Die anderen USA - Mit der Patriotismuskeule

Von außen scheinen die USA politisch ein einheitliches Bild abzugeben. Wo ist die Opposition zum Kurs der Bush-Administration? Wer ist gegen ihre Hegemonie-Bestrebungen? Wer interessiert sich in den USA überhaupt für internationales Geschehen? Wie immer lohnt es sich, genauer hinzuschauen, und die USA nicht mit Bush & Co. gleichzusetzen.

Von Verena Ringler
Die Kritik an den USA ist vielfältig: eine wahnsinnig gewordene Großmacht, deren Präsident zum nächsten Schlag ausholt und den Globus in Texas umbenennen möchte; eine Horde von Kreuzrittern, die zu Hause in christlichem Fundamentalismus gefangen und im Ausland der kosmetischen Demokratie verfallen ist; gierig nach Öl, blind für Ökologie, basierend auf Konsum, getrieben von Angst; fernsehverzogen, kritikunfähig, ungebildet und eingelullt vom Volkstribun George W. Bush und seinem Gefolge. Dieses Bild von den USA ist nicht fair. Es ist verzerrt.
Warum wehrt sich im Kongress kaum jemand gegen die scheinbaren Wahnwitze der Regierung? Wo ist Woodstock, wo sind die Vietnam-KriegsgegnerInnen, die GlobalisierungsbremserInnen, die Unangenehmen, die Aufrüttelnden? Keine Sorge. Alle sind da. Die USA sind in sich eine genauso pluralistische Gesellschaft wie wir das von unserer behaupten. Es züchtet seine ZynikerInnen, seine Verzweifelten, seine Fanclubs von Michael Moore und Toni Negri. Und diese Menschen schreien auch. Allerdings bekommen sie dazu weniger prominente Plattformen als bei uns, vor allem, seit sie automatisch zu Unpatrioten gestempelt werden. In Europa entstammt Meinungspluralismus einem kulturellen Konsens. Hier in den USA ist selbst die politische Haltung den Marktregeln von Angebot und Nachfrage ausgesetzt und braucht dementsprechend aggressives Marketing, um in den politischen Prozess eingefiltert zu werden. Opposition, besonders unter Präsident George W. Bush, ist ähnlich schwierig wie unter Silvio Berlusconi, denn wie genau kämpft man gegen die Schlieren im demokratischen System? Nichtsdestotrotz gärt es an der Basis: Wütende RegierungskritikerInnen werfen sich jetzt für die Demokraten in den Präsidentschaftswahlkampf, operieren abseits des politischen Systems, ziehen sich zurück oder wandern nach Australien oder Neuseeland aus.

Die USA sind ein sehr großes Land, das sich für eine Isolation wunderbar eignet. Es braucht sie sogar in gewisser Weise, um sich vor Destabilisierung von außen zu schützen. Eine Großmacht hat immer mehr Interesse daran, weiter zu bestehen, als Meinungsunterschiede auf höchster Ebene zu zelebrieren. Sie könnten zur Spaltung und zum Verfall führen. Die USA mögen nach außen stark erscheinen, nach innen dominiert die Angst vor dem Wohlstandsverlust. Wandel heißt Risiko, und die USA haben für die nächsten Jahrzehnte die Lust auf Experimente verloren, zumindest, was den inneren Zusammenhalt des Landes betrifft. Deshalb heißt auch die Antwort auf den 11. September 2001 nicht, jene Landsleute außenpolitisch zu erziehen, die bisher keine Nachrichten aus Europa, Russland, China oder Indien am TV-Schirm geliefert bekommen, ohne zwingend etwas zu vermissen. Abseits von Universitäten und der Bildungsschicht und besonders abseits der Küstenstädte muss auf die BBC-Homepage klicken, wer das Gefühl hat, an Informationsmangel zu leiden. Außenpolitisches Interesse ist eine Frage von Luxus der Gebildeten und AufsteigerInnen oder der Hartnäckigkeit von jungen Suchenden. Eine sozio-kulturelle Anforderung ist es nicht.

Zur Zeit ist es in den USA genauso schwer wie anderswo, gegen die Bush-Politik auf der Weltbühne zu protestieren. Nicht, dass das niemand versucht. Millionen haben vor dem Irakkrieg in San Franzisko, Chicago und New York demonstriert, und selbst in den kleinsten Nestern starteten Kleinstgruppen rührende Protestaktionen gegen den Krieg. Intellektuelle, egal ob NobelpreisträgerInnen, ProfessorInnen oder wache BürgerInnen pflasterten vor dem Krieg ganze Seiten in den Tageszeitungen mit ihren Protestschreiben zu, ganz zu schweigen von Demokraten wie Robert Byrd, Ted Kennedy, Howard Dean oder auch Republikanern wie John McCaine und Chuck Hagel, die gegen diese Regierung trompeten, wo immer und so laut sie können. Doch Bush kann es sich leisten, Gegenstimmen zu ignorieren. Die Patriotismuskeule wirkt, solange die nächsten Wahlen nicht vor der Tür stehen und die Demokraten uneinig und bisher ohne gefährlichen Herausforderer sind. Und Bush hat in der US-amerikanischen Geschichte bisher nie da gewesene Popularitätswerte erreicht. Seine herablassende Meldung gegenüber KriegsgegnerInnen - er kümmere sich nicht um Splittergruppen - mag widerwärtig sein. Demografisch hat der Mann Recht. Die Opposition kann im Gegensatz zu den früheren Gegnern des Vietnamkrieges ignoriert werden, weil damals Wehrpflicht herrschte. Und die Bewegung der GlobalisierungskritikerInnen wird immer noch als Reality-Show von Nachwuchs-Anarchos und nicht als demokratische Kraft verstanden. „Liberal“ ist zum herablassenden Schimpfwort für alle geworden, die mehr als drei Argumente gegen Bush anführen. Und Zeitschriften wie Mother Jones, In These Times oder das Satiremagazin The Onion bedienen einen Nischenmarkt von, so scheint es, TräumerInnen.

Selbst die Universitäten eignen sich als Plattform für Missbilligung immer weniger. Eine gute Ausbildung ist so teuer, dass niemand leichtherzig Seminare für eine Demo schwänzt. US-StudentInnen lagern also ihre politischen Bedürfnisse aus dem Unterricht aus. Sie schreiben in Campus-Zeitungen, organisieren Kampagnen und Podiumsdebatten und sind gerade in letzter Zeit von einigen ProfessorInnen aus der Vietnam-Generation in ihrem Protest im Campus-Vorhof bestärkt worden. Der Israel-Palästina-Konflikt etwa hat seit dem 11. September 2001 am Campus seine zweite, aggressive Stellvertreterfront eröffnet. Grundsätzlich ist es für junge Menschen aber schwierig, sich mit dem Establishment anzulegen, denn der momentane Jobmarkt verzeiht politische Aktivitäten in Jugendtagen weniger als in Europa. Die Opposition agiert also nach anderen Spielregeln. Aktionismus wird in den USA von den Machthabern mehr als ein Hobby denn als politische Dringlichkeit verstanden. So wie frisches Obst eine Frage von Reichtum und des Reformhaus-Supermarktes Whole Foods ist, so ist eine informierte Gegenhaltung zum derzeitigen Regierungskurs eine Frage von individuellem zeitlichen Aufwand, der keinen da oben kümmert. Viele betreiben diesen Aufwand und organisieren etwa „call-ins“ bei ihren SenatorInnen oder faxen Protestbriefe ins Weiße Haus. An einem einzigen Samstag kann einE US-BürgerIn Halb-Marathons für die Brustkrebs-Forschung, AIDS-Aufklärung und das Kulturzentrum laufen, Schichtdienst in der Handelskooperative um die Ecke leisten und einer entwicklungspolitischen Gruppe bei der Straßenaktion helfen. Dazwischen sollte man doch bitte Schecks für das öffentliche Qualitätsradio „NPR“ ausstellen, für Menschenrechte in Tibet, Fairen Handel und Gratis-Schulmaterial für die Hispanic High School. Die Leute tun das wirklich. Vergangenes Jahr traf ich in Washington auf einer Palästina-Demonstration eine Bibliothekarin, die für jenen Abend aus Chicago mit dem Bus angereist war. Zwölf Stunden Busfahrt und ein Urlaubstag in einem System, das zwei Wochen Urlaub pro Jahr gewährt. Haben Sie sich schon einmal für eine Tschetschenien-Demonstration freigenommen und in einen Überlandbus nach Moskau gesetzt? Frustriert die private Initiative mehr als sie fruchtet, dann hat einE US-BürgerIn im eigenen Land Hunderte andere kleine Möglichkeiten der Artikulation, der Rückzugsmöglichkeiten und der alternativen Lebenswürfe. Hier kann man sich unter freiem Himmel verstecken, ohne dass es jemand merkt. Es gibt stille DissidentInnen, alternative Kommunen und sogar radikale „Des-Identifizierungsgruppen“, die von der Sozialversicherungsnummer bis zur Kreditkarte sämtliche Nabelschnüre zum US-amerikanischen Staat freiwillig gekappt haben. Den normalen Mittelweg beschreiten Leute wie Tom Hilleary, ein 27-jähriger Postgraduate-Student aus dem Mittelwesten, der China und Indien bereist hat und die US-Außenpolitik vor allem deshalb hasst, weil er mit seinem US-Pass immer weniger frei und sicher reisen kann. Tom sagt über sein Heimatland: „Es ist manchmal verdammt hart, US-Amerikaner zu sein.“

Verena Ringler ist Redakteurin bei der Zeitschrift Foreign Policy und lebt seit zwei Jahren in Washington, D.C.

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