ťDie Dinge beim Namen nennenŤ

Von Redaktion ·

Nach Naomi Kleins „No Logo“ hat nun das „Schwarzbuch Markenfirmen“ den deutschsprachigen Büchermarkt erobert. Über die Hintergründe dieses erstaunlichen Erfolgs und die Politik der großen Konzerne sprach Werner Hörtner mit Autor Klaus Werner.

Südwind: Wie erklären Sie sich den durchschlagenden Erfolg des „Schwarzbuchs Markenfirmen“?

Klaus Werner: Ich glaube, dass es mittlerweile ein ganz großes Bedürfnis aus der Mitte der Bevölkerung gibt, mehr ethische Gesichtspunkte ins politische Handeln hineinzubringen. Das wird ja sehr deutlich an dieser globalisierungskritischen Bewegung, von der man spätestens seit Genua weiß, dass das nicht nur eine radikale Minderheit ist, die gegen den Kapitalismus kämpft, sondern von breiten Bevölkerungsschichten getragen ist. In Deutschland gab es kürzlich eine Meinungsumfrage, wonach sich an die 75 Prozent der Bundesbürger und –bürgerinnen mit den Zielen der Globalisierungskritiker einverstanden erklären. Ich glaube, der Erfolg dieses Buches gründet sich darauf, dass es die Dinge beim Namen nennt. Wir bringen in das diffuse Unmutsgefühl der Menschen etwas Konkretes hinein. Wir haben sehr sachlich die Vorwürfe recherchiert, aufgelistet, mit Namen verbunden, die man kennt – und wir greifen das Image dieser Firmen an.

Dennoch überrascht mich das ungeheure Interesse bei den Medien. Das war ja noch vor dem Verkaufserfolg des Buches da und hat diesem Erfolg wohl den Weg bereitet.

Es hat mit Genua in der Berichterstattung einen totalen Schwenk gegeben. Am deutlichsten war das im „Spiegel“ zu beobachten, der bis Genua die Globalisierungskritiker als ein paar jugendliche Spinner abgetan hat und nunmehr sagt, die haben Recht mit ihrem Protest gegen die globale Ungerechtigkeit. Wir haben auch in sehr wirtschaftsfreundlichen Medien einen unglaublichen Erfolg. Auch die merken: Das ist ein Thema. Mittlerweile wissen auch die Unternehmensberater: Wir müssen uns mit so etwas beschäftigen. Sie werben ja schon damit, dass wirtschaftlicher Erfolg nur mit sozialer Verantwortung Hand in Hand gehen kann.

Wie sind Sie auf dieses Thema gekommen?

Ich beschäftige mich schon sehr lange mit diesen Themen. Mein erstes Referat über das Atomkraftwerk Zwentendorf habe ich 1978 im Alter von elf Jahren gehalten. Ich war dann sehr früh in der Umweltbewegung aktiv, habe später Spanisch studiert und verbrachte längere Zeit in Lateinamerika. Dort war ich ganz intensiv mit sozialer Ungerechtigkeit konfrontiert. In Wien habe ich lange am Ökologie-Institut gearbeitet, wo wir über das reine Umweltthema hinaus auch soziale Fragen behandelten. Als Journalist habe ich mich immer besonders mit Menschenrechtsfragen, Rassismus und Ähnlichem beschäftigt.

Wann haben Sie mit der Arbeit am Buch begonnen?

Das ist schwer zu sagen, da ich sehr viel Material verwendete, das ich schon seit Jahren recherchiert habe. Die eigentliche Buchplanung war im Frühjahr letzten Jahres; Hans Weiss ist dann im Sommer eingestiegen, weil ich einen zweiten Autor wollte und er für den Bereich Medizin ein Spezialist ist.

War die Verlagssuche schwierig?

Lustigerweise war die ganz leicht. Ich habe schon mein voriges Buch „Prost, Mahlzeit“ bei Deuticke verlegt. Der Verlagschef hat selbst aus der Betroffenheit bei einem persönlichen Kauferlebnis heraus gesagt, er möchte so etwas rausbringen. Erstaunlich für einen kleinen österreichischen Verlag, der ja einiges zu verlieren hat, denn es ist rechtlich ein sehr risikoreiches Projekt. Der Verlag hat uns einen Vorschuss gezahlt, mit dem wir im Wesentlichen unsere Recherchen finanzieren konnten.

Und haben Sie keine Angst vor Klagen wegen Geschäftsstörung, Rufschädigung usw.?

Ehrlich gesagt nicht. Es gibt ja mittlerweile Reaktionen von Konzernen auf unser Buch, die sind zum großen Teil wischi waschi, so halb zugeben, halb abwimmeln im Sinne von: da können wir nichts dafür, da ist einer unserer Zulieferer schuld. Dann gibt es ein paar Dementis, die schlicht und einfach nicht stimmen. Wir werfen z.B. dem Pharmakonzern Bayer vor, dass er aus dem Kongo Rohstoffe bezieht, wodurch dort der Krieg finanziert wird; Bayer sagt, das stimmt nicht; sie würden nur von glaubwürdigen Personen kaufen …

Und noch etwas: Die großen Unternehmen, über die wir schreiben, sind ja nicht zum ersten Mal mit solchen Vorwürfen konfrontiert. Mittlerweile haben ihnen ihre PR-Berater gesagt, dass Klagen nichts nützt – außer es wird ihnen ein völliger Blödsinn vorgeworfen. Eine Klage ist heute für einen Konzern ein Schuss nach hinten.

Wie im Buch ganz richtig festgestellt wird, würde eine wesentliche Erhöhung der Löhne für die Arbeiterinnen und Arbeiter den Endpreis der Markenprodukte nur geringfügig erhöhen. Und die Unternehmen könnten damit werben, dass sie menschenwürdigere Gehälter zahlen als die Konkurrenz. Wieso sperren sie sich dann so dagegen, die ArbeiterInnen besser zu entlohnen?

Diese Frage kann ich nicht genau beantworten – ich kann nur Vermutungen anstellen. Es stimmt: Eine wesentlich bessere Bezahlung der Arbeiterin würde den Nike Sportschuh im Endpreis vielleicht um 10 Schilling verteuern. Wieso tun sie’s dann nicht? Ich habe mit vielen Leuten darüber gesprochen. Offenbar ist es so, dass diese Denkweise einfach in so einem großen Widerspruch zum rein marktwirtschaftlichen Denken dieser Firmen liegt, dass es eben außerhalb ihres Horizonts liegt. Der Erfolg dieser Unternehmen gründet darauf, dass sie ständig damit beschäftigt sind, Preise zu drücken, Produktionskosten zu minimieren. Dass man nun freiwillig auch nur ein bisschen mehr zahlt, damit es den Leuten besser geht, das würde ihre ganze Logik umwerfen.

Wo sollte dann angesetzt werden?

Die Konzerne müssen sich bewusst werden, dass eine höhere Investition in soziale Gerechtigkeit sich für sie so niederschlägt, dass sie dabei gewinnen. Das funktioniert aber nur, wenn es die Konsumenten und Konsumentinnen ihnen sagen. In Form von Protesten. Deswegen ist unser Hauptansatz in diesem Buch, dass die Konsumenten sich direkt an die Unternehmen wenden und Druck machen. Und das darf kein einmaliger Protest sein. Es ist notwendig, dass die Konsumentinnen Auskunft und Antwort verlangen und vor allem eine unabhängige Kontrolle. Erst unabhängige Kontrollen der Produktionsbetriebe – und zwar immer wieder – können garantieren, dass die geforderten Veränderungen langfristig sind.

Wichtig ist auch die Zulassung unabhängiger Gewerkschaften bzw. in Ländern wie China, wo Gewerkschaften verboten sind, von gewerkschaftsähnlichen Mitbestimmungsrechten. Wenn Staaten wie China das verhindern wollen, dann, so glaube ich, hätten die Konzerne, die dort investieren, genügend Macht, um Druck auszuüben.

Sie schreiben ja, dass es nicht darum geht, die Konzerne zu zerschlagen, sondern um eine demokratische Kontrolle der Wirtschaft. Sind Sie optimistisch, dass dieses Ziel durchsetzbar ist, und welche Mechanismen bräuchte es dafür?

Eine demokratische Kontrolle von Konzernen ist fast zu utopisch, würde ich sagen. Was es auf Konzernebene braucht, ist Transparenz. Wir haben natürlich in der Globalisierung das Problem, dass die legitimierten Kräfte, die demokratisch gewählten Regierungen, wenig Macht, wenig Einfluss haben auf das, was da an globalen Wirtschaftsprozessen abläuft. Ich glaube aber, dass es möglich ist, auch für Nationalstaaten, Konzerne, die in dem Staat agieren oder Konzerne, die in dem Staat z.B. an der Börse notieren, zu einer gewissen Transparenz zu zwingen. Wenn sie Investitionen tätigen in Krisengebieten oder in Regionen mit mangelnden sozialen Rechten, dann müssen sie einfach jeden Schilling offen legen und sagen, wo der hingegangen ist, woher sie ihre Rohstoffe und ihre Produkte beziehen, also eine Transparenzpflicht.

Das ist das eine. Dann gibt es natürlich noch die mächtigen internationalen Organisationen, allen voran die Welthandelsorganisation WTO, die sich ja jeder demokratischen Kontrolle entzieht. Das ist im wesentlichen ein Verein der Wirtschaftsmächtigen. Da muss man massiv einfordern, dass die Tagungen öffentlich werden – die nächste findet ja in einer Wüstendiktatur statt, damit nur ja niemand protestiert. Und die WTO muss sich völlig umorganisieren in eine Organisation, die den Wohlstand des Menschen zum Mittelpunkt ihres Handelns macht, und darunter verstehe ich das Wohlbefinden aller Menschen und nicht nur gewisser Lobbys.

Ich denke mir, dass die Bürger und Bürgerinnen eines Landes, das in der WTO vertreten ist, so etwas verlangen können. Das ist ja kein Privatverein. Ganz ähnlich gelagert ist es mit Weltbank und Internationalem Währungsfonds. Wenn die Entwicklungshilfeorganisation Weltbank ihren Auftrag ernst nimmt, dann muss sie sich auch demokratisch legitimieren. Diese Organisationen haben offenbar nichts gelernt. Vielleicht stimmt es, dass der Wolfensohn gerne mehr tun würde, aber das ist halt so ein verkrusteter bürokratischer Apparat, wo die Lobbys, u.a. der großen Konzerne, drinnen sind. Da braucht es schlicht und einfach Druck und lautstarke Proteste, die muss man zwingen zu einer Veränderung.

Finden Sie, dass die so genannten Globalisierungs-Gegner so etwas wie eine neue Internationale des Widerstandes, der Weltveränderer werden?

Ich habe ein gewisses Problem mit den Begrifflichkeiten. Ich finde diesen Begriff Globalisierungs-Gegner total schlecht. Das klingt sehr schnell nach Protektionismus, nach nationaler Abschottung. Ich glaube, dass ein Großteil dieser Leute das nicht ist und nicht will. Sie sind eher noch Globalisierungs-Befürworter, die sagen, sie wollen eine Globalisierung sozialer Standards, von Menschenrechten, von ökologischen Standards usw. Ich finde nicht, dass alles zu globalisieren ist, zum Beispiel die Kultur. Doch die Menschenrechte sind auf jeden Fall zu globalisieren. Da gibt es einen weltweiten Konsens, nämlich die Allgemeine Erklärung der Menschenrechte, und überall, wo die verletzt werden, da gibt es ein Einmischungsrecht und eine Einmischungspflicht.


Fehler im System?


Die Grüne Wirtschaft veranstaltet in Wien eine Podiumsdiskussion mit Klaus Werner: „Schwarze Schafe oder Fehler im System?“. Weitere TeilnehmerInnen: die Abgeordnete Eva Glawischnig (Grüne) sowie VertreterInnen von Wirtschaftskammer, Industrie und Clean Clothes-Kampagne. 16. Oktober, 19.30 Uhr, 1010 Eschenbachgasse 11.
Das „Schwarzbuch Markenfirmen“ ist soeben im Wiener Deuticke Verlag erschienen

http://www.markenfirmen.com

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