Die Boom-Pflanze

Stevia liegt im Trend. Über die Situation der LandarbeiterInnen in den Anbaugebieten der Pflanze in China und Lateinamerika ist wenig bekannt. Doch scheinen sie vom Hype wenig zu profitieren.

Von Martina Weinbacher
Um die Süßstoffe aus der Pflanze zu gewinnen, müssen sie herausgelöst, entfärbt, entsalzt und kristallisiert werden.

Stevia verspricht viel: Der Süßstoff soll deutlich mehr Süßkraft besitzen als Zucker, kalorienarm sein und keine Karies verursachen. Immer wieder wird auf den natürlichen Ursprung hingewiesen: Stevia Rebaudiana.  Ursprünglich stammt die Pflanze, die strauchförmig wächst, aus Paraguay. Die indigenen Guaraní sollen die Ersten gewesen sein, die die Ka`a He`e , wie sie in der indigenen Sprache heißt, als Heil- und Genusspflanze nutzten. Mitte der 1960er Jahre entdeckten die Japanerinnen und Japaner die Vorteile des Süßstoffes und kultivierten die Pflanze.

Ende 2011 wurden in der EU die Süßstoffe der Stevia-Pflanze als E960 zugelassen, nicht aber die Pflanze als Lebensmittel. Um die Süßstoffe, die Steviolglycoside, zu gewinnen, müssen sie herausgelöst, entfärbt, entsalzt und kristallisiert werden. Durch diese Verarbeitung habe das Endprodukt nicht mehr viel Natürliches an sich, so KritikerInnen. Eine gänzlich biologische Methode, den Süßstoff aus der buschigen grünen Pflanze zu gewinnen, gibt es bisher nicht. Der österreichische Unternehmer Franz Reisenberger entwickelte in Zusammenarbeit mit der Universität für Bodenkultur Wien eine Technologie, die eine Extraktion des Süßstoffes auf biologischer Basis ermöglichen sollte. Da die EU jedoch nicht zwischen biologischem und konventionellem E960 unterscheidet, rentiere sich der Bau der Pilotanlage  nicht.

Stevia ist mittlerweile ein Millionengeschäft. Immer mehr Getränke- und Süßwaren-Konzerne springen auf das Geschäft mit der Zucker-Alternative auf. Aber wie sieht es mit den Bedingungen in der Produktion aus? Laut Agrar-Wissenschaftler Udo Kienle von der Universität Hohenheim in Deutschland kommen heute rund 90 Prozent der weltweit angebotenen Steviolglycosid-Produkte aus China. Die restlichen zehn Prozent entfallen großteils auf Paraguay. In anderen Staaten, zum Beispiel Bolivien, wird in kleinerem Ausmaß Stevia angepflanzt.

Die groben Schätzungen des Experten zeigen, wie dünn die Datenlage in Bezug auf Stevia ist. Informationen fehlen vor allem auch über die Arbeitsbedingungen bei der Herstellung. Ob man VertreterInnen von Fairtrade-Organisationen, NGOs wie FIAN oder ExpertInnen aus der Wissenschaft befragt – über die Stevia-Herstellung weltweit ist derzeit noch wenig bekannt.

Für die deutsche Unternehmerin Petra Helmreich, die Stevia-Produkte aus Paraguay anbietet, sind die Preise aufschlussreich: „Stevia aus Fernost ist so billig, dass sich sogar der Import nach Paraguay lohnt.“ Ein Resultat einer industriellen Massenproduktion auf Kosten von Qualität und Arbeitsbedingungen? Auch darüber weiß man wenig. Aber es muss nicht zwangsläufig so sein: Agrar-Experte Kienle geht davon aus, dass Stevia in Fernost wie in Lateinamerika überwiegend von Kleinbäuerinnen und Kleinbauern angebaut wird. „Nach meiner Kenntnis ist es so, dass in Paraguay die Kleinbauern eher der Ausbeutung durch niedrige Preise unterliegen und in China der Preis eventuell zur allgemeinen Kostensituation angemessen ist“, so Kienle.

Laut Helmreich gibt es in Paraguay sehr wohl kleinbäuerliche Vereinigungen, die die Landarbeiterinnen und Landarbeiter zumindest nach dem gesetzlichem Mindestlohn bezahlen und sie für den Krankheitsfall versichern.

Fairtrade-Stevia gibt es nicht. Dabei wäre es sehr wohl möglich, Stevia zertifizieren zu lassen, heißt es bei Fairtrade Österreich. Der zu erfüllende Standard besteht allem voran aus einer Prämie von 15 Prozent des Produktpreises, die die HändlerInnen an die Produzentenorganisationen bezahlen müssten.

In Bolivien, in der Region Caranavi, pflanzen 60 Kleinbäuerinnen und -bauern der Kleinbauernvereinigung Fundación Uñatatawi seit 2007 Stevia an. Mit großem Erfolg. „Der Lebensstandard der beteiligten Bauern hat sich seither verbessert. Das Potenzial ist aber noch viel größer“, sagt Ana María Condori von Uñatatawi. Eine Partnerschaft für den europäischen Markt wäre interessant – unter fairen Bedingungen, versteht sich.

Martina Weinbacher hat Wirtschaftswissenschaften studiert und sich auf die Themen nachhaltige Entwicklung und Entwicklungszusammenarbeit spezialisiert. Sie arbeitet und lebt als freie Journalistin in Wien.

nach oben

Durch die Nutzung unserer Dienste erklären Sie sich mit dem Einsatz von Cookies einverstanden. Mehr Informationen