Destination Maputo

Von Margit Niederhuber ·

In Mosambik boomt die Wirtschaft. In der Hauptstadt wachsen Mittelschicht und Optimismus. Auch die Armen hoffen auf eine bessere Zukunft.

Die Avenida 25 de Setembro in der Baixa, dem ältesten Teil Maputos: Straßenhändler verkaufen Schuhe, sie sind umgeben von einer Bierwerbung als Wandbild, und von viel Grün. Maputo ist eine Stadt mit vielen Pflanzen und Grünflächen. Neben der breiten, dichtbefahrenen Straße verkaufen Frauen Obst und junge Burschen Sonnenbrillen. Vor den Büros bieten Frauen auf Ladeflächen von Autos Mittagessen aus Töpfen an. Die Verkaufsstände für Öl, Eier, Getränke oder Gemüse können am Abend zusammengeklappt und versperrt werden. Gleich neben diesen Ständen sitzen untertags noch andere Frauen, die kleinere Portionen verkaufen – gekochte Eier, einzelne Kekse oder importiertes Obst aus Südafrika, wie Weintrauben und Äpfel.

Mosambik machte in den vergangenen Monaten und Jahren Schlagzeilen. Die Kohle- und Gas-Lagerstätten des Landes gehören zu den größten der Welt. Der Rohstoffreichtum hat im südostafrikanischen Staat zu einem Boom geführt. Im Zuge der Finanzkrise migrierten tausende EuropäerInnen, allen voran PortugiesInnen, nach Mosambik.

In den meisten Fällen handelt es sich bei den EuropäerInnen um Fachkräfte, die in Maputo gefragt sind. Von den Einheimischen profitieren viele noch nicht unmittelbar von der Entwicklung: Nach den offiziellen Statistiken sind zwei Drittel der Stadtbevölkerung arbeitslos. Ein Großteil der Menschen arbeitet im informellen Sektor. Oft verdienen sie nur ein paar Cent, trotzdem sehen sie Chancen für sich und ihre Familie.

Die Stadt liegt im Westen der Maputo-Bucht, in der südlichsten Ecke des Landes. In der Bucht münden mehrere Flüsse in den Indischen Ozean. Im Zentrum der Stadt, in KaMpfumo, gibt es die geringste Armut. Die Bezirke KaTembe und KaNyaka sind durch Wasser vom Zentrum getrennt. Hier ist die Armut zwei- bis dreimal so hoch. Aber KaTembe wird sich rasch verändern, die geplante Brücke über die Bucht einen Transformationsprozess einleiten.

Gildo Dino Amor ist jung und optimistisch, er hat große Zukunftspläne. Im Moment arbeitet er in einem Haushalt, sowohl im Haus als auch im Garten. Der 23-Jährige macht Ordnung und putzt. Seine Dienstgeberin hat ihm Kochen beigebracht, er freut sich über seine neuen Kenntnisse und wendet sie im Rahmen seiner Arbeit gerne an.

Amor geht auch noch in die Schule. Aufgrund der schwierigen finanziellen Lage vieler Familien kommt es häufig vor, dass junge Menschen Schule und Arbeit verbinden müssen. Dadurch dauert dann die Schulkarriere oftmals länger, manche müssen sie auch unterbrechen.

Mosambik

  • Fläche ca. 800.000 km2 (fast zehn Mal so groß wie Österreich).
  • Ca. 24 Millionen EinwohnerInnen.
  • Hauptstadt Maputo (ca. 1,8 Mio. EinwohnerInnen).
  • Seit ca. zehn Jahren Wirtschaftswachstum von über sechs Prozent pro Jahr.
  • Neue Erdgasfunde 2011 und 2012: Mosambik könnte zu einem der größten Erdgas-Exporteure weltweit werden.
  • Human Development Index: Platz 185 (von 186).  red

Gildo Dino Amor unterstützt auch seine Stiefmutter im Haushalt, zu dem auch noch zwei kleine Buben gehören. Seine leibliche Mutter ist vor einigen Jahren gestorben. Die Stiefmutter verkauft Kekse, Süßigkeiten und Telefonkarten vor dem Haus. Sein Vater arbeitet als Wächter, ihn sieht Amor nur manchmal, nachmittags. Die Familie wohnt mitten in der Stadt, in Polana. Der Bezirk ist zweigeteilt, Polana Cimento (Portugiesisch für Zement) ist der schicke Teil mit Einkaufszentren, Restaurants und Wohnungen mit Blick aufs Meer. Gleich daneben liegt Polana Caniço (Portugiesisch für Schilf). Früher war diese Gegend voller Hütten aus Schilf, die dem Bezirk den Namen gaben. Heute sind auch hier die Häuser aus Beton. Die BewohnerInnen leben gerne hier, sie brauchen keinen teuren und zeitraubenden Transport zur Arbeit. Schulen und Einkaufsmöglichkeiten sind nahe. Aber hier bleiben zu können wird schwieriger, denn die Gegend ist gefragt. Obwohl Amor in einem Haus aus Betonblöcken mit drei Schlafzimmern wohnt, hat er Angst, dass er und seine Familie bald wegmüssen und irgendwo außerhalb der Stadt ein Stück Boden bekommen. Viele wohlhabendere Menschen kaufen ärmeren BewohnerInnen hier das Recht auf Nutzung des Bodens ab. Immer mehr kommen und bauen schöne große Häuser, die Infrastruktur verändert sich: Die Läden werden teurer, die kleinen Geschäfte und die StraßenhändlerInnen verschwinden. Die Ärmeren, die bleiben, fühlen sich zunehmend unter Druck gesetzt.

Gildo Dino Amor hofft trotzdem, seine Zukunftspläne verwirklichen zu können: „Ich wache morgens auf und gehe zur Arbeit, danach in die Schule und dann nach Hause. Ich bin in der neunten Klasse der Secundária (entspricht in etwa der 5. Klasse AHS in Österreich, Anm. d. Red.) in Polana. Ich will weitermachen“, so Gildo Dino Amor. Sein Wunsch ist es, nicht immer Hausangestellter zu bleiben: „Wenn ich mit der Schule fertig bin, möchte ich Krankenpfleger oder Lehrer werden. Ich würde gerne Philosophie oder Geschichte studieren. In der Schule gefallen mir die Fächer Geschichte, Biologie und auch Portugiesisch.“

Laut der Soziologin Carmeliza Rosário arbeiten in Maputo besonders viele Frauen illegal. Etwa jene, die auf der Straße mit Waren handeln. Oder auch die so genannten mucuristas, die Eier, Zucker, Milch und andere Produkte für den täglichen Gebrauch über die Grenze aus Südafrika bringen. Die Männer im informellen Sektor arbeiten Rosário zu Folge vor allem im Baugewerbe: „Die beste Chance auf Arbeit haben Menschen mit technischer Ausbildung: Elektriker, Tischler, Maurer“, so die mosambikanische Forscherin.

In der Altstadt Baixa finden sich neben Beamten viele JuristInnen, BuchhalterInnen, AuditorInnen, BeraterInnen. Der Dienstleistungssektor ist laut Rosário wichtig geworden in Maputo. In den Bereichen Unterhaltung und Personalwesen bzw. Personalberatung würden viele neue Unternehmen entstehen. Die Mittelklasse wachse. Viele MosambikanerInnen zwischen 35 und 45 Jahren besäßen alle Charakteristika einer Baby Boom-Generation: „Sie leben in stabilen Verhältnissen, haben Anstellungen, wohnen in einem bequemen Heim – und sie sind sichtbar“, so Carmeliza Rosário. „Sie sind ein dynamischer Mittelpunkt, für sie werden Shoppingcenter, Boutiquen, Restaurants errichtet, für sie und Gruppen von hier lebenden AusländerInnen.“

Alice Magaia arbeitet beim Rundfunk. Die Fahrt zu ihrem Haus in Mahotas, ca. eine halbe Autostunde vom Zentrum entfernt, führt vorbei am Heldenplatz von Maputo, dann zum großen Baumarkt an der Straße, in der Verlängerung der Avenida Julius Nyerere. Die Straße ist in gutem Zustand, Magaias Haus leicht zu finden. Und das, obwohl sich in der Gegend viel verändert hat: Früher waren hier Mangobaum-Plantagen. Jetzt wird an allen Ecken und Enden gebaut, heute sind vor allem große Häuser und Autos zu sehen. Alice Magaias Haus ist mittlerweile eines der kleinsten.

Mahotas ist ein Mittelschichtbezirk. Mit einer neuen Verbindung von der Küstenstraße her ist der Bezirk verkehrstechnisch gut angebunden.

Magaias Lebensweg zeigt die wechselvolle Geschichte des Landes: Die 42-Jährige wurde in den letzten Jahren der Kolonialherrschaft geboren, besuchte die Primária, die Grundschule, und arbeitete danach im Büro eines staatlichen Betriebs. Die vom Internationalen Währungsfonds aufgezwungenen Strukturanpassungen im Sinne des Neoliberalismus veränderten ihr Leben, wie das vieler anderer: Im Zuge von Privatisierungen und Liberalisierungen mussten viele ehemalige Staatsbetriebe radikal Stellen abbauen oder wurden ganz geschlossen. Auch Magaias Firma war betroffen – und sie bald arbeitslos.

Als allein erziehende Mutter ohne Job war sie gezwungen, jede Arbeit anzunehmen, sie kochte für andere, sie lieferte Torten für Hochzeiten, arbeitete in einem Haushalt. Am Abend ging sie in die Schule, die Secundária, um den Abschluss zu machen. Letztendlich konnte sie studieren und fand eine Arbeit beim Radio. Heute ist sie bei ihrem Sender Chefsekretärin. Nachdem Magaia mittlerweile auch einen Master-Abschluss in Personalmanagement hat, könnte ein weiterer Aufstieg folgen.

Alice Magaia und viele ihrer Generation sind die oft beschriebene neue Mittelschicht, die Chancen sehen und wahrnehmen. So zeigen sie den Jüngeren, dass Möglichkeiten bestehen, dass ein besseres Leben möglich ist. Der 23-jährige Gildo Dino Amor hofft, dass das auch für ihn gilt. 

Margit Niederhuber ist Regisseurin, Kuratorin und Dramaturgin. Sie hat zahlreiche Frauen- und Kunstprojekte mit dem Schwerpunkt Afrika durchgeführt.
Im Herbst 2013 erschien ihr Buch „Destino/Destination ­Maputo. Moçambique“ (Mandelbaum Verlag, € 19,90).

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