Der Wert der Ungleichheit

Ob Nationalbanker oder indische Textilarbeiterin: Nicht alle bekommen, was sie wert sind.

Von Christina Bell

Auf einer Pressereise in den Süden Indiens traf ich eine junge Frau, die drei Jahre lang in sklavenähnlichen Verhältnissen in der Textilindustrie gearbeitet hatte. Ihre Erzählungen waren schockierend. Am meisten erschütterte mich eine Bemerkung, die sie eher beiläufig fallen ließ: sie habe immer geglaubt, weniger wert zu sein als andere Menschen. Ein Satz, der mir nicht mehr aus dem Kopf gehen wollte.

Wie bemisst man den Wert eines Menschen? In einer Gesellschaft der omnipräsenten Kosten-Nutzen-Rechnung lässt sich für alles ein monetärer Wert bestimmen. Schnell findet sich im Internet ein Ansatz aus der Chemie, demzufolge ein Erwachsener – reduziert auf seinen Gehalt an Zellulose, Eiweiß und Kalk – ungefähr 15 Euro wert ist. Nicht gerade erhebend, zugegeben kurios, aber zumindest egalitär. Auch die Menschenrechte bauen darauf auf, dass alle Menschen gleich viel wert sind, unabhängig von Hautfarbe, politischer Anschauung, nationaler oder sozialer Herkunft oder anderen Kriterien. Soweit die Idee. De facto entscheiden Geburtsort, Geschlecht, ethnische Zugehörigkeit, soziale Schicht und vieles anderes mehr darüber, wie viel ein Mensch in der Gesellschaft zählt.

Auch die globale Wirtschaft basiert auf Ungleichheit. Die Arbeitskraft vieler Menschen, vor allem der Frauen im Süden, wird systematisch niedrig bewertet. Dies funktioniert auch deswegen, weil diejenigen, denen weniger Wert zugeschrieben wird, dies selbst glauben, es verinnerlicht haben. Wenn man in Indien als Mädchen am unteren Ende oder außerhalb des Kastensystems geboren wird, wird einem von der Gesellschaft recht schnell klar gemacht, dass man nicht gleichberechtigt ist. Finden sich die jungen Frauen dann in ausbeuterischen Arbeitsverhältnissen wieder, ist ihr Wille zum Protest von vornherein schon geringer. Unternehmen suchen sich gezielt ihre Arbeitskräfte aus: arm, marginalisiert, und oft weiblich. Wie perfid ist ein System, das Mädchen als billige Arbeitskräfte missbraucht, und ihnen dazu noch vermittelt, berechtigterweise weniger wert zu sein? Das Kalkül dahinter zeugt von Verachtung.

Mit dem Selbstwert ist das so eine Sache. Zurück in Österreich begegnet mir die Debatte über die hohen Pensionen in der Österreichischen Nationalbank, die hierzulande seit ein paar Monaten vor sich hin köchelt. Manche der ehemaligen Angestellten erhalten monatlich 30.000 Euro, die öffentliche Empörung verstehen sie nicht. Sie sind der Ansicht, ihr Geld wert zu sein. Kann man wirklich der Überzeugung sein, soviel Wertvolles geleistet zu haben, dass das eigene Dasein im Ruhestand monatlich mehr wert ist als das Arbeitsjahr einer Kindergartenpädagogin oder eines Sozialarbeiters?

Den honorigen Herren (in der Diskussion stehen ausschließlich Herren) sei mitnichten abgesprochen, hart gearbeitet zu haben, womit solche Privilegien gern verteidigt werden. Ob es ihre Selbstwahrnehmung beeinflussen würde, wenn sie auf Teenager-Mädchen, die in der indischen Textil-Industrie ausgebeutet werden, träfen, ist mangels empirischer Versuche ungeklärt.

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