Die Abwahl

Bei Nigerias Präsidentenwahlen Ende Februar herrschte Einigkeit darüber, daß die Militärherrschaft ein Ende haben müsse. Ansonsten stand es eher schwach um Inhalte und Programme, berichtet aus Lagos

Von Markus Brunner
Wahlkampagne in Nigeria. Mit Lastwägen werden die Schmiergelder für die Parteitagsdelegierten im Lande verteilt, weil der größte Geldschein nur 6,50 Schilling entspricht. Die Botschaften im Wahlkampf sind kurz und einfach: Die Peoples' Democratic Party affichiert "Vote for PDP - Obasanjo", die Wahlallianz aus Alliance for Democracy und All Peoples Party hält dem ein herzhaftes "Vote for AD/APP - Falae for President" entgegen. Keine hohlen Sprüche, keine leeren Versprechungen.

Vor der Parteizentrale der PDP in Ikeja, einem Industrie- und Wohngebiet in der Nähe des Flughafens von Lagos, schmettert eine Gruppe bunt gekleideter Yoruba-Frauen Parteisongs in die Mittagshitze, berauscht wohl eher vom eigentümlichen Aroma der Guinness-Brauerei nebenan als vom Charisma des Spitzenkandidaten. Der Parteisekretär für den Bundesstaat Lagos, Chief Adelani Sobaloju, hat zwar das PDP-Motto "Justice, Unity & Progress" auf der Visitenkarte, muß aber auf die Frage nach den drei hauptsächlichen Programmpunkten der PDP lange nachdenken. "Erstens ... Einheit, ... zweitens ... Leadership, drittens ... ," kommt es schließlich zögernd, "... eine Führungsrolle in der Wirtschaft".

Bei den anderen Parteizentralen sieht es auch nicht besser aus. Die APP hat gar noch zwei Tage vor der Wahl ihr Büro in Surulere mit "Saraki for President"-Plakaten vollgepflastert, obwohl dieser längst aus der Partei ausgeschlossen ist.

Erst eine Woche vor den Präsidentschaftswahlen wurden die Kandidaten der Wahlbehörde gemeldet, begann das öffentliche Buhlen um jenes Amt, das die Militärs seit 15 Jahren partout nicht aus der Hand geben wollten. "Weil die Bevölkerung so die Nase voll hat von Militärregierungen, ist sie bereit, jede Alternative zu akzeptieren, auch wenn es eine pseudodemokratische Regierung ist", meint Bismarck Rewane, Herausgeber eines Wirtschafts-Newsletters.

Inhalte sind nebensächlich bei dieser Wahl, ganz wie bei Europas Neuer Mitte. "Vorwärts" ist das Motto.

Entscheidend sind traditionelle Loyalitäten und die Vorgaben lokaler "strong-men" - und die wechseln die Parteien je nach Höhe des Angebots. "Cash-and-carry-Politiker" nennt Nosa Igiebor, Chefredakteur der kritischen Wochenzeitschrift "Tell", diese Spezies.

Dann der große Tag, Samstag, 27. Februar. Die ungewöhnliche Ruhe an diesem Wahlvormittag beschert ungewohnte Blicke in die Eingeweide der Megametropole Lagos. Menschenleere Märkte, deren schnell zusammengezimmerte Holzbuden wie Friedhöfe anmuten, riesige Müllhalden, auf denen Ziegen und streunende Hunde ihre kurze Alleinherrschaft genießen, das völlige Fehlen der üblichen Geräuschkulisse aus Hupen, Motorenlärm, Sirenen und den lautstarken Anpreisungen der fliegenden HändlerInnen.

In fünf Minuten haben wir auf der zwei Kilometer langen Broad Street ganz Lagos Island durchquert, bei normalem Verkehr eine Reise von mehreren Stunden.

Dann noch zwei Mal um die Ecke, fußballspielenden Kindern und verstreutem Unrat ausweichend, weiter zum Balogun Square. Während der Woche wachsen hier die Marktstände zusammen wie die Blätterdächer im Regenwald, ein Durchkommen ist schon zu Fuß schwierig, mit dem Auto unmöglich.

Heute konzentriert sich eine Menschengruppe um einen Tisch weit hinten, wo ansonsten Stoffe aus Vorarlberg und billige Ware aus Fernost angeboten werden.

Knapp vor elf Uhr wird das Wahllokal von etwa 30 Leuten belagert, schreiend, drängelnd. Sie halten den verzweifelten Funktionären der INEC, der unabhängigen Wahlkommission, Wahlkarten unter die Nase, meist ganze Bündel in einer Hand. Erst die Eintragung anhand der Wahlkarte ermöglicht die Stimmabgabe. Da der Südwesten Nigerias fest in der Hand der AD ist, meint der Wahlbeisitzer der PDP nur, das sei schon in Ordnung. Wer will sich denn schon mit den 30 jungen Burschen anlegen, wenn es selbst die beiden Polizisten angesichts des Tumults vorziehen, die letzten Ergebnisse der englischen Fußballiga zu diskutieren?

Etwas weiter im Osten von Lagos Island, in den beiden Wahllokalen nahe der St. Joseph's Primary School, beginnt das Wählen pünktlich um 11.30 Uhr. Kurz zuvor noch meinte Remi Olukoya, die Vorsitzende des Wahllokals, gezeichnet von der Mittagshitze etwas resignierend: "Gott wird uns schon einen geben, einen neuen Präsidenten."

Nun ist die Lehrerin, die für ihren Wahleinsatz umgerechnet knappe 20 Schilling erhält, wieder in ihrem Element. "Ruhe, mit dem linken Daumen wählen, den rechten für die Markierung mit der nicht abwaschbaren Tinte herhalten, und bitte, die Vertreter der Parteien - entfernt Euch von der Wahlzelle", brüllt sie in die Menge.

Der auffällig gekleidete Herr, der versucht, unmittelbar hintereinander in beiden Wahllokalen zu wählen, wird von den Polizisten mit sanftem Druck entfernt, schließlich sind ja internationale Beobachter zugegen. Andere stellen es geschickter an, kommen erst nach einer Viertelstunde wieder zurück.

Die Bilder ähneln sich in anderen Wahllokalen. Manche weisen eine realistische Wahlbeteiligung von 25 bis 30 Prozent aus, manche andere erreichen unglaubliche 70 bis 80 Prozent, im Süden und Osten Nigerias gar bis zu 100 Prozent. Und doch - die knappen acht Millionen Stimmen Vorsprung Obasanjos auf seinen Gegenkandidaten Falae sind ein komfortabler Polster, und Wahlfälschung wurde von beiden Parteien betrieben.

Dem Ex-General und Hühnerfarmbetreiber Obasanjo gibt Clement Nwankwo, Menschenrechtsaktivist und Sprecher der lokalen Wahlbeobachter, noch eine Botschaft mit auf den Weg: "Die neue Regierung muß begreifen, daß der Schwerpunkt bei diesen Wahlen auf dem Übergang zu ziviler Herrschaft lag, nicht auf der Errichtung einer wirklichen Demokratie. Diese Arbeit liegt noch vor uns, und sie wird ungleich schwieriger als die Abhaltung dieser Wahlen."

Der Autor verbrachte mehrere Jahre in Nigeria und war bei den Wahlen als EU-Wahlbeobachter tätig. Er ist Mitarbeiter der Münchner Consulting-Firma BIRD (Bureau for Institutional Reform and Democracy).

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