Dickhäuter als Spielball

In Sri Lanka kommen Elefanten traditionell in rituellen Prozessionen zum Einsatz – die Kritik daran wächst. Jetzt werden die Rüsseltiere zudem noch politisch vereinnahmt.

Von Werner Zips und Angelica V. Marte

Schallende und schillernde Prozession in Kandy, Sri Lanka. Heftige Kritik daran kommt von TierschützerInnen.© Angelika V. Marte

Eine gewaltige Detonation erschüttert den Tempelbezirk in Kandy. Doch die Einheimischen der Stadt in der Mitte Sri Lankas scheinen kaum Notiz davon zu nehmen. Sie kennen das Ritual: Es handelt sich um den allabendlichen Böllerschuss aus einer uralten Kanone, der den Beginn jeder Elefantenprozession markiert.

Drei mächtige Elefanten treten wie Lichtgestalten aus dem Inneren des Tempels Sri Dalada Maligawa. Mit Blumengirlanden und Lichterketten zeremoniell geschmückt werden sie für die zweiwöchige Perahera im Juli und August geweiht.

Perahera bedeutet die rituelle Prozession einer sakralen Reliquie. Bei der berühmtesten Perahera im Inselstaat südlich von Indien dreht sich alles um das wichtigste buddhistische Heiligtum des Landes. Auf dem Rücken eines gewaltigen Tempelelefanten wird der angebliche linke Eckzahn Buddhas in einer Schatulle durch die Stadt getragen. Eine Licht- und Ton-Show der Superlative begleitet den Umzug der als heilig verehrten Dickhäuter.

Auftritt der TierschützerInnen. Während Einheimische und TouristInnen die Inszenierung genießen, klagen immer mehr TierschützerInnen: Neben der ohrenbetäubenden Geräuschkulisse und dem grellen Licht kritisieren sie vor allem die schweren Ketten um die Elefantenbeine.

Auch gegen den Einsatz der sogenannten Ankus-Holzstöcke erheben sie Einspruch. Mit den mit spitzen Haken versehenen Stöcken bohren die Mahuts, die Elefantenführer, in die Elefantenhaut, um die Tiere zu dirigieren. Kein Wunder, dass Zeremonien mit bis zu 100 Dickhäutern bei zahlreichen Tempelfesten auf die schwarzen Listen nationaler und internationaler Tierschutzorganisationen wie Elefanten in Not oder „People for the Ethical Treatment of Animals“ gerückt sind.

Achtung für Wildtiere. Dabei trägt die Vorstellung vom Elefanten als „heiligem Tier“ auf der anderen Seite dazu bei, die wildlebenden Tiere zu achten. Viele Elefanten leben in dem einwohnerstarken Inselstaat im Indischen Ozean außerhalb der Nationalparks, auch nahe an Dörfern.

Wenn die Tiere sich an der Ernte vergreifen oder mitunter auch Menschen verletzen oder töten, wird schnell der Ruf nach „Lösungen“ des „Elefantenproblems“ laut: Entweder in Form von gezielten Tötungen oder der Einschränkung ihrer Habitate durch eingezäunte Wildreservate.

Die Existenz der Tempelelefanten und deren Verehrung können helfen, eine gewisse Toleranz deren wilden Artgenossen gegenüber zu erreichen. Das ist wichtig, denn der Bestand der Tiere ist weltweit bedroht, nicht zuletzt durch die stark gestiegene Nachfrage nach Elfenbein in asiatischen Ländern, allen voran China.

Die Internationale Naturschutzorganisation IUCN stuft den Asiatischen Elefanten seit 1986 als stark gefährdet ein und schätzt den Populationsrückgang im Zeitraum von drei Generationen auf 50 Prozent.

Online-Elefanten. In Sri Lanka waren die Proteste der TierschützerInnen zuletzt so erfolgreich, dass die srilankische Naturschutzbehörde zahlreiche Perahera-Elefanten aus Tempeln und von privaten Besitzern konfiszierte. Sri Lankas Medien sprechen deshalb von einer veritablen „Elefantenkrise in Kandy“ und diskutieren ein mögliches baldiges Verbot der Perahera in ihrer bisherigen Form.

Die buddhistische Tempelverwaltung reagiert dieses Jahr darauf ihrerseits mit Kreativität: Da die Perahera heuer wegen der Covid-19-Pandemie nicht vor Publikum stattfinden konnte, wurde sie erstmals in ihrer jahrhundertelangen Geschichte unter Ausschluss der Öffentlichkeit veranstaltet. Sie fand zwölf Festivaltage lang als rein virtuelles, im Netz übertragenes Ereignis statt. Und dafür genügten rund 30 Tempelelefanten, statt der zuletzt üblichen 70-100.

Knapp vor der Wahl. Es war wohl kein Zufall, dass die wegen Corona um mehrere Monate verschobenen Parlamentswahlen nur einen Tag nach der Perahera, am 5. August, angesetzt waren.

Das Festival sollte vor allem eines demonstrieren: politische Stabilität und Gestaltungskraft der Regierung auf der Basis von „Recht und Ordnung“.

Nicht nur wegen der Coronakrise: Der Wahl vorangegangen waren seit Herbst 2019 politisch chaotische Verhältnisse, die die Auflösung des Parlaments und den Rücktritt des damaligen Premierministers zur Folge hatten.

Die Wahl brachte einen Erdrutschsieg der sozialistisch-nationalistischen Sri Lanka People’s Freedom Alliance (SLPFA) unter der Führung des amtierenden Premierministers und früheren Präsidenten Mahinda Rajapaksa.

Rajapaksa und sein Bruder Staatspräsident Gotabaya Rajapaksa, gehören wie die Mehrzahl der Sri LankerInnen der Volksgruppe der überwiegend buddhistischen SinghalesInnen an (siehe Infokasten).

SinghalesInnen first. Vieles spricht dafür, dass die Umformung gemäß buddhistischen Werten und einer singhalesisch-buddhistischen Leitkultur – nach einer kurzen Unterbrechung unter der vorangegangenen Regierung – nun wieder in vollem Umfang aufgenommen wird.

Drei Tage nach der Wahl vereidigte Präsident Gotabaya Rajapaksa seinen älteren Bruder Mahinda ausgerechnet in jenem buddhistischen Tempel, der seit der Unabhängigkeit als nationalistisches Zentrum gilt.

Das ist ein starkes Symbol der Machtkonzentration bei der den politischen Ton angebenden Familie und ein Bekenntnis zum Buddhismus zugunsten der singhalesischen Mehrheitsbevölkerung. Die sakrale Parade der Elefanten kurz vor der Wahl war insofern auch ein Politikum.

Fragiler Frieden. Die Elefanten-Prozession kam einer zweiwöchigen Wahlkampagne für die Interessen der buddhistischen Mehrheit und der sie repräsentierenden SLPFA gleich. Das Motto „Eigeninteressen zuerst“ macht offenbar auch in Sri Lanka Schule.

Der fragile Frieden seit 2009 mit der tamilisch-hinduistischen Minderheit im Nordwesten der Insel könnte dadurch wieder ins Wanken geraten.

Wie die Perahera-Feier 2021 aussehen wird, ist offen. Auch die Elefanten-Krise ist noch lange nicht gelöst.

Werner Zips ist Professor am Institut für Kultur- und Sozialanthropologie der Universität Wien. Angelica V. Marte ist Researcher an der Zeppelin Universität (Friedrichshafen/D) und Consultant.

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