„Die Anklage lautete auf Mord“

María Teresa Rivera aus El Salvador hatte eine Fehlgeburt erlitten und wurde daraufhin zu einer langen Haftstrafe verurteilt. Michael Krämer hat im Gefängnis mit ihr gesprochen.

Scheinbar idyllisch: María Teresa Rivera im Jahr 2013 im Hof des Gefängnisses von Ilopango. Inzwischen dürfen dort keine Bild- oder Tonaufnahmen mehr gemacht werden.

Ungefähr 2.700 Frauen sind im Gefängnis von Ilopango, wenige Kilometer entfernt von der Hauptstadt San Salvador, zusammengepfercht. Die meisten sind wegen Raubes, Erpressung und anderer Gewalttaten inhaftiert und gehören einer der gefürchteten Jugendbanden El Salvadors an. Doch kaum eine soll eine so lange Strafe abbüßen wie María Teresa Rivera. Die 32-Jährige wurde wegen Mordes zu 40 Jahren Haft verurteilt, nachdem sie bei einer Frühgeburt ihr Kind verloren hat.

Michael Krämer: María Teresa Rivera, Sie sind seit über drei Jahren in Haft. Warum?
Im Jahr 2011 wurde ich schwanger, doch ich bemerkte es nicht. Mein Bauch wuchs nicht und ich ging bis zum Schluss zur Arbeit. Wegen einiger gesundheitlicher Probleme war ich in medizinischer Behandlung, aber auch mein Arzt bemerkte nicht, dass ich schwanger war, und verschrieb mir Antibiotika.

Am 24. November 2011 ist es passiert. Mit großen Schmerzen ging ich auf die Toilette und spürte, wie ich etwas verliere. Danach hatte ich starke Blutungen und verlor das Bewusstsein. Als ich wieder aufwachte, war ich in einem Krankenhaus, mit Handschellen wurde ich an das Bett gefesselt.

Was ist danach geschehen?
Ich hatte viel Blut verloren und fühlte mich miserabel. Doch schon nach einem Tag im Krankenhaus kam ich in eine Polizeizelle. Die Polizisten behandelten mich sehr schlecht, sie warfen mir das Essen hin wie einem Tier. Nach vier Tagen kam ich hierher ins Gefängnis. Zuerst hieß es, ich hätte das Kind abgetrieben, doch die Anklage lautete dann auf Mord. In einer Vorverhandlung erklärte der Richter, ich würde zu 13 Jahren verurteilt, wenn ich gestehen würde, mein Kind getötet zu haben. Das habe ich aber abgelehnt, ich habe schließlich nichts getan. In der Hauptverhandlung wurde ich dann zu 40 Jahren Haft verurteilt.

Die Autopsie nennt als Todesursache „perinatale Erstickung“. Der Fötus kann also noch kurz vor der eigentlichen Geburt umgekommen sein, während der Geburt oder unmittelbar danach. Auch seien an der Leiche keine Spuren festzustellen gewesen, die auf Gewalteinwirkung nach der Geburt hinweisen. Kam das bei der Gerichtsverhandlung denn nicht zur Sprache?
Die Autopsie lag vor, aber ich hatte einen Anwalt, der nichts für mich getan hat. Und der Richter wollte unbedingt, dass ich verurteilt werde. Auch für die Aussage einer Ärztin, die erklärte, dass sie von einer Fehlgeburt ausgehe, hat er sich nicht interessiert.

Wie geht es Ihnen hier im Gefängnis?
Am Anfang war es furchtbar. Die anderen Frauen haben mich beleidigt und als Kindsmörderin beschimpft. Das Gefängnis ist völlig überfüllt. In unserem Schlafsaal sind wir statt etwa 100 zurzeit 217 Frauen. Es gibt aber nur 43 Betten. Da schlafen je zwei Frauen unten und oben in einem Stockbett. Ich selbst musste über ein Jahr lang auf dem Boden schlafen. 

Tagsüber können wir uns in den Trakten frei bewegen. Doch es ist immer und überall sehr eng und voll. Um 15 Uhr gibt es schon das Abendessen und um 17 Uhr werden wir dann bis 6 Uhr morgens eingesperrt.

Bekommen Sie denn Besuch?
Eigentlich könnten mich jede Woche Familienangehörige besuchen. Ich habe aber fast niemanden. Meinen Sohn habe ich schon seit einem Jahr nicht mehr gesehen. Das ist das Schlimmste, dass ich nicht weiß, wie es ihm geht. Er ist neun Jahre alt und wohnt bei meiner Schwiegermutter. Sie kümmert sich gut um ihn. Doch sie ist alt und krank und genauso arm wie ich. Sie hat kein Geld für den weiten Weg ins Gefängnis. Ich habe große Angst, dass sie stirbt und mein Sohn dann alleine aufwachsen muss. Und dass wir den Kontakt verlieren und ich seine Liebe verliere, wenn er mich nicht sieht.

Sonst kommt niemand?
Seit einiger Zeit bekomme ich Besuch von einem Anwalt und einer Anwältin einer Organisation, die sich für meine Freilassung und die von vielen anderen Frauen einsetzt, die aus denselben Gründen hier im Gefängnis sind. Sie sind unsere große Hoffnung. Sie haben eine Kampagne, „Freiheit für die 17“, für uns gestartet. Nun wurde eine Frau, Guadalupe, begnadigt. Sie war sieben Jahre im Gefängnis und kommt nun bald frei. Ich bete zu Gott, dass auch wir anderen freikommen.

Michael Krämer ist Redakteur bei der entwicklungspolitischen Zeitschrift Südlink, die vierteljährlich in Berlin erscheint. Das Interview führte er Ende Jänner.

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