„Die Empörung ist mein Motor“

Der mexikanische Dokumentarfilmer Eugenio Polgovsky filmt die Vergessenen und Entrechteten seines Landes. Über die Kamera als Bestie, die Logik der Filmwirtschaft und Machtstrukturen seines Landes philosophierte er mit Südwind-Redakteurin Michaela Krimmer.

„Das Fernsehen kauft keine Dokumentarfilme“, sagt Polgovsky. Raubkopien im Straßenverkauf sind oft die einzige Möglichkeit, alternative Filme zu verbreiten.

Südwind Magazin: Was thematisieren Sie in Ihren Dokumentarfilmen?
Eugenio Polgovsky:
Ich porträtiere Formen des Überlebens von Menschen, die ihre Traditionen trotz Kolonisierung und der Zerstörung ihrer Wurzeln bewahrt haben. Mich interessieren die Enteigneten und Vergessenen dieser Erde. Die Ausplünderung des Menschen durch andere Menschen. Die Reste und die Abwandlungen der Kolonisierung in meinem Land. Die im Zuge der Kolonisierung ständig verachteten und zerstörten Kulturen, die trotz allem überleben konnten, vor allem am Land.

Die Mehrheit der Menschen, die in großen Städten lebt, leidet unter Entfremdung: Wir glauben, alles spiele sich in der Stadt ab. Ich möchte aus der Betonblase ausbrechen, die ländlichen Gebiete von Mexiko erforschen und von ihnen lernen. Menschen mit alten Traditionen und Kulturen meistern dort mit enormem Einsatz ihren Alltag – in einem System, das sie geringschätzt.

In Ihrem Film „Trópico de Cáncer” („Wendekreis des Krebses”) geht es um Menschen, die in einer sehr kargen Umgebung überleben. In Ihrem Film „Los Heredores” („Die Erben”) geht es um Kinderarbeit. Wie filmen Sie in solch schwierigen Umfeldern?
Man muss alle Situationen miterleben, um das alltägliche Leben der Menschen kennenzulernen: die Feldwege entlang gehen, in der sengenden Hitze unter der stechenden Sonne, ihr Leben so weit wie möglich mit ihnen teilen, Vorurteile überwinden und unermüdlich arbeiten, die Kamera zu einem Teil des Alltags machen, einem Teil der langen Märsche und der langen Arbeitstage.

Die Kamera muss ein Teil der Feldarbeit werden und ich ein Feldarbeiter des Blickes, der seine Ernte aus Beobachtungen des Lebens bezieht.

Respekt, Empörung über die große Armut und Bewunderung für die überlebenden Kulturen trotz Ausbeutung inspirieren mich. Ich will dieses Leben anderen zeigen, vor allem denen, die bequem im Kino oder zu Hause vor dem Fernseher sich diese Bilder anschauen.

Ich habe großen Respekt und hege Bewunderung für meine Protagonistinnen und Protagonisten, ich bin neugierig auf sie, ihr Leben interessiert mich. Meine Empörung entsteht durch die Ungerechtigkeit, wie ungleich wir Mexikanerinnen und Mexikaner leben. Diese Energie ist der Motor für meine Arbeit.

Wie kam es zu dem Film über Kinderarbeit?
Das Thema hat sich mir in der Wüste von San Luis Potosí aufgedrängt, wo ich meinen Film „Trópico de Cáncer” gedreht habe. Dort habe ich bei einer Familie gelebt, die Tiere und Pflanzen am Straßenrand verkauft. Kinder tragen dort einen großen Teil zum Unterhalt der Familie bei. Sie bauen Käfige aus Draht und Holz, Tag für Tag.

Anhand der Buben und Mädchen, die arbeiten müssen, zeigt sich unsere ganze globale Absurdität. Sie sind ein Teil der sogenannten Zivilisation und zeigen dadurch, wie absurd dieser Begriff ist. In Mexiko ist es normal zu sehen, dass ein Teil der Kinder ausgebeutet wird. Viele von ihnen sind ganz auf sich allein gestellt. Oft machen sie Arbeiten, die Talent und Fähigkeiten verlangen, wie z.B. Kunsthandwerk. Dadurch erhalten sie nicht nur sich selbst am Leben, sondern auch Kultur und Tradition. Der Gesellschaft ist das gleichgültig, vor allem den Bewohnerinnen und Bewohnern der Städte. Sie leben entfremdet in der Gleichgültigkeit, ohne Wurzeln und ohne Verbindung zu ihren Vorfahren. Für mich ist die Kinderarbeit eines der besten Beispiele, um zu zeigen, wie krank eine Gesellschaft ist. Es macht mich wütend, wenn ich eine gleichgültige städtische Bevölkerung sehe, die es normal findet, dass Kinder arbeiten.

Welche Botschaft würden Sie gerne mit Ihren Filmen transportieren?
Ich will authentisch sein. Ich will meine Protagonistinnen und Protagonisten verantwortungsvoll und würdevoll darstellen, meine Filme sollen tiefgehend und überzeugend sein. Sie sollen einen vielfätigen und breiten Diskurs anregen, bei dem die Menschen weiterdenken müssen. Ich biete meine Beobachtungen an, ohne durch Worte einen fixen Standpunkt zu transportieren. Ich will den Menschen Freiraum für das eigene Denken geben, indem ich ihnen meine genauen Beobachtungen zugänglich mache.

Bei „Los Herederos” waren Sie gleichzeitig Regisseur, Kameramann und Cutter. Wie arbeiten Sie?
Ich versuche, so kompakt wie möglich zu sein, sehr oft bin ich ganz alleine mit der Kamera. Wenn es möglich ist, habe ich noch einen Tonmenschen dabei, meine Frau Camille. Ich möchte ein Zeuge von Augenblicken sein, die so stattfinden, als ob ich nicht anwesend wäre. Ich möchte möglichst authentische Momente festhalten. Ich suche die Unsichtbarkeit. Ich weiß, dass das absurd ist, aber das ist meine Utopie. Diese Arbeitsweise verlangt Vertrauen, Geduld und Konzentration. Die Kamera ist ein gewalttätiges Werkzeug, das allein durch seine Anwesenheit den normalen Fluss des Lebens stört. Diese Bestie will beruhigt werden.

Wörter wie Realität oder Wahrheit sind der Nährstoff des Dokumentarfilms, aber es ist sehr gefährlich zu glauben, dass man als Dokumentarfilmer automatisch die Wirklichkeit oder die Wahrheit gepachtet hat. Das Interessante dabei ist, dass dein subjektives Arbeiten, wie die ständige Anwesenheit der Kamera, der Typ der Linse, der Fokus, der Schnitt, der Tonschnitt, die Länge der Einstellungen, etc., also diese ganze Zersplitterung aber auch Zusammenfügung der Wirklichkeit, schlussendlich ein Prozess der Wiedergeburt ist.

Wie werden Ihre Filme in Mexiko und Lateinamerika aufgenommen?
In Mexiko läuft die Sache gut. Aber was heißt schon gut? Neun Filmkopien in Kinosälen mit 30.000 Zuschauerinnen und Zuschauern. Die Logik des Filmmarkts macht es unmöglich, dass wir unsere Ausgaben wieder einspielen. In den mexikanischen Kinos laufen 98 Prozent Blockbuster-Filme, im Augenblick sind davon genau Null mexikanisch. Das Fernsehen hier kauft keine Dokumentarfilme, wir sind auf Festivals und alternative Möglichkeiten angewiesen. Es gibt aber Menschen, die solche Filme sehen wollen. Im Internet gibt es genügend Diskussionen, wo man solche Filme zu sehen bekommt, wenn man nicht die Chance hat, auf Festivals zu gehen – wer kann das schon? Außerhalb von Mexico D.F. kann man kaum alternative Filme sehen. Die Raubkopien, die auf der Straße verkauft werden, sind eine Möglichkeit, Filme auch in die ländlichen Regionen zu bringen.

Wie finanziert Mexiko Dokumentarfilme?
Es gibt Geld in Mexiko, aber es gibt auch eine enorme Habgier innerhalb des Medienbetriebs. Natürlich könnte das Fernsehen Dokumentarfilme finanzieren, doch diese Stellen sind mit der Politik und den Machtstrukturen verfilzt. Es wird bewusst unterlassen, die Mexikanerinnen und Mexikaner zum Reflektieren anzuregen und sich mit dem eigenen Land auseinander zu setzen. Deswegen zeigt das mexikanische Fernsehen keine Dokumentarfilme. Die Inhalte der Medien werden vollkommen kontrolliert. Mexiko ist eine Kolonie in den Händen von ein paar Familien, die einen enormen Reichtum angehäuft haben – und sie sind nicht bereit, sich auch nur einen Zentimeter von dieser Position wegzubewegen.

Wie sieht es mit den Ausbildungsmöglichkeiten in Mexiko aus?
Die Filmschulen sind exellent. Das CCC (Centro de Capacitación Cinematográfica) und das CUEC (Centro Universitario de Estudios Cinematográficos) haben hervorragende Professorinnen und Professoren. Aber die beste Schule ist und bleibt Mexiko selbst: Das Land steht in Flammen und es ist ein Schatz an Themen für Dokumentarfilme. Hier will sich die Wirklichkeit festhalten lassen. Kommt irgendwo eine Kamera zum Vorschein, passiert schon irgendetwas. Was auch ein immer größer werdendes Risiko für FilmemacherInnen bedeutet. Mexiko ist das Land mit den meisten ermordeten JournalistInnen, mehr als in Irak oder Afghanistan.

Wie wird es weitergehen mit dem mexikanischen Dokumentarfilm?
Dieses Land wird sich nicht verändern, die Strukturen sind seit der Kolonisierung so festgefahren und reproduzieren sich immer wieder von Neuem. Die meisten Dokumentarfilme hier sind unabhängige Produktionen, die alle die Empörung und das Aufzeigen von Ungerechtigkeiten gemeinsam haben. Wir werden weiterkämpfen, weiter das Ausland um Hilfe bitten, um unsere Filme im Inland zeigen zu können. Unsere Zukunft hängt von den kleinen alternativen Kreisen ab, sie sind unsere Hoffnung.

Wie könnte man den Dokumentarfilm in Mexiko oder Lateinamerika fördern?
Die unabhängigen Videoprojektionen, die jetzt überall entstehen, sind tatsächlich eine große Chance. Wir müssen die Straßen und die öffentlichen Plätze wiederbeleben. Die neuen Technologien helfen uns dabei. Wir müssen die Blase platzen lassen: Viele glauben, man könnte nur noch Filme in Shopping Centern mit einer Coca Cola in der Hand anschauen. Aber: Ein Kino ist wie ein Tempel, ein Ort des Rituals.

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