Die Enge nach der Befreiung

Wer für die Freiheit gekämpft hat, genießt heute ein paar Privilegien in Eritreas Hauptstadt Asmara. Zum Beispiel ein Auto, das mangels Benzin doch nur steht. Offen über Politik zu sprechen, gehört nicht dazu.

Von Michael Schrott
Haushohe Palmen säumen Asmaras Hauptstraße, als wäre eine Stadt von der italienischen Riviera auf das ostafrikanische Hochplateau versetzt worden. Die Hausfassaden in den Farben von schmelzendem Speiseeis: sanftes Apricot, Rosa und Pistaziengrün, rationalistische italienische Architektur aus den Dreißigerjahren, die Stadt ist ein Museum der Moderne. Vor der Art-Déco-Bar des Cinema Impero sitzen junge Menschen und trinken Tee oder Kaffee, das ist das billigste, was man hier bestellen kann. Das preiswerte Melotti-Bier in den Flaschen ohne Etikett - es gibt ja keine Konkurrenzmarke, von der man sich unterscheiden müsste - ist seit Monaten nicht mehr erhältlich. Der Brauerei fehlt Hopfen oder Malz oder beides.
Der Mangel ist allgegenwärtig, dafür ist die Luft hervorragend hier, in fast 2.400 Metern Höhe. Da dampfen keine Schlote, gerade einmal am Tag landet ein Flugzeug und fliegt wieder weg. Der Straßenverkehr ist vernachlässigbar. Im ganzen Land, das etwa so groß ist wie die Schweiz und Österreich zusammen, gibt es nur 40.000 private Automobile für die rund viereinhalb Mio. Menschen. Eines davon gehört Familie - na, nennen wir sie Woldemikael oder Gebreyohannes, das sind häufige Namen im schmalen Telefonbuch der Stadt. Den richtigen Namen wollen sie nicht genannt haben, einem ausländischen Journalisten ein Interview zu geben, könnte schon verdächtig sein. Erst im Frühjahr wurde BBC-Korrespondent Peter Martell ausgewiesen, weil er seine Informanten nicht preisgegeben hatte.
Das kleine Auto der W.s oder G.s wird allerdings fast nie ausgeführt. Nur alle heiligen Zeiten kauft Herr W. oder G. ein paar Liter Benzin und fährt einmal um den Häuserblock, "für die Gesundheit des Autos", so sagt er wörtlich, denn "wenn es lange steht, tut ihm das nicht gut". Warum er überhaupt eines hat? Naja, es war günstig, als Ex-Freiheitskämpfer hat er ein zollfreies Import-Auto bekommen, "für uns gibt es ein paar Privilegien von der Regierung".

Die ehemaligen freedom fighters besetzten in den Jahren nach 1991 alle wichtigen Posten in Politik, Wissenschaft und Wirtschaft Eritreas. Das rief natürlich den Neid jener hervor, die nicht gekämpft hatten: Warum kriegen die Kämpfer und Kämpferinnen die besten Jobs? "Das war doch nur gerecht", sagt die Soziologin Worku Zerai, die nichts dagegen hat, wenn ihr Name genannt wird, "denn solange wir gekämpft haben, konnten wir weder studieren, noch arbeiten, noch Karriere machen." Während sie eingegraben in den Bergen Nord-Eritreas lebte, von wo aus die Volksbefreiungsfront ihre militärischen Aktionen unternahm, hätten andere Geld verdienen und ihren Kindern im Ausland eine Ausbildung zukommen lassen können. Jetzt überwiesen ihnen diese Kinder von dort Geld. Sie selbst habe nach Beendigung der Kämpfe fertig studiert und erst 1997 ihr erstes Gehalt bekommen. Worku deutet auf die stumm neben ihr sitzende Tochter: "Sie kann mich nicht unterstützen, sie ist erst 17 und geht zur Schule, sie ist von mir abhängig. Aber das sehen die Leute nicht. Sie sehen eine Ex-Freiheitskämpferin in einer gehobenen Position und sagen: Die hat alle Vorteile."
Andere Hauptstädte hätten zur Feier des Sieges und zum Gedenken an die Befreiung eine Statue des siegreichen Feldherrn aufgestellt oder von einem Bildhauer ein Tableau von Fahnen und Gewehre schwenkenden Freiheitskämpfern anfertigen lassen. In Asmara findet man stattdessen ein Denkmal für einen Schuh. Ein Paar überdimensionale Sandalen aus schwarzem Metall. Eine Riesenausführung der Plastikschlapfen, die die Freiheitskämpfer, die tegadelti, getragen hatten. Perfektes Symbol für eine egalitäre Gesellschaft. Die freedom fighters sparten sogar beim Uniformstoff: sie trugen kurze, knappe Hosen. Männer wie Frauen. 30 Prozent der Kämpfer waren nämlich Kämpferinnen, auch in Kommandopositionen.
"Da war es für uns nur natürlich, auch danach so wie die Männer in führenden Positionen zu bleiben", meint Worku Zerai. Auch das stieß auf wenig Verständnis in der Zivilbevölkerung, die den gesellschaftlichen Wandel in der etwa 40.000 Männer und Frauen zählenden Befreiungsbewegung nicht mitbekommen hatten. "Wir hatten keine Tabus", erzählt die Soziologin, "und trafen hier in Asmara auf eine introvertierte Gesellschaft, in der die Frauen unterdrückt wurden. Als wir in Asmara ankamen, versteckten sich die jungen Mädchen, sie bedeckten ihre Köpfe." Heute laufen die meisten Frauen hier herum wie in Europa oder Amerika, viele in Hosen. Aber von Gleichbehandlung kann noch keine Rede sein. Wie seit Jahrtausenden werden die Genitalien kleiner Mädchen schwer verstümmelt, religionsübergreifend, ob bei den Christen, Muslimen oder Naturreligionen, ob in der Stadt oder auf dem Land. 90 Prozent der Mädchen sollen betroffen sein. Seit Jahren läuft eine Aufklärungskampagne gegen die Beschneidung, seit 2007 ist sie von der Regierung unter Strafe gestellt.

In ein unverbindliches Gespräch kommt man mit den meisten Leuten leicht: Woher man komme, wie einem die Stadt gefalle. Aber über Politik wird eisern geschwiegen, da sitzt den Menschen die Angst in den Knochen. Hunderte wurden auf Nimmerwiedersehen ins Gefängnis gesteckt, darunter viele Journalisten und ehemalige Politiker - Männer wie Frauen. Etwa der frühere Außenminister Petros Solomon. Er war selbst Freiheitskämpfer, unter seinem Kommando rückten die siegreichen tegadelti in Asmara ein. Jetzt rücken die jungen Asmarerinnen und Asmarer am liebsten aus. Wer kann, verlässt das Land. In fast jedem Flüchtlingsschiff, das im Mittelmeer aufgegriffen wird, sind Menschen aus Eritrea dabei. Es ist auch eine Flucht vor dem Militär. Eritrea hat eine der größten Armeen Afrikas, zehn Prozent der Bevölkerung sind uniformiert. Damit beraubt sich das Land seiner besten Talente und entzieht der Wirtschaft junge, ausgebildete Kräfte.
Während zur koptischen St. Michael-Kirche die Fäkalien hinauf stinken, die die Leute in den darunterliegenden Hütten mangels Alternativen ins Gebüsch setzen, wurde am südlichen Stadtrand gerade die erste "gated community" fertig, das erste abgezäunte Wohnareal mit zentralem Swimmingpool für Wohlhabende. 300.000 US-Dollar kostet hier ein Haus, fast alle sind schon verkauft. Diesen Preis können sich nur die leisten, die ihr Geld im Ausland verdienen. Die Familie W. oder G. gehört nicht dazu. Der Vater hat als Ex-Freiheitskämpfer einen Job im mittleren Management eines staatlichen Betriebs bekommen, die Mutter ist Krankenschwester, die beiden haben sechs Kinder. Ein Drittel des Familieneinkommens geht für die Miete eines bescheidenen Hauses drauf. Die Preise für Grundnahrungsmittel sind zum Glück staatlich gestützt. Wenn sie einen Arzt brauchen, müssen sie für die Kosten selbst aufkommen. Seit ein paar Jahren zahlen die W.s oder G.s in eine Pensionsversicherung ein. Ob die Rente zum Leben reichen wird, können sie nicht abschätzen. Aber sie zählen auf ihre sechs Kinder. Zur Not könnten sie ja das unnötige kleine Auto verkaufen.

Michael Schrott ist Ö1-Redakteur der Sendung Diagonal – Radio für Zeitgenossen und bereiste kürzlich Eritrea.

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