Die Dekolonisierung des Körpers

Rassismus schreibt sich in Körper ein. Welche Räume es braucht, um diese Einschreibungen umzuwandeln, erklärt die Performerin und Empowerment-Trainerin Pasquale Virginie Rotter.

© Andreas Haltermann

Ein Teil des Erbes kolonialer Gewaltgeschichte findet sich in Form zahlreicher Abbildungen des Schwarzen weiblichen Körpers wieder. In ihrer Unterschiedlichkeit und ihren typischen gestischen Gemeinsamkeiten (zum Beispiel die eine Hand an der Hüfte, die andere am Korb) fächern sie die absurde Kreativität des weißen Blicks auf People of Color mit all seinen historischen und machtpolitischen Implikationen auf. Als Schwarze Frau zufällig damit konfrontiert zu werden ist jedes Mal erneut eine Zumutung.

Abbildungen von Schwarzen tanzenden Menschen dienen oft dazu, die rassistischen Gegensätze von „unzivilisiert“ versus „zivilisiert“, „lebensfroh“ versus „ernst“ oder auch „naturverbunden“ versus „von der Natur entfremdet“ zu manifestieren. Lern- und Entwicklungsräume – von Universität bis Tanz-Workshop – profitieren immer auch von der Dynamik rassistischer Wissensproduktion und erhalten sie aufrecht. So ist die Suche von People of Color nach inspirierenden Räumen für persönliches und/oder professionelles Wachstum oftmals von einem begründeten Misstrauen geprägt, dass dort Rassismus reproduziert wird.

Permanente Abgrenzung. weiß dominierte beziehungsweise aus einer unreflektierten weißen Perspektive gestaltete Räume sind für People of Color nur in seltenen Fällen Räume unbelasteter Transformation. Vielmehr bergen sie die Anstrengung, sich in erlebten Othering-Prozessen, in denen sie zum oder zur Anderen gemacht werden, permanent abgrenzen zu müssen. Das führt dazu, dass kaum Ressourcen für den eigenen gewünschten Lern- und Entwicklungsprozess übrig bleiben.

Gesten, Kontexte und Gewalterfahrungen jener (kolonial-)rassistischen Abbildungen unserer Körper sind diesen – gemeinsam mit den unmittelbar und direkt am eigenen Körper erlebten Gewalterfahrungen – eingeschrieben. In jeder Nachricht über eine Person of Color, der rassistische Gewalt widerfährt, in jedem Fresko einer Schwarzen Person über der Apotheke, in jeder Spendenwerbung mit People of Color finden wir uns wieder. Wie ein wiederholt auftauchender Spiegel, der schreiend lügt.

Nachahmende Lernprozesse in Kindheit und Jugend führten zu unwillkürlichen Wiederholungen dieser Gesten. Die bewusst oder intuitiv getroffene Entscheidung, genau so zu werden und zu sein, wie der weiße Blick uns sieht, war oft die einzige Möglichkeit weiterzukommen, irgendwie durchzukommen oder auch zu überleben. Oftmals gingen bei all dem die Verbindungen zu unseren eigenen Gesten, unseren eigenen Körperempfindungen und unseren eigenen Bildern von uns selbst verloren, sie wurden überschrien.

Bewusste Nachahmung. Im Rahmen körperorientierter Empowerment-Angebote sind zahlreiche Methoden entwickelt worden, diese Verbindungen wieder zu entdecken. Eine der Methoden aus dem Konzept Empowerment in Motion für People of Color spielt genau mit der bewussten und gewollten Nachahmung dieser rassistischen Darstellungen. Dabei wird den Teilnehmenden eine Sammlung unterschiedlicher (kolonial-)rassistischer historischer und zeitgenössischer Abbildungen von Schwarzen Menschen und People of Color vorgelegt.

Ausgehend von der Erkenntnis, dass traumatische Erfahrungen den Atem flacher werden oder gar stocken lassen, ist die Achtsamkeit für den Atem stets die Basis der angeleiteten bewegungsorientierten Auseinandersetzung mit diesen Abbildungen. Die Teilnehmenden begeben sich auf eine Forschungsreise in den eigenen Körper, um den zellulären Erinnerungen genau zuzuhören. Es werden die eigenen Körperempfindungen, Atembewegungen und Bewegungsimpulse wahrgenommen und auftretenden Gefühlen, Widerwillen und Ungeduld Aufmerksamkeit geschenkt, um Möglichkeiten der Transformation zu eröffnen. Der Anstrengung, die den Gesten und Haltungen innewohnt, wird nachgespürt, um die Absurdität der Zuschreibung und die Tiefe der Einschreibung auch körperlich zu entlarven. Körperliche Auseinandersetzungen mit diesen Abbildungen sind oft mit Schmerzen und Schweregefühlen, aber auch mit dem physisch erlebbaren Gefühl von Erleichterung, Geschmeidigkeit oder Klarheit verbunden.

Nach zahlreichen Workshops mit sehr unterschiedlichen Teilnehmenden, die sich zusammen mit mir auf diese Reise eingelassen haben, weiß ich, dass körperliche Dekolonisierungsprozesse so individuell sind wie die Menschen selbst: Wir erleben auf unsere eigene Art die Zuschreibungen im Körper, haben eigene Erinnerungen, Empfindungen und Bewegungsimpulse, nehmen die eigene Enge, Befreiung und Transformation auf sehr unterschiedliche Weise wahr. Und doch verbindet all diese Prozesse eine Frage, die den Ausgangspunkt für körperliche Empowerment-Prozesse bildet, in denen wir uns neue – körperliche, gesellschaftliche, politische – Räume eröffnen: Wer sind wir eigentlich wirklich, wenn wir uns von (kolonial-)rassistischen Zuschreibungen radikal befreien? Körper- und stimmorientierte Empowerment-Angebote geben Raum, diese Frage wirken zu lassen, und schaffen so Zugänge zu (Über-)Lebensquellen, die uns ein- und aufatmen lassen.

Pasquale Virginie Rotter ist Empowerment-Trainerin, Moderatorin und Perfomance-Künstlerin mit den Schwerpunkten Rassismuskritik und Heilung in Berlin. Sie hat mit „Empowerment in Motion“ einen Ansatz entwickelt, der Empowerment-Prozesse mit Körper- und Bewegungsarbeit verbindet.

Dieser Beitrag erscheint im Rahmen der Medienkooperation mit der Zeitschrift Südlink / Berlin.

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