Der Widerstandskämpfer als Friedensaktivist

Der Südafrikaner Yazir Henry verarbeitet seine schmerzhaften Erinnerungen an die Apartheidzeit mit Township-Touren.

Von Almuth Schellpeper
Die Roelandstraße Nummer zwei liegt im Zentrum von Kapstadt und ist leicht zu finden. Von hier aus starten die Township-Touren des „Direct Action Centre for Peace and Memory“, einer Organisation für Friedens- und Erinnerungsarbeit.

Es ist neun Uhr morgens, Yazir Henry kommt eilig ins Büro. Der Berufsverkehr hatte ihn aufgehalten. Yazir, Anfang dreißig, begrüßt die Gruppe freundlich und mustert uns aufmerksam.

Wie seine drei Freunde Nkululeko, Thabo und Ayanda hatte sich auch Yazir Ende der 80er Jahre der südafrikanischen Befreiungsbewegung angeschlossen. In einem jahrelangen Guerillakrieg kämpften sie gegen die Unterdrücker des weißen Apartheidregimes. Als 15-jähriger Teenager entschloss sich Yazir, politisch aktiv zu werden und ging wenig später für den African National Congress, den ANC, in den Untergrund. Er wurde Offizier von Umkhonto we Sizwe, dem militanten Arm des ANC. Heute, nach dem offiziellen Ende der Apartheid, haben Yazir und seine Freunde der Gewalt abgeschworen und verstehen sich als Friedensaktivisten. Sie hätten nicht nur überlebt, um die Erinnerung zu bewahren, sondern auch, um die Erfahrung weiterzugeben, dass Töten sinnlos sei, sagt Yazir.

Manchmal arbeitet Yazir ununterbrochen, vielleicht, so meint er selbst, weil er vergessen will. Er organisiert nicht nur Township-Touren. Yazir hat u.a. eine Seminarreihe an der Kapstadter Universität mitgestaltet, er fährt zu Friedenskonferenzen und wird von internationalen Organisationen eingeladen. Dann spricht er über seine Erfahrungen als ehemaliger ANC-Kämpfer und über seine Vorstellungen von einem friedlichen Zusammenleben in Südafrika. Und er schreibt Gedichte, für ihn auch Teil des Heilungsprozesses.

Die Gruppe macht sich zur Abfahrt bereit. Zusammen mit Yazirs Freunden steigen wir in den blauen VW-Bus. Am Steuer sitzt der stämmige Nkululeko. Wir fahren in Richtung Athlone, dem ältesten Township von Kapstadt. In der Nähe einer Polizeistation hält der Bus zum ersten Mal. Für Nkululeko ein Ort, an den er sich nur ungern erinnert: „Das war eine Polizeistation, von der aus alle Township-BewohnerInnen verfolgt wurden, die gegen die Apartheid-Regierung waren. Den kleinen Raum auf dieser Seite nannten sie Folterzimmer. Ich gehörte zu denen, die auf dieser Polizeiwache gefoltert wurden.“

Der 42-jährige Nkululeko lebt zusammen mit seiner Frau in Grassy Park, einem der Townships außerhalb von Kapstadt. 13 Jahre lang war er Soldat. Für Yazir sind seine Freunde Familienersatz. Die gemeinsamen, oft sehr schmerzhaften Erinnerungen an Gewalt, Folter und Gefängnis haben sie zusammengeschweißt.

An einer Straßenecke in Athlone, die aussieht wie jede andere Kreuzung, hält Nkululeko erneut an. Kleine Häuser mit Vorgärten säumen die Straße. An eine Mauer hat jemand in großen Buchstaben „Remember“ geschrieben. Schräg gegenüber ist eine Tankstelle, daneben ein kleiner Laden. Nkululeko berichtet uns vom so genannten Trojanischen-Pferd-Massaker. Ein Lastwagen fuhr die Straße auf und ab. Plötzlich wurden Tomatenkisten beiseite geschoben und Polizisten, die sich dahinter versteckt hatten, begannen auf die Jugendlichen zu schießen. An jener Straßenecke starben 1985 drei schwarze Jugendliche. Nichts deutet heute mehr auf die blutigen Ereignisse hin, die hier geschehen sind, keine Erinnerungstafel, kein Straßenschild.

Die Schulkinder, auf die die Polizei das Feuer eröffnet hatte, waren zum Teil so alt wie Yazir damals. Ohne zu zögern nimmt Yazir die Erzählung wieder auf: „Vorfälle wie diese haben uns damals dazu gebracht, töten zu wollen. Wir waren wütend genug, um mit Waffen zurückzuschlagen, nicht nur mit Steinen. Mein Leben und meine Geschichte sind mit vielem, was wir auf der Tour ansprechen, verbunden. Wenn diese Dinge nicht passiert wären, hätte ich mich nicht mit 16 Jahren bewaffnet in Angola wieder gefunden.“

Yazir und seine Freunde sprechen unermüdlich über die Vergangenheit, die so eng mit ihrer eigenen Geschichte verknüpft ist. Ihre Organisation, betont Yazir, helfe ihnen, Wut und Bitterkeit zu überwinden. Es bestehe nämlich die Gefahr, dass die Verbitterung vollkommen von ihnen Besitz ergreife. Und das wollten sie auf keinen Fall.

Ab Mitte der 80er Jahre wurde Yazir in die damals illegale Arbeit des ANC aufgenommen. Nach einer Verhaftungswelle floh Yazir ins politische Exil, zunächst nach Swasiland, dann nach Angola. Schließlich ging er zur politisch-militärischen Ausbildung in die Sowjetunion. Er erhielt ein Training in geheimdienstlicher Arbeit und im bewaffneten Kampf, später bildete er selbst Untergrundkämpfer aus.

1989 kehrte Yazir illegal nach Südafrika zurück. Kurz nach seiner Rückkehr wurde er verhaftet und mehrfach gefoltert. Die Frage, wer ihn an die Poizei verraten hatte, lässt ihn bis heute nicht los. Sieben Monate lang war er im Gefängnis.

Nach seiner Verhaftung im November 1989 wurde Yazir immer wieder verhört. Die Sicherheitspolizei verlangte von ihm, das Versteck eines ANC-Kameraden preiszugeben. Yazir verweigerte die Aussage. Schließlich drohten sie ihm, seine Mutter und seinen kleinen Neffen umzubringen, wenn er nicht mit ihnen zusammenarbeite. Er war sich sicher, dass das keine leere Drohung war. Er zeigte der Polizei das Haus des Freundes. Bis heute plagen ihn heftige Gewissensbisse. Nach seiner Entlassung aus dem Gefängnis musste auch er mit dem Vorwurf leben, einen Kameraden verraten zu haben.

Yazir fühlte sich von allen Seiten bedroht: von der Polizei ebenso wie von ANC-AnhängerInnen. Dem ANC hatte er sein Leben anvertraut. Doch von dort erhielt er zunächst keine Unterstützung.

Er war zutiefst enttäuscht. Für Yazir begann eine sehr schwere Zeit. Er verlor an Gewicht, an Selbstvertrauen und -achtung. In seiner Verzweiflung entschloss er sich 1996, vor der Wahrheitskommission zu reden. Bis dahin hatte er mit niemandem über seine bedrückenden Erlebnisse gesprochen, nicht mal mit seiner Familie.

Bis heute werden Yazir, Nkululeko, Thabo und Ayanda von den traumatischen Erlebnissen des Krieges verfolgt. Die Gesellschaft erwartet, dass sie sich ihren Platz suchen und funktionieren. Das ist nicht so einfach, wie Yazir schildert: „Mein Erinnerungsvermögen, das ich mit 20 hatte, habe ich verloren. Ich bin 10 Jahre älter, aber ich kann nicht mehr so denken wie früher, kann mich nicht mehr so konzentrieren. Solche Dinge machen mir zu schaffen.“

Der Bus hat uns ins Township Langa gebracht, eine Siedlung, die in den 20er Jahren für Wanderarbeiter entstand. Der Name Langa bedeutet „Sonne“. Inmitten von Hütten und Bretterbuden eine Bar, ein einfacher, dunkler Raum ohne Fenster. Ein paar Gäste sitzen auf Holzschemeln. Schließlich kommt eine behäbige Frau mittleren Alters herein und reicht eine große Blechdose mit selbst gebrautem, schäumenden Bier herum. Es schmeckt säuerlich und erfrischend.

Yazir geht es darum, Leute aus dem Ausland und aus Südafrika an Orte zu führen, an denen sie bisher noch nicht waren. „Darüber hinaus will ich zeigen, dass mein Leben es wert ist, darüber zu sprechen und dass mein Township es wert ist, es zu besuchen. In den Medien wird immer davor gewarnt, dorthin zu gehen. Es sei gefährlich und man würde nur Armen begegnen. Aber das ist nicht die Realität. Realität ist, dass dort Menschen leben mit einem breitem Lächeln in ihren Gesichten. Dafür habe ich gekämpft.“

Yazir und seine Kameraden sind Idealisten, die unter großem persönlichen Einsatz arbeiten. Von der Regierung erhalten sie keine finanzielle Unterstützung. Yazir wünscht sich, dass die Organisation „Center for Peace and Memory“ dazu beiträgt, die südafrikanische Gesellschaft zu verändern. „Ich spreche von einer Veränderung in der Wirtschaft, von wirklicher Stärkung der Bevölkerung, nicht davon, dass ein Schwarzer jetzt weißes Geld verwalten darf. Das ist ein hoher Anspruch, aber ich möchte einen Beitrag dazu leisten.“ Auf dem Weg zurück in die Innenstadt stimmen die Kameraden leise eines der alten Widerstandslieder an, während wir nach der Fünf-Stunden-Tour still und nachdenklich im Bus sitzen.

Almuth Schellpeper ist freie Journalistin und lebt in Köln.

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