Die Frauen und das Gute Leben

Die feministische Vision und Erfahrung sind eine Stärke bei der Umsetzung des Konzepts vom Guten Leben und werden umgekehrt von dieser indigenen Weltsicht im Denken und im Handeln bereichert.

Von Magdalena León T.
Bei einem Protest von etwa 10.000 ecuadorianischen Indigenen gegen ein neues Wassergesetz halten sie der Regierung ihre eigenen Vorstellungen vom Guten Leben entgegen.

Das erste Jahrzehnt des 21. Jahrhunderts erlebte einen großen Fortschritt in der Formulierung von Alternativen für eine bessere Welt, für eine Lösung der globalen Krisen. In einer historischen Synthese blühten alte Lebensweisheiten in einem neuen Gewand auf, wie etwa das Konzept des Guten Lebens, des Buen vivir, in dem sozialistische und feministische Utopien zu neuer Aktualität gelangen.

Was vor wenigen Jahren noch undenkbar war, vollzieht sich jetzt in einigen Ländern und Regionen Lateinamerikas: Soziale Organisationen und Regierungen entdecken in dieser Phase des Übergangs erneut den Sozialismus und das Gute Leben, wie es etwa die neuen Verfassungen von Bolivien und Ecuador formulieren, und in beiden Fällen wird deutlich, dass der Feminismus ein untrennbarer Bestandteil dieser Veränderungen ist*.

Diese bedeutsamen Entwicklungen sind natürlich eingebettet in Diskussionen, Konflikte und Widersprüche, wie sie derartigen strukturellen und zivilisatorischen Prozessen eigen sind.

Was sich heute als Weichenstellung zwischen Leben und Kapitalismus darstellt, ist an und für sich keine neue Entdeckung. Sie kann vielmehr auf eine lange Geschichte von Visionen und des Widerstandes indigener Völker, der Frauen und des Feminismus zurückblicken. Und in letzter Zeit auch auf kommunitaristische Strömungen, auf ökumenische, solidarökonomische Bewegungen sowie auf ökologische Initiativen. Neu sind jedoch einige faktische und politische Rahmenbedingungen. Einmal das große Ausmaß, das die Zerstörung von Umwelt und Leben auf unserem Planeten erreicht hat und das die Notwendigkeit eines Umdenkens unumgänglich macht. Ein weiteres neues und entscheidendes Element ist die gegenwärtige politische Möglichkeit, den Kapitalismus als Verursacher dieser Situation anzuklagen und eine Umwandlung des ihm zugrunde liegenden Systems und zivilisatorischen Modells einzufordern, was bis vor einigen Jahren durch die totale neoliberale Hegemonie unvorstellbar war.

Es ist gerade diese Neuentdeckung des Lebens als zentraler Kategorie, die dazu geführt hat, dass die uralte Weltsicht unserer Vorfahren, wie sie sich, mit einigen Nuancen, in allen Kulturen und Gesellschaften unseres Planeten manifestiert hat, eine neue Aktualität erfährt. In der südamerikanischen Andenregion ist diese Kosmovision als Sumak Kawsay (Kichwa) oder Suma Qamaña (Aymara) bekannt, als Gutes Leben oder gut leben. Sie wird bereichert und erweitert durch alle jene Denkweisen und Praktiken, die das Leben und seine Unversehrtheit in den Mittelpunkt ihrer existenziellen und sozialen Prozesse stellen.

Das Gute Leben stellt eine kollektive Errungenschaft dar, die aus dem Vollen schöpft, basierend auf einer harmonischen und ausgeglichenen Beziehung zwischen den Menschen und allen Lebewesen in einem System der Gegenseitigkeit und der Ergänzung. Sie setzt die Anerkennung voraus, dass alle Lebewesen ein Teil der Natur sind, dass wir von ihr und auch unter uns abhängen. Diese Perspektive bedeutet einen völligen Bruch mit der Vorstellung von der zentralen Bedeutung und der Überlegenheit des menschlichen Individuums und auch mit den Begriffen von Fortschritt und Wohlstand kapitalistischen Zuschnitts.

Diese Vision des Guten Lebens taucht nunmehr als Alternative auf, da sie genau auf diese Weichenstellung zwischen dem Leben und dem Kapital abzielt. Sie macht die Herausforderung deutlich, die darin liegt, die Wirtschaft und die Gesellschaft neu zu organisieren mit dem Ziel, eine umfassende Reproduktion des Lebens und nicht des Kapitals zu sichern.

Feminismus und Gutes Leben: Trotz ihrer uralten Wurzeln ist diese Kosmovision nicht erstarrt, sondern hat sich unter der Oberfläche mit einer Dynamik weiterentwickelt, die auf emanzipatorische Praktiken des Zusammenlebens und der Subsistenz der verschiedenen Völker ausgerichtet ist. Ein zentraler Punkt dabei war und ist die von den Frauen konstruierte Ethik der Sorge um das Leben. In konzeptioneller und praktischer Hinsicht gibt es zahlreiche Überschneidungen zwischen Feminismus und Gutem Leben. Zum Beispiel im Bereich der Wirtschaft. Die feministische Wirtschaftstheorie entstand und entwickelte sich als kritische Perspektive gegenüber dem Kapitalismus und seinen Ansätzen, die die Ökonomie auf die Regeln des Marktes reduzieren, die nicht-merkantilen oder subsistenzwirtschaftlichen Prozesse ignorieren und die Beiträge zum Schutz und zur Erhaltung des Lebens nicht anerkennen.

Der feministische Ansatz, das Leben und die Arbeit als zentrale ökonomische Kategorien dem Kapital und der Akkumulierung gegenüber zu stellen, ist für den Aufbau des Guten Lebens von größter Bedeutung. Erst durch eine erweiterte Auffassung von der Wirtschaft, die in ihre Analyse alle Bereiche und Prozesse der Arbeit, der Produktion und des Umlaufs von Gütern und Dienstleistungen einbezieht, egal, ob sie nun in Geld und im kapitalistischen Markt gemessen werden oder nicht, werden die Beiträge der Frauen sichtbar – und gleichzeitig auch das Ausmaß der wirtschaftlichen Ungerechtigkeiten, in deren Rahmen sie geleistet werden.

Im Bereich der wirtschaftlichen Praxis haben die Frauen Dynamiken begünstigt, die von den Prinzipien der Solidarität, der Zusammenarbeit und der Gegenseitigkeit geleitet werden. Dies nicht nur im Haushalt und im Pflegesektor, sondern bei vielen wirtschaftlichen Tätigkeiten zur Schaffung von Überlebensstrategien, bei denen sie an vorderster Stelle stehen.

In der feministischen Diskussion zwischen der Logik des Kapitals und der Logik des Lebens ist die Sorge um das Leben und seine Nachhaltigkeit ein Schlüsselelement. Im Fall der für das Fortbestehen der Menschheit so wichtigen Fürsorge handelt es sich um komplizierte Beziehungen und Prozesse der Arbeit, der Gefühle und der Macht, um die menschlichen Bedürfnisse zu erfüllen.

Von besonderer Bedeutung sind das Wissen und die Geschicklichkeit, die die Frauen über Jahrhunderte hindurch bezüglich der Lebens- und Produktionsbedingungen angehäuft haben: im Bereich der Landwirtschaft, der Ernährung, der Gesundheit, des Kunsthandwerks. Die Arbeit der indigenen Frauen als Wahrerinnen und Vermittlerinnen der Kultur kann nun im Zusammenhang von Feminismus und Gutem Leben neu gesehen und gewertet werden. Das gängige Bild von den indigenen Frauen als den Ärmsten, den Analphabetinnen, den Unterdrückten, gerät ins Schwanken, wenn man z.B. ihre Kenntnisse und ihr Wissen in so strategischen Bereichen wie Saatgut und traditioneller Medizin in Betracht zieht.

Der Schutz der Umwelt und der Natur führt uns zur Anerkennung des Prinzips der gegenseitigen Abhängigkeit. Die Menschen hängen von der Natur ab, unser Überleben ist letztendlich unlösbar mit ihr verbunden. Heute ist der Zusammenhang von Biodiversität und kultureller Vielfalt, von uns Menschen und den anderen Lebewesen offenkundig. Die Frauen nehmen hier eine führende Rolle ein, sowohl über die Arbeit als auch auf ritueller Ebene, besonders in Fällen, wo dem Wasser und der Erde ein geheiligter Status zugeschrieben wird.

Darüber hinaus führt die Konstruktion des Guten Lebens zu einer Neuformulierung der Beziehungen zwischen Frauen, Natur und Kultur. Durch lange Zeit hindurch kämpfte der Feminismus gegen die Einbindung der Frau in die Natur. Schließlich führt die Vorstellung, dass wir Frauen alles machen, weil es eben so in unserer Natur liegt, weil es unsere vorbestimmte Rolle ist, direkt zu den ökonomischen und sozialen Ungleichheiten, zur fehlenden Anerkennung und Wertschätzung der Beiträge der Frauen. Doch heute stellt sich dieses Verhältnis anders dar. Es hat sich für uns Frauen die Möglichkeit eröffnet, unsere Beziehung zur Natur von der Last der Unterwürfigkeit zu lösen und ihr vielmehr eine befreiende Dimension zu geben, eine Wiederbewertung unserer Erfahrungen und Kenntnisse zur Erreichung eines andauernden Gleichgewichts in den Lebenszyklen.

Magdalena León T. ist eine feministische Ökonomin aus Ecuador, Beraterin bei der Ausarbeitung der neuen Verfassung des Landes und Mitarbeiterin am Amerikanischen Sozialforum.
Übersetzung von Werner Hörtner.

*) So stand zum Beispiel der kontinentale Kongress von Vía Campesina, dem weltweiten Zusammenschluss von Bewegungen von Bäuerinnen und Bauern, der im vergangenen Oktober in der ecuadorianischen Hauptstadt Quito stattfand, unter der zentralen Losung „Ohne Feminismus gibt es keinen Sozialismus”.

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