Des Multis faires Feigenblatt

Von Christian Mitterlehner ·

Nestlé England hat eine Kaffeesorte mit dem Fairtrade-Gütesiegel auf den Markt gebracht, Chiquita-Bananen tragen stolz das Zertifikat von Rainforest Alliance. Für den fairen Handel ist die Auszeichnung einzelner Produkte von internationalen Konzernen kein Gewinn, meint Christian Mitterlehner.

Seit Herbst trägt die Chiquita-Banane das Siegel der Umweltschutzorganisation Rainforest Alliance. Die Auszeichnung belegt, dass „gute Arbeits- und Lebensbedingungen auf den Plantagen sowie eine nachhaltige Landwirtschaft und der Umweltschutz groß geschrieben werden“. So steht es zumindest auf der Homepage von Chiquita, mit dem Nachsatz: „Chiquita: mehr Banane geht nicht“. Damit ist der internationale Multi nicht allein. Nestlé England besiegelte eine Kaffeesorte mit dem Fairtrade-Gütesiegel. Fein, wenn nun auch dort MarktanalystInnen und StrategInnen erkannt haben, dass die Art, wie man bisher mit Menschen und der Natur umgegangen ist, nicht die nobelste war. Beim Schreiben dieses Satzes frage ich mich aber: Geht es bei derartigen Konzernentscheidungen tatsächlich um die Menschen oder doch nur um ein paar Prozent Marktanteile und ein wenig Imagepolitur? Macht sich der faire Handel bald überflüssig, wenn wirkliche Marktbeherrscher nun „fair“ werden? Oder müssen wir als kritische KonsumentInnen uns jetzt auch schon beim Kauf von Fairtrade-Produkten Gedanken machen?

Zwei Multis, zwei Wege, am fairen Handel mitzunaschen. Die Organisation Fairtrade sieht in der Chiquita-Rainforest-Allianz die Gefahr, dass Großkonzerne Zertifizierungen missbrauchen, „um ihr ‚grünes‘ oder ‚soziales‘ Image in den Konsumentenländern zu verbessern“. Rainforest Alliance widmet sich zwar dem Schutz von Öko-Systemen, verfolgt aber keinen entwicklungspolitischen Ansatz. Als Garantin des fairen Handels kann sie daher nicht gelten.
Nestlé hingegen erfüllt mit seiner Kaffeesorte die Kriterien des fairen Handels. Ist der Multi damit auf dem fairen Weg? Mit Vorurteilen behaftet, wie ich nun mal bin, gebe ich im Internet die Stichworte „Nestlé und Gewalt“ ein. Und siehe da, Nestlé unterstützt in der Schweiz Schulen mit einem Comic-Wettbewerb, organisiert Winterschilager und hofft dadurch, „den Wissensstand der Schülerinnen und Schüler zum Thema gesunder Ernährung zu fördern und auch über Aids und Gewalt aufzuklären“. Hört sich ja ganz gut an, wären da nicht ca. 25.000 andere Einträge, bei denen unter anderem von massiven Menschenrechtsverletzungen berichtet wird. Etwa davon, dass Importverbote von verunreinigter Milch bei Seuchengefahr umgangen werden, GewerkschafterInnen, die derartiges ans Tageslicht bringen, gekündigt werden. Menschenrechte Schweiz (MERS) berichtet von einer in den USA laufenden Klage gegen Nestlé wegen Kinderhandels, Zwangsarbeit und Folterung von Kindern im Kakaoanbau im westafrikanischen Côte d’Ivoire*. Oder davon, wie in Städten wie etwa São Lourenço in Brasilien plötzlich ein wenig Wasser abgezweigt wird, weil es Nestlé braucht. Man kann es aber dann als „Pure Life“ vom Multi wieder kaufen. Vertritt nicht der Konzernchef von Nestlé International, Peter Brabeck, im Dokumentarfilm „We feed the world“ die Ansicht, es gäbe da einige Menschen mit Extrempositionen, die meinen, Wasser sei ein Gut, das allen gehören sollte? Er hingegen findet, Wasser sollte einen Wert haben und nicht jedem einfach kostenlos zur Verfügung stehen.
Die Frage, ob Nestlé mit der Fairtrade-Besiegelung einen Marketinggag gelandet hat oder ob tatsächlich ein Umdenken in der Konzernzentrale stattgefunden hat, ist nach dieser Google-Sitzung wohl beantwortet.

Doch wie geht der faire Handel damit um, wenn Multis scheinbar fair werden? Die Frage beinhaltet im Prinzip schon die Antwort. Wenn das „scheinbar“ wegfällt, wäre eine Zertifizierung zu begrüßen, wenn die „fairen“ Veränderungen nur wenige Prozente oder Promille des gesamten Multis betreffen, ist eine Zertifizierung klar abzulehnen. Fairtrade wurde zwar mit dem Anspruch gegründet, nur Produkte und nicht Firmen zu bewerten. Aber wer sagt, dass es sich dabei um ein unveränderliches Naturgesetz handelt?
Damit komme ich zum zweiten Punkt, der Frage nach der Notwendigkeit des fairen Handels. Dieser wurde unter anderem mit dem Anspruch gegründet, Alternativen zum bestehenden Handelssystem aufzuzeigen und durch politische Arbeit Machenschaften wie die eben beschriebenen bloßzustellen. Dabei ging und geht es nicht primär darum, das bestehende System durch Umsatzsteigerungen im fairen Handel zu verbessern. Wäre dem so, wäre das Projekt meiner Ansicht nach gescheitert. Zwei Zahlen zur Veranschaulichung: Der jährliche weltweite Umsatz von fair gehandelten Produkten beträgt in etwa 400 Millionen Euro. Der ausgewiesene Umsatz des weltgrößten Nahrungsmittelkonzerns Nestlé, konnte letztes Jahr um 5,8 Prozent auf 43,9 Milliarden Euro erhöht werden.

Die erste Zahl zeigt, dass es durch das Engagement von Tausenden im fairen Handel tätigen Menschen gelungen ist, diesen verstärkt zum Thema zu machen. Daran kommen auch Multis wie Chiquita und Nestlé nicht mehr vorbei. Zudem ist damit Tausenden von ProduzentInnen in Asien, Lateinamerika und Afrika eine nachhaltige Lebensgrundlage sicher.
Die zweite Zahl zeigt, dass ein weiteres Ziel des fairen Handels noch lange nicht erfüllt ist, nämlich an den allgemeinen Wirtschaftsbedingungen politisch etwas zu verändern. Dazu gehört es auch, Feigenblätter zu lüften. Denn gäbe es weniger Multis wie Nestlé, würde es den fairen Handel möglicherweise gar nicht brauchen. Die dritte Frage möge sich der/die LeserIn selbst beantworten, mehr Banane geht nämlich schon.

www.humanrights.ch

Christian Mitterlehner ist bei der ARGE Weltläden zuständig für Marketing und die Neueröffnung von Weltläden.

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