Die Angst geht um

Im Ostkongo müssen immer wieder tausende Familien vor Milizen flüchten, aber auch vor der kongolesischen Armee. Simone Schlindwein besuchte für ihre Reportage ein Vertriebenenlager in der Provinz Nord-Kivu.

MONUSCO-Fahrzeuge auf der Straße bei Mweso in Nord-Kivu. Bei der jüngsten Offensive der kongolesischen Armee gegen die FDLR-Miliz im Ostkongo spielt die UN keine Rolle.© Simone Schlindwein

Auf einem Hügel oberhalb der Wellblechdächer der Kleinstadt Mweso im Osten der DR Kongo klammern sich Zelte an den Hang. Die weißen Planen tragen die Aufschrift des UN-Flüchtlingshilfswerks -UNHCR. Rund 1.500 Familien leben seit fast zehn Jahren in diesem Vertriebenenlager. Die Bedingungen seien furchtbar, erzählt Witonze Nzambonipa, der Vorsitzende der Vertriebenen, während er zwischen den Zeltplanen im Lager herumgeht. Er zeigt auf hölzerne Boxen, die als Toilettenhäuschen dienen. 15 Familien müssen sich jeweils ein Plumpsklo teilen. Duschen gibt es keine. „Es ist hier auf dem Hügel kein Wasser vorhanden, wir müssen es vom Fluss aus dem Tal in Kanistern heraufschleppen“, klagt er. Die Baumaterialien für die Hütten hätten sie aus dem nahe gelegenen Wald geholt. Holz, das die Bevölkerung von Mweso als Brennholz benutzt. „Die Leute in Mweso haben uns beschuldigt, ihr Holz zu stehlen. Die Beziehungen sind nicht gut. Für sie sind wir eine Last, denn wir haben ja nicht einmal Geld, um etwas auf dem Markt zu kaufen“, sagt Nzambonipa.

Eine Region der Vertriebenen. Vertriebenenlager wie dieses in Mweso existieren hier oben in den Bergen der ostkongolesischen Provinz Nord-Kivu viele. Besonders rund um Mweso in der Region Masisi, wo seit 20 Jahren ein blutiger Bürgerkrieg herrscht. Laut Statistiken des UN-Flüchtlingshilfswerks leben in Masisi derzeit rund 140.000 Menschen in Vertriebenenlagern. In der ganzen Provinz Nord-Kivu sind es über 200.000. Dazu kommen weitere 140.000 Flüchtlinge aus dem benachbarten Ruanda.

Die meisten Familien wurden in den vergangenen Jahren sogar mehrfach vertrieben, erzählt Nzambonipa. Er sitzt mit ein paar anderen Männern in einer Hütte ohne Fenster, die als Versammlungsraum dient. Darin stehen Holzbänke und ein Tisch. Draußen spielen dutzende Kinder im Dreck. Es gibt keine Schule in diesem Lager, die meisten der Kinder werden wohl nie eine Chance bekommen, lesen und schreiben zu lernen.

Auch Nzambonipas vier Kinder nicht. Sie seien 1999 aus ihrem Heimatdorf Muhanga geflohen, erzählt der 45-Jährige. Damals seien die Rebellen der -FDLR (Demokratische Kräfte zur Befreiung Ruandas) in das Dorf einmarschiert. „Sie haben uns ausgeraubt und haben meine Schwiegereltern erschossen, daraufhin sind wir geflohen“, berichtet Nzambonipa.

Acht Jahre lang durchlief er mit seiner Frau und den vier Kindern eine Odyssee quer durch die Berge, von Lager zu Lager. Doch immer wieder hätten sie vor weiteren Kämpfen fliehen müssen. Im Jahr 2007 schließlich fanden sie in Mweso Schutz.

Nzambonipas Heimatdorf liegt nur wenige Kilometer nördlich. In seinem Haus leben jetzt ruandische Hutu-Flüchtlinge, Frauen und Kinder der FDLR. Sie bestellen seinen Acker. Das weiß er von seinen Nachbarn, die zurückgekehrt waren – doch wenig später wieder im Vertriebenenlager auftauchten. Die Lage in Muhanga sei nicht sicher, hatten sie gesagt. So harrt der Familienvater weiter aus und wartet auf den nächsten anstehenden Krieg.

Hotspot. Jenseits von Mweso beginnt die Frontlinie. Lastwagen der kongolesischen Armee (FARDC) brausen über die einzige holprige Straße, die gen Norden führt. Soldaten marschieren schwerbewaffnet hinterher. Die Militäroperationen gegen die Rebellen der FDLR haben im Februar begonnen. Über 20 Jahre lang beherrschte die Miliz das Gebiet nördlich dieser Kleinstadt, die im Tal zwischen den grünen Hügeln liegt. Die Kämpfer der FDLR sind ruandische Hutu. Sie sind nach dem Völkermord 1994 in die DR Kongo geflohen. Unter ihren Anführern tummeln sich zahlreiche Drahtzieher des Genozids, ehemalige Offiziere von Ruandas Armee, die das Massenschlachten 1994 an den Tutsi in Ruanda organisiert und befohlen hatten.

Bis heute, 20 Jahre später, richtet sich der Kampf der FDLR gegen das Regime in Ruanda unter Präsident Paul Kagame, einem Tutsi.

Die Miliz hat sich in den Bergen Masisis eingerichtet und begeht immer wieder brutale Verbrechen an der kongolesischen Bevölkerung. Da der Staat in diesen Bergen kaum präsent ist, so gut wie keine Polizisten oder Soldaten die Dörfer schützen, haben die Menschen Selbstverteidigungsmilizen gegründet, um sich gegen die FDLR zur Wehr zu setzen. So tobt seit Jahrzehnten in Masisi ein blutiger Konflikt.

Doch damit soll es nun vorbei sein. So war es zumindest geplant. Die MONUSCO, die UN-Mission im Kongo, wurde 2013 vom UN-Sicherheitsrat mit einem Mandat für offensive Einsätze ausgestattet. Eine spezielle Eingreiftruppe aus 3.000 Blauhelmen wurde mit Kampfhubschraubern und Scharfschützen in den Dschungel entsandt, um die über 50 Milizen in der DR Kongo zu entwaffnen. Gemeinsam mit Kongos Armee bekämpften sie 2013 die Tutsi-Miliz M23 (Bewegung des 23. März), bis diese sich ins Nachbarland Uganda zurückzog. Seit über einem Jahr laufen zudem Operationen gegen die ugandischen Rebellen der ADF (Vereinigte Demokratische Kräfte) im Ruwenzori-Gebirge entlang der Grenze zu Uganda.

Fokus FDLR. Seit vergangenem November brüteten UN-Generäle über geheimen Plänen, um auch die FDLR zu zerschlagen. Die UNO wollte gemeinsam mit Kongos Armee ins Feld ziehen. Bis 2. Jänner dieses Jahres hatte die internationale Gemeinschaft der FDLR Zeit gegeben, die Waffen niederzulegen. Dies ist nicht geschehen.

Doch Kongos Präsident Joseph Kabila weigerte sich in weiterer Folge, den Schlachtplan für das gemeinsame Vorgehen mit der UNO zu unterzeichnen. Stattdessen präsentierte die FARDC eine eigene Mission mit General Bruno Mandevu als Oberbefehlshaber. Mandevu wird UN-Ermittlungen zufolge für Menschenrechtsverbrechen in seinen Einheiten verantwortlich gemacht. Laut UN-Richtlinien dürfen die Blauhelme nicht mit einem solchen Kommandanten zusammenarbeiten, weswegen die MONUSCO ablehnte.

Daraufhin zog die FARDC allein in den Krieg gegen die FDLR, ohne Lebensmittellieferungen, Benzinnachschub und Logistik, die normalerweise von den UN-Truppen bereitgestellt wird. Kongos Armee ist außerdem berüchtigt, grausame Verbrechen an der eigenen Bevölkerung zu begehen – vor allem in Kriegszeiten, wenn die Soldaten hungrig und ohne Bezahlung in die Schlacht gegen hochgerüstete Rebellen geschickt werden.

Bereits die Anwesenheit der Soldaten in Mweso bereitete den Einwohnerinnen und Einwohnern sowie Vertriebenen wie Nzambonipa vom ersten Tag an große Sorgen. Kurz zuvor hatten Soldaten das örtliche Krankenhaus geplündert, um Verbandsmaterialien für die Front zu erbeuten. Fast täglich kommt es in der Anfangsphase der Militärmission in der Umgebung zu Schießereien zwischen lokalen Selbstverteidigungsmilizen und Armeeangehörigen. „Die Situation ist derzeit unüberschaubar, wir haben Angst“, sagt Nzambonipa.

Neuankömmlinge. Täglich treffen neue Familien im Vertriebenenlager ein, die meisten sind kongolesische Hutu, die bislang nördlich von Mweso im FDLR-Gebiet gelebt haben. „Sie fürchten, dass sie für FDLR gehalten oder von ihnen als Schutzschilde missbraucht werden“, erklärt Nzambonipa. Die ganze Bevölkerung nördlich von Mweso ist auf der Flucht. Hinter der Kleinstadt beginnt die „rote Zone“. Dieses Gebiet wurde viele Jahre nicht vom Staat kontrolliert. Die FDLR hatte die Gegend belagert.

Seitdem die Kämpfer der Miliz sich vor wenigen Wochen wegen der anstehenden Operationen in den Wald zurückgezogen haben, herrscht nördlich von Mweso ein Vakuum. Banditen überfallen Händler auf der schmalen Straße, die durch das enge Tal führt. Bäuerinnen und Bauern trauen sich nicht mehr, ihre Felder außerhalb der Stadt zu bestellen. Im Krankenhaus von Mweso werden Verletzte eingeliefert, die angeschossen wurden. Wer diese Übergriffe begeht, ist meist nicht zu sagen. Doch klar ist: Die Situation, die durch die Militäroperationen entstanden ist, verunsichert hier alle. Andere Milizen stehen zudem schon in den Startlöchern, um das freiwerdende FDLR-Territorium einzunehmen. Denn die Herausforderung ist nicht nur, die FDLR zu zerschlagen – sondern danach das riesige Gebiet zu stabilisieren, welches sie über ein Jahrzehnt kontrolliert hat. Das weiß auch Nzambonipa. Er fürchtet, dass er noch lange nicht in sein Heimatdorf zurückkehren kann: „Wenn die FDLR geht, kommen sicher andere, die mein Haus und meinen Acker besetzen“, befürchtet er.

Simone Schlindwein lebt als Journalistin in Uganda und reist regelmäßig in die DR Kongo.

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