Derselbe Planet, eine andere Welt …

Bis vor einigen Jahren wurden die „ohne Kontakt“ lebenden Völker kaum wahrgenommen. Heute findet ihre Existenz und Bedeutung in der westlichen Zivilisation zunehmend Beachtung und wird auch medial sichtbar.

Von Benno Glauser
Aufnahme eines unkontaktierten Volkes in der Nähe der peruanischen Grenze, gemacht von der brasilianischen Indianerschutzbehörde FUNAI, um die Menschen zu lokalisieren und somit auch vor Eindringlingen schützen zu können. © GLEISON MIRANDA/FUNAI/Surv

Selbst über sie zu sprechen ist schwierig: die ohne Kontakt zu unserer Zivilisation lebenden Indianer- und Naturvölker. Denn auch über jemanden zu sprechen ist kolonisierend; es bedeutet, ihn in die eigene Begrifflichkeit einzuschließen. Im vorliegenden Fall ist das besonders heikel, denn es geht um Völker, die außerhalb dessen stehen, was die Welt der westlichen Lebenskultur ausmacht. Sie sind sozusagen „nicht bei uns“ und können dementsprechend auch nicht selbst über sich sprechen oder ihre Rechte einfordern. So spiegeln die Namen, die man ihnen gibt, mehr das eigene Denken und Wollen der Sprechenden wider, selbst wenn diese Namen zugleich immer auch etwas über „jene Anderen“ aussagen: „Unkontaktierte Völker“ (Betonung auf dem Kontakt mit der westlichen Zivilisation, als Teil eines vorausbestimmten Prozesses) … „Abseits von unserer Zivilisation lebende Völker“ (hier liegt die Betonung auf „außerhalb“ und auf selbstbestimmter Isolation) … auch „isolierte Völker“ werden sie genannt, und man diskutiert, ob ihr Isoliert-Sein ein freiwilliges Sich-der-Zivilisation-Entziehen ist oder ein unfreiwilliges An-den-Rand gedrängt-Sein.

Letztlich sagen alle diese Namen etwas Zutreffendes über die ohne Kontakt lebenden Völker, aber sie beleuchten immer nur einen Teil dessen, was sie wirklich sind. Sich einzugestehen, dass man nicht alles sagen kann, ist auch in diesem Fall eminent wichtig: Wir gestehen damit dem Gegenüber – hier einem für uns unsichtbaren Gegenüber – jene Freiheit zu, die dadurch entsteht, dass wir anerkennen, es noch nicht gut genug zu kennen. So ist der Mangel an Klarheit hier eine Tugend, die auf der politischen Ebene des Handelns jene Unsicherheit und Vorsicht erzeugen kann, die den lebensnotwendigen Anspruch dieser Völker auf Selbstbestimmung unterstützt. Eine Selbstbestimmung, die im Gegensatz steht zu der heute meist als eine Selbstverständlichkeit dargestellten Integration in die sich als global und zentral verstehende Einheitswelt.

In Lateinamerika sind es mit Sicherheit 80 Völker. Zählt man die vermuteten, aber noch nicht erforschten Völker dazu, könnten es bis zu 120 sein. Sie leben fast alle im Amazonasbecken, naturgemäß meist an den äußersten Grenzen des jeweiligen Landes, in dem sie sich befinden, dort, wo jene Modernität, die mit Entwicklung und Fortschritt assoziiert wird, noch nicht hingelangt ist. Viele von ihnen leben versteckt und unsichtbar in den Wäldern der Grenzgebiete Brasiliens zu seinen Nachbarländern Peru, Bolivien, Ecuador, Kolumbien und Venezuela, oft beiderseits der für sie bedeutungslosen politischen Grenze. Auch einige der ohne Kontakt lebenden Gruppen des Ayoreo-Volkes leben grenzüberschreitend. Ihre Territorien befinden sich im Gran Chaco Boliviens und Paraguays. Weltweit finden sich weitere solche Völker unter anderem in Neuguinea, auf den Andamanen- und Nikobaren-Inseln und in Vietnam.

Ohne Kontakt leben bedeutet, dass noch nie ein direkter Kontakt zur westlichen Zivilisation stattgefunden hat oder dass eventuelle sporadische, kurze Begegnungen das Aufgehobensein im eigenen Weltbild und dessen Kohärenz nicht in Frage zu stellen vermochten. Denn wenn der Kontakt einmal hergestellt ist, kollabiert die Weltsicht der Kontaktierten, sie bietet plötzlich keine Erklärungen mehr, „nichts stimmt mehr“. Deshalb meint Kontakt hier immer das letztlich tief traumatische Erlebnis des erzwungenen Übergangs in eine radikal andere Welt und endet notwendigerweise mit der Unterwerfung. Unter den Begriff der Ohne-Kontakt-Lebenden fallen heute jedoch auch Völker, die bereits einmal im Kontakt lebten, sich dann aber aus eigener Entscheidung wieder zurückgezogen haben.

2010 gingen aus geringer Höhe aufgenommene, bestürzende Luftaufnahmen durch die Weltpresse, welche Angehörige eines solchen Volkes zeigten. Man konnte sogar Einzelpersonen erkennen, soeben vom Flugzeug des Fotografen überrumpelt.Und man konnte etwas von dem erahnen, was sie fühlen mochten. Das Bild wurde als kleine Sensation für ein Publikum gehandelt, welches vergessen hatte, dass die eigene Zivilisation immer noch Grenzen hat, hinter welchen sich andere Welten verbergen.

Die Existenz der ohne Kontakt lebenden Völker ist heute mit der zunehmend rasanten Ausdehnung ebendieser Grenzen der westlichen Zivilisation immer stärker bedroht. Im gleichen Maße wächst auch die Herausforderung, der sich Regierungen, Politiker, internationale Organisationen und die nicht-indigene Gesellschaft stellen müssen, wenn das Bekenntnis zur Geltung von Menschenrechten und den Rechten der indianischen Völker nicht bloß ein Lippenbekenntnis sein soll. Denn die Herausforderungen sind hier extrem. Die erwähnten Rechte können fast in allen Fällen nur mit radikalen Maßnahmen durchgesetzt werden.

So sah sich die Regierung Ecuadors 2009 der Forderung gegenüber, zum Schutz der Tagaeri-Taromenani im Gebiet des Yasuní die Förderung von Erdöl massiv einzuschränken und an einzelnen Orten sogar ganz zu unterbinden. Im August desselben Jahres hatten die ohne Kontakt lebenden IndianerInnen eine Gruppe von Neu-SiedlerInnen aus dem Hochland mit ihren überlangen, rituell bemalten Lanzen angegriffen und eine Mutter und zwei ihrer Kinder getötet.

Der Angriff‚ nicht der erste und wohl auch nicht der letzte in dieser Gegend, konnte als Reaktion auf eine kurz vorher angelegte Straße in den Urwald verstanden werden, aber auch auf den Tag und Nacht anhaltenden Lärm einer unweit im Regenwald arbeitenden Öl-Förderungsanlage. In der Folge wurde auch gefordert, die benachbarten SiedlerInnen sollten zu ihrem eigenen Schutz umgesiedelt und in eine andere Gegend gebracht werden. Schließlich hat die Regierung weder das eine noch das andere getan, und die Gefahr besteht heute für beide Seiten weiter: auf der einen die extreme Verletzlichkeit der Lebensform eines kleinen Volkes, welches als Jäger und Sammler von der Natur lebt und dazu auf ein großes Einzugsgebiet und Territorium angewiesen ist. Auf der anderen Seite steht die bereits im westlichen Zivilisationsmodell lebende Mehrheit der Bevölkerung Ecuadors, mit deren wachsendem Energiebedarf argumentiert wird. Rechte und Ansprüche der aus der Armut im Hochland entflohenen SiedlerInnen werden denjenigen der WaldindianerInnen, in deren Territorium sie unwissentlich eingedrungen sind, gegenübergestellt.

In der heute üblichen Quantifizierung jeder Problemsituation wird der Lebensraum der ohne Kontakt Lebenden umgerechnet in Quadratkilometer und sogleich auch in den Preis von Konzessionen zur Förderung von Öl oder, wie im Falle Paraguays, in Grundstückspreise pro Hektar für Privatland, auf dem der Wald für Viehzucht und Fleischproduktion zerstört wird. Menschenrechte verletzen will eigentlich niemand explizit. Andrerseits hätte ihre Umsetzung besonders wirtschaftlich so einschneidende Konsequenzen, dass man dem Problem lieber ausweicht. Manchenorts wird es weggeschwiegen, anderswo wird ein zum Schein geführter Diskurs hörbar, der aber ohne Konsequenzen bleibt. Aus Kreisen der Kirchen, auch der katholischen, wird mitunter „präventiver Kontakt“ als eine Option ins Gespräch gebracht.

Die heute anerkannten Menschenrechte gestehen den ohne Kontakt lebenden Völkern u.a. das Recht auf Selbstbestimmung zu, und darin eingeschlossen auch das Recht, weiterhin auf ihre Weise zu leben. Die Publikation eines zu ihrem Schutz ausgearbeiteten Regelwerkes der UNO, mit Verhaltensanweisungen an die Regierungen, lässt trotz vielerorts sich zuspitzender Notsituationen allerdings seit einem Jahr auf sich warten, wohl auf Druck von Regierungen und internationalen Firmen. Es empfiehlt unter anderem die Kennzeichnung, Abgrenzung und Übereignung der lebenswichtigen Territorien an die isoliert lebenden Völker. Unterdessen versuchen indianische Organisationen und engagierte NGOs, lokal mit den immer häufiger auftretenden Risiko- und Krisensituationen zurechtzukommen.

Nur in Brasilien setzt sich auch die Regierung entschieden für den Schutz der isolierten Völker ein. Im paraguayischen Teil des Gran Chaco leben Ayoreo ohne Kontakt seit Jahren in unmittelbarer Nähe neu errichteter Farmen und immer weiter fortschreitender Rodungen, in einer Haltung, die sowohl als Sich-Entziehen als auch als aktiver Widerstand gedeutet werden kann. Letztlich werden die immer stärker territorial bedrängten Völker in ihrer Einengung aber nicht überleben können, wenn nicht von „außen her“ (von der nicht-indigenen Gesellschaft aus) Raum für sie geschaffen wird. Sie drohen aufgerieben zu werden. Einige werden sich wehren, so wie die Tagaeri-Taromenani. Mitunter laufen sie auch Gefahr, wie z.B. im Amazonasgebiet, durch eindringende Goldwäscher, Holzfäller oder Drogenhändler einfach ermordet zu werden.

Mit der Bedrohung der ohne Kontakt lebenden Völker steht nicht nur ihre eigene Existenz auf dem Spiel, sondern auch ihr Weltbild und ein Umgang mit der Natur, den man als „partnerschaftlich“ bezeichnen kann und der sich drastisch von der Haltung der westlichen Zivilisation unterscheidet. Er beruht auf einer Art Prinzip des kleinstmöglichen Eingriffs in die natürlichen Lebensprozesse und Abläufe. Damit wird mit der Existenz dieser Völker auch eine weiter gefasste, kulturelle Diversität der Menschheit in Frage gestellt, mit ganz praktischen Folgen:

Würden heute Regierungen wie diejenige Ecuadors oder Paraguays auf die von den isolierten Völkern ausgehenden Herausforderungen eingehen, was gleichbedeutend wäre mit dem Drosseln der Produktion fossiler Brennstoffe oder dem Anhalten der Zerstörung der Wälder, würde etwas in der Richtung eines neuen Umgangs mit der Natur auch in der nicht-indigenen Zivilisation wieder aktiv – ohne Zweifel zum Vorteil der Zukunftschancen der Menschheit insgesamt.

Der gebürtige Schweizer Benno Glauser setzt sich seit 1977 in Paraguay für soziale, politische und kulturelle Minderheiten ein. Seit 2000 im paraguayischen Chaco ansässig, von 2002 bis 2009 Leiter der NGO Iniciativa Amotocodie, deren Einsatz der Zukunft des Ayoreo-Volkes gilt. Er und drei weitere führende Mitarbeiter der Organisation sind Zielscheibe einer medialen Hetzkampagne und eines Gerichtsverfahrens.

nach oben

Durch die Nutzung unserer Dienste erklären Sie sich mit dem Einsatz von Cookies einverstanden. Mehr Informationen