koalitionen mit der Privatwirtschaft oder mit Einzelpersonen wie Achmetow wünschenswert oder abzulehnen? Wo endet der erträgliche Kompromiss? Die nahe Zukunft wird es zeigen: Der Oligarch hat angeboten, ein unabhängiges Kunst- und Kulturzentrum auf dem Fabrikgelände zu errichten, das die lokale Szene selbst bespielen und verwalten soll – und die Kunst- und Kulturschaffenden in Kiew, so scheint es, werden die Herausforderung annehmen.

SPACES ist ein dreijähriges EU-Projekt im Rahmen des „Eastern Partnership Culture Programmes“, das u. a. vom österreichischen Außenministerium kofinanziert wird. Das nächste große SPACES-Programm findet im September 2013 in Chişinău, ­Moldawien statt.
www.spacesproject.net

Ina Ivanceanu ist Filmemacherin und Kulturarbeiterin in Wien. Sie begleitet das Projekt SPACES unter anderem filmisch.

nach oben

Durch die Nutzung unserer Dienste erklären Sie sich mit dem Einsatz von Cookies einverstanden. Mehr Informationen