Die Autofrau

Von Dierk Jensen ·

Die Senegalesin Ndéye Coumba Mboup leitet ihren eigenen Betrieb: Femme Auto – die einzige Frauenautowerkstatt im Senegal.

Es ist ein Kaleidoskop der globalen Autowelt: Renaults, Toyotas, Fiats, Mitsubishis und Fords stehen dicht gedrängt in der Werkstatt Femme Auto – Autofrau – in Dakar. Die meisten Modelle sind ramponiert. Wie der 190er Mercedes mit grauer Metallic-Lackierung, der über der Montagegrube steht. In Europa würde so ein mobiler Untersatz allenfalls in der Schrottpresse landen, in Senegal wird ihm ein zweites Leben eingehaucht.
Wer diese europäischen Schrottmühlen, die per Schiff in der Hauptstadt Dakar landen, wieder fahrtüchtig machen kann, der muss etwas von seinem Handwerk verstehen. Besser gesagt von ihrem Handwerk, wird doch die Werkstatt Femme Auto, wie der Name verrät, von einer Frau, von Ndéye Coumba Mboup, geleitet. Ihr Unternehmen befindet sich im Stadtteil Sacré Cœur im 2,5 Millionen BewohnerInnen zählenden Dakar, das von drei Seiten vom Atlantik umgeben ist. Der Standort ihrer Werkstatt ist alles andere als einladend. Er liegt direkt an der Hauptverkehrsader, die die rapid wachsende Metropole vor dem täglichen Versorgungskollaps bewahrt. Es ist laut, es stinkt nach Abgasen.

Ndéye Coumba Mboup ist eine Ausnahme. Sie ist die einzige Frau im islamischen Land Senegal, die eine Werkstatt leitet. Sie ist Chefin von 14 Mitarbeitern, acht Männer und sechs Frauen. Das ganze Team trägt einheitliche Arbeitskleidung: ein rotes T-Shirt mit dem Namenszug der Firma.
Relaxt, bestimmt und selbstbewusst tritt sie ihrem Gegenüber entgegen. „Ich habe mich schon als Kind für Autos interessiert“, erzählt sie auf der Veranda vor ihrem kleinen Büroverschlag am hinteren Ende der Werkstatt. Immergrüne Tropenpflanzen sind in der ansonsten mit Öl verschmierten Umgebung grüne Farbkleckse.
Direkt nach ihrer Schulzeit erlernte die heute 36-Jährige den Beruf der Automechanikerin. Nach drei Jahren hatte sie ihr Ausbildungszeugnis in der Tasche. „Die Anfangszeit war für mich hart, ist doch der Mechanikerjob keine leichte Arbeit“, erinnert sie sich. Vor drei Jahren fasste sie schließlich den Mut, sich in die Selbständigkeit zu wagen.

Aus ganz Senegal trommelte sie Frauen nach Dakar zusammen, um das Unternehmen Femme Auto zu starten. Zwei kamen direkt von der Automechaniker-Schule der Hauptstadt, eine Frau aus Saint-Louis, der zweitgrößten senegalesischen Stadt im Norden; zwei weitere kamen aus der Stadt Kaolack und eine junge Frau stieß aus dem informellen Reparatursektor hinzu. Informell heißt so viel, dass sie über keine reguläre Ausbildung verfügt, sich aber durch Learning-by-doing reichliche Kenntnisse angeeignet hat. Das Monatsgehalt in der Werkstatt liegt zwischen 50.000 bis 80.000 senegalesischen Francs, umgerechnet rund 80 bis 125 Euro.

„Wir können uns nicht beklagen, das Geschäft läuft gut, wir boxen uns so durch“, erzählt Mboup, „es gibt immer genug zu tun.“ Als ein Mitarbeiter aus der Werkstatt nach ihr ruft, springt die kräftige Frau von ihrem Stuhl auf und schreitet zielstrebig auf einen alten Peugeot zu. Die Chefin geht in die Hocke, schaut sich die kaputte Achsaufhängung an, greift sich einen Schraubenschlüssel und dreht eine Schraube fest. Nebenher erklärt sie, wie das Problem zu lösen sei.

Kein Zweifel, die Muslima Mboup hat sich durch ihre Persönlichkeit und fachliches Wissen reichlich Respekt verschafft. Bei ihren Mitarbeitern genauso wie bei ihren Kunden, egal ob Frau oder Mann. Ehrgeizige Pläne schmiedet sie. „Ich möchte, dass mein Unternehmen in den nächsten Jahren kontinuierlich wächst.“ Mit Schalk in den Augen fügt sie hinzu: „Es soll einmal die größte Werkstatt im Land werden.“ Nie Ärger mit Kunden, lästige Reklamationen?

„In der Regel haben wir damit keine großen Probleme. Klar gibt es immer jemanden, der sich über dies oder jenes beschwert. Dann arbeiten wir nach und alles ist wieder okay“, berichtet Mboup vom Alltagsgeschäft in einer Männerwelt. „Sollten wir allerdings mal einen schwerwiegenden Fehler verursacht haben, dann müssen wir Folgeschäden selber tragen. In solchen Fällen nehme ich die beteiligten MitarbeiterInnen mit in die Verantwortung. Sie müssen ein Fünftel des Schadens selber bezahlen. Dies kommt aber nicht häufig vor.“ Die Unternehmerin würde jedoch gerne mehr Verantwortung für ihr Team übernehmen. Sie schmiedet Pläne, ihre Belegschaft krankenversichern zu lassen – und das obwohl diese Art sozialer Absicherung für die meisten SenegalesInnen unbekannt ist.

Maimouka Sidibe Mbaye ist eine der sechs Frauen, die bei Femme Auto arbeiten. Sie ist seit zwei Jahren dabei. Die 28-Jährige wohnt in einer der tristen Vorstädte von Dakar. Sie gehört zu den beiden Frauen, die eine Ausbildung als Automechanikerin absolviert haben. „Ich fühle mich im Team wohl. Unsere Arbeit hier ist abwechselungsreich. Heute Renault, morgen Peugeot und übermorgen VW.“

Die Werkstatt wird morgens um acht Uhr geöffnet und schließt erst kurz vor Einbruch der Dunkelheit gegen 18.30 Uhr. Und dies sechs Tage die Woche. Wenn ihre MitarbeiterInnen nach Hause zu ihren Familien gehen, muss sich Mboup öfter noch bis in den späten Abend an den Schreibtisch setzen, um beispielsweise Rechnungen zu schreiben. Und manchmal fällt sogar der einzige freie Tag ihrer Arbeit zum Opfer. Trotzdem klagt sie nicht, fühlt sich in ihrer Chefrolle ganz wohl.
Die Werkstatt ist ihr Lebensmittelpunkt. Umso erstaunlicher, dass sie auch neben ihrer Arbeit ungewöhnlichen Aktivitäten nachgeht. Mboup fährt Autorennen für Frauen.

Dierk Jensen ist freier Journalist in Hamburg.

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