„Der Ursprung der Straflosigkeit”

Von Redaktion ·

Wie die Folgen des Massakers vor 50 Jahren die Gegenwart prägen, hat Alexander Gorski die mexikanische Journalistin und Autorin Laura Castellanos gefragt.

Warum reagierte die mexikanische Regierung derart aggressiv und brutal auf die Studentenbewegung von 1968?

Das Ganze muss man im Kontext des Kalten Kriegs sehen. Alles, was auch nur irgendwie mit sozialen Kämpfen zu tun hatte, wurde als „rote“ Bedrohung wahrgenommen. Zudem schloss sich die Bewegung an eine Vielzahl von gewerkschaftlichen und bäuerlichen Kämpfen an, die ebenfalls massiv unterdrückt wurden, da die Regierung die Einparteienherrschaft der Partei der Institutionalisierten Revolution, PRI, und die Stabilität des Landes in Gefahr sah.

Nach den Massakern vom 2. Oktober 1968 und vom 10. Juni 1971 (vgl. Zeitleiste) entschieden sich immer mehr junge Menschen für den bewaffneten Kampf. Was war die Antwort des Staates?

Die Regierung von Luis Echeverría von der PRI – sie war 1970-1976 an der Macht – entschied sich für eine Politik der Aufstandsbekämpfung und der Vernichtung. Diese Epoche ist als „Schmutziger Krieg“ in die mexikanische Geschichte eingegangen.

Zunächst wurden tausende Aktivistinnen und Aktivisten festgenommen, viele auch getötet. Später gründete der Präsident die Brigada Blanca, eine Spezialeinheit aus Polizisten und Soldaten, die Menschen nach eigenem Gutdünken einsperren, foltern und morden konnte. Zudem wurde ab 1971 das Verschwindenlassen als Methode psychologischer Kriegsführung eingesetzt, vor allem im Bundesstaat Guerrero, wo es besonders viele aufständische Gruppen gab.

Mexiko war auch das Land, in dem erstmals die berüchtigten Todesflüge durchgeführt wurden. Dabei wurden zu Tode gefolterte politische Häftlinge aus Flugzeugen ins offene Meer geworfen. Und viele der Foltermethoden, die mexikanische Sicherheitskräfte unter Anleitung US-amerikanischer Berater Anfang der 1970er erstmals anwendeten, wurden wenig später von den südamerikanischen Militärdiktaturen aufgegriffen.

Laura Castellanos ist freie Journalistin und schreibt über Sicherheitspolitik, Migration und soziale Bewegungen. Ihr Buch „México armado“ gilt als Standardwerk über die Guerillabewegungen der 1970er Jahre und den „Schmutzigen Krieg“ unter Präsident Luis Echeverría. Für ihre investigativen Reportagen wurde sie 2015 mit dem nationalen Journalismus-Preis ausgezeichnet.

Welche Nachwirkungen hat dieses dunkle Kapitel bis heute?

Anders als etwa in Argentinien oder Chile wurden die Täter von damals in Mexiko nie zur Rechenschaft gezogen. Man kann also sagen, dass die Straflosigkeit zur Normalität geworden ist. Das erklärt, wie Mexiko zum Land der Massengräber und der 35.000 verschwundenen Menschen geworden ist.

Daher ist es auch kein Zufall, dass das symbolträchtigste Verbrechen der jüngeren Geschichte – das Verschwinden der 43 Studierenden in Ayotzinapa im September 2014 – ausgerechnet in Guerrero stattfand, wo schon in den 1970er Jahren hunderte Menschen von Militär und Polizei verschleppt wurden. Der Ursprung der unglaublichen Straflosigkeit von heute liegt in dieser Epoche.

Ist der Wahlsieg von Andrés Manuel López Obrador ein Hoffnungsschimmer?

Ob es jetzt zu einem Wandel kommt, ist schwer zu sagen. Sein Fokus lag bisher vor allem auf der Bekämpfung der Korruption. Allerdings hat er angedeutet für besonders schwere Fälle von Menschenrechtsverletzungen, wie etwa das Verschwinden der 43 Studierenden, Wahrheitskommissionen einzurichten. Dabei besteht allerdings die Gefahr, dass solche Kommissionen zu einer Farce der Gerechtigkeit verkommen könnten, da Mexiko ja nach wie vor keinen funktionierenden Rechtsstaat hat.

Ohne Gerechtigkeit kann es keine Aussöhnung und keinen Neubeginn geben. Aber bis dahin wird es ein schwieriger Weg.

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