Die Entstaatlichung der Weltwirtschaft

Von Christof Parnreiter ·

Globalisierung bedeutet nicht in erster Linie Ausweitung des Welthandels, sondern eine – sehr bedenkliche – Veränderung des Charakters der Weltwirtschaft, meint Christof Parnreiter.

Globalisierung ist in aller Munde. Und dennoch ist die Vorstellung, die wir uns von der Weltwirtschaft machen, die eines Mosaiks von Nationalstaaten. Die Entwicklungsberichte der Vereinten Nationen und der Weltbank listen Indikatoren für Staaten auf, politische Großereignisse und deren Gegenveranstaltungen sind von einer Frontstellung „reiche“ gegen „arme“ Staaten geprägt, und in Schulbüchern und Medien wird von „Dritte Welt-Ländern“ berichtet.
Doch dieses Bild entspricht keineswegs dem Zustand der Weltwirtschaft. Globalisierung bedeutet nämlich nicht in erster Linie, dass der Welthandel rascher wächst als die Produktion. Globalisierung bedeutet vor allem, dass sich der Charakter der Weltwirtschaft ändert: Inter-nationale, also zwischenstaatliche wirtschaftliche Aktivitäten werden zunehmend von einer trans-nationalen Organisationsstruktur abgelöst.
In der klassischen Ökonomie ließ David Ricardo England und Portugal Handel treiben, zu beiderseitigem Gewinn, wie er behauptete. Die Vorstellung, dass Länder miteinander handeln, wurde auch von den meisten KritikerInnen des freien Handels übernommen. Nur TheoretikerInnen der Weltsystemanalyse, etwa Immanuel Wallerstein, argumentieren, dass nicht Staaten, sondern Warenketten oder Produktionsnetze, die von großen Unternehmen gesteuert sind, die zentrale Organisationsform der Weltwirtschaft sind.

Solche Warenketten umfassen alle Inputs, die erforderlich sind, um ein bestimmtes Gut zu erzeugen: Kredite und Rohstoffe, Arbeitskräfte und Energie, Werbeagenturen und Müllentsorgung. Weil diese Bestandteile meist an verschiedenen Orten, die vielfach in verschiedenen Staaten gelegen sind, erbracht werden, überschreiten Warenketten nationale Grenzen. Die Produktion ist also trans-national organisiert: Die Warenkette des Autos verknüpft Produktionsstandorte in vielleicht 30 Staaten, und selbst die der Banane in fünf oder zehn.
Heute entspricht nur mehr ein Drittel des Welthandels der herkömmlichen Vorstellung, dass „nationale“ Firmen miteinander handeln. Nach Angaben der UNCTAD werden zwei Drittel des Welthandels von transnationalen Konzernen beherrscht, wobei rund ein Drittel überhaupt so genannter „intra-firm trade“ ist, also Handel, der nicht zwischen Unternehmen, sondern innerhalb eines Unternehmens abgewickelt wird. Das verbleibende Drittel ist Handel zwischen Konzernen und Firmen, die von ihnen formal unabhängig, wirtschaftlich aber dominiert sind.
Wie sehr globale Warenketten die Weltwirtschaft dominieren, lässt sich noch an einem anderen Beispiel zeigen: Der intra-industrielle Handel, bei dem ähnliche Produkte gehandelt werden (also z.B. Bestandteile eines Autos), macht in den OECD-Ländern zwischen zwei Drittel und drei Viertel des Handels mit Industriegütern aus. Diese Daten zeigen deutlich, dass heute nicht England und Portugal miteinander handeln, und auch nicht die USA und China, sondern dass Produktteile gehandelt werden, und zwar meist innerhalb des Produktionsnetzes eines Konzerns, der Niederlassungen in China, Deutschland, den USA, Mexiko, Polen, etc. hat.

Für die entwicklungspolitische Diskussion bedeutet das, dass Staaten heute weniger denn je als Einheiten wirtschaftlicher und sozialer Entwicklung aufgefasst werden können. Bestimmte makroökonomische Daten zu Mexiko beispielsweise vermitteln das Bild eines Landes, das bei den Exporten von Hochtechnologieprodukten rasche Wachstumsraten erzielt. Das ist richtig – Mexiko ist etwa ein führender Exporteur von Laptops geworden – und auch nicht: Denn es ist nicht „Mexiko“, nicht einmal „mexikanische Unternehmen“, die diesen Exportboom zustande bringen: 95% der „mexikanischen“ Exporte entfallen auf nur 305 Unternehmen und etwa 3.500 „Maquiladoras“ – die meisten dieser Betriebe sind lokale Niederlassungen transnationaler Konzerne. Und: 85% der „mexikanischen“ Exporte werden innerhalb von Import-Export-Programmen abgewickelt, also Programmen, die den regulativen Rahmen für die globale Produktion in Warenketten liefern. Halbfertigprodukte werden importiert, in Mexiko verarbeitet, und dann reexportiert. Steuern und Zölle fallen kaum an, und die tatsächliche Wertschöpfung in Mexiko bleibt minimal. Exportiert die „Maquiladora“ eine Ware um 100 US-Dollar, werden nur drei Dollar in Mexiko erzeugt. Zugespitzt kann man also sagen, dass „Mexiko“ als wirtschaftliche Einheit nicht existiert. „Mexiko“, das sind vor allem Exportproduktionszonen, die zwar in Mexiko liegen, die aber mit Mexiko nur so viel zu tun haben, als dass transnationale Konzerne die dortige Arbeitskraft und Umwelt ausbeuten.

Um dieser Realität gerecht zu werden, müssen wir neue sozialräumliche Vorstellungen von unserer Welt entwickeln. Die globalen Warenketten scheinen mir dazu geeignet zu sein. Indem sie ein Produkt vom Ursprung bis zum Ende verfolgen, lenken sie unsere Aufmerksamkeit auf verschiedene geographische Skalen, insbesondere auf die grundsätzliche Globalität der kapitalistischen Produktion und auf ihre notwendige lokale Verankerung an konkreten Orten. Sie weisen aber auch auf die verschiedenen Akteure hin: auf die transnationalen Konzerne und die nationalen Regierungen, auf die ArbeiterInnen und die KonsumentInnen, auf die supranationalen Institutionen und kleine Firmen. Das Bild mag komplex sein, dafür aber ist es geeignet, die wirtschaftliche und soziale Ungleichheitsproduktion im Rahmen der Globalisierung zu erfassen.

Christof Parnreiter arbeitet am Institut für Stadt- und Regionalforschung an der Österreichischen Akademie der Wissenschaften und ist Vorstandsmitglied des „Mattersburger Kreises“.

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