Diaspora-Hilfe unter Druck

In ganz Europa engagieren sich Syrerinnen und Syrer für ihre Heimat, auch in Österreich. Wieso diese Hilfe hierzulande nun ins Stocken geriet, dazu recherchierten Salah al-Omar und Richard Solder.

Syrische Hilfe aus der Diaspora für die kriegsgebeutelte Heimat wurde in den vergangenen Jahren zu einem Faktor: Einem Bericht der englischen Tageszeitung Guardian zu Folge entstanden seit dem Beginn der Revolution 2011 innerhalb, aber vor allem außerhalb Syriens zwischen 600 und 700 Organisationen, Vereine und Gruppen, die mit der syrischen Diaspora in Verbindung stehen.

75 Prozent der Hilfe für Syrien kommt laut dem Artikel, der sich auf eine Untersuchung der britischen Forschungseinrichtung Humanitarian Policy Group beruft, mittlerweile von neuen syrischen NGOs wie „Hand in Hand“.

Auch in Österreich wurden Exil-Syrerinnen und -Syrer rasch aktiv, etwa im Rahmen der Hilfsaktion der in Wien ansässigen humanitären Organisation Humanic Relief. Im Zuge der Revolution in Syrien entstand zudem der syrisch-österreichische Koordinationsrat. Darin sammelten sich Menschen unabhängig von Religionszugehörigkeit und Ethnien, die für einen Wandel und ein Ende des Regimes von Baschar al-Assad eintreten.

Die Hilfe für Syrien stand von Anfang an ganz oben auf der Agenda des Koordinationsrats: Kleidung, Medikamente und Hilfsmittel wie Krücken oder Rollstühle wurden gesammelt. Auto-Konvois brachten die Güter dann über die Türkei nach Syrien. Mit der Hilfe von Aktivistinnen und Aktivisten in Konfliktgebieten, mit denen man via Internet verbunden war, wurden die Lieferungen dann an der Grenze oder ein Stück im Landesinneren übergeben.

Veränderte Lage. Doch vor zwei Jahren kam es zu einem Einschnitt. Durch die Eskalation des Konfliktes wurde es unmöglich, Lieferungen direkt zu übergeben. Das Risiko für die Helferinnen und Helfer wurde zu hoch. „Die Lage hat sich 2013 verändert“, bestätigt Badran Farwati, der seit der Anfangszeit beim Koordinationsrat mitarbeitet und mehrmals bei der Übergabe von Spenden dabei war. „Die Situation in Syrien selbst ist seither komplizierter und für Vertreter von Initiativen wie unserer riskanter.“

Auch in der Türkei tauchten Probleme auf: Sei es etwa anfangs möglich gewesen, Medikamente über die Türkei nach Syrien zu bringen, hätten türkische Grenzbeamten ab 2013 angefangen, dies zu unterbinden.

Der Koordinationsrat ist laut Farwati dazu übergegangen, Geldspenden zu sammeln und mittels Bargeldtransfer nach Syrien zu schicken. Gesammelt wird etwa jeden Sonntag am Wiener Stephansplatz im Rahmen einer Demonstration, sowie im Islamischen Zentrum in Wien-Floridsdorf sowie punktuell auf Veranstaltungen.

Lokale syrische Initiativen in jenen Gebieten, in denen noch genügend Infrastruktur aufrecht ist, sind über das Internet mit dem Koordinationsrat verbunden. Sie übernehmen das Geld und kaufen Lebensmittel, Medikamente, Hygieneartikel oder Diesel und Gas zum Heizen. Wer was bekommt, entscheiden die Gruppen vor Ort. Retour nach Wien werden Fotos geschickt, die die Verteilung der Spenden dokumentieren.

Langer Atem. Auch das Spenden-Sammeln sei schwieriger geworden, so Farwati. Das meiste Geld komme aus der syrischen Community. Je länger der Konflikt dauere, desto weniger würden syrische Familien hierzulande dafür ausgeben. Die direkte Unterstützung der eigenen Verwandtschaft habe immer öfter Priorität.

Österreicherinnen und Österreicher würden generell eher zaghaft spenden. Der Koordinationsrat kann wegen fehlender Ressourcen kaum Öffentlichkeits- und Aufklärungsarbeit leisten. Zudem sinkt die Motivation von vielen im Verein. Farwati: „Der Krieg in Syrien dauert nun schon fünf Jahre, das ist eine lange Zeit. Vielen von uns geht die Energie aus.“

Salah al-Omar, Journalist aus Damaskus, ist Teil von Join. Das Netzwerk vernetzt geflüchtete Journalistinnen und Journalisten mit österreichischen Medien. www.join-media.eu

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