Die Früchte des Waldes

Wie Chiles ärmste Bevölkerungsgruppe die Vergabe eines Nachhaltigkeitssiegels an zwei große Waldbesitzer zur Verbesserung ihrer eigenen Lage nutzte, beschreibt Erhard Stackl.

Als Rückgriff auf alte Traditionen begannen die WaldbewohnerInnen, Heilkräuter gemeinsam zu sammeln und zu verarbeiten.© Taller de Acción Cultural

Auf improvisierten Marktständen in Concepción, 500 Kilometer südlich von Santiago de Chile, gab es kurz vor der Jahreswende ein ungewöhnliches Angebot: Brombeeren und Berberitzen, Maqui-Ölfrüchte und Guaven, Pilze und Heilkräuter, Marmeladen und Tees, Öle und Säfte – alles aus wildwachsenden Pflanzen in den umliegenden, riesengroßen Wäldern der Region Biobío stammend. Auf der Plaza España fand das erste regionale Treffen der „SammlerInnen von Früchten des Waldes“ statt, zu dem auch VertreterInnen von Ministerien und universitäre ForstexpertInnen angereist waren. Drei extra eingeladene Spitzenköche bereiteten für das Publikum aus den „Waldfrüchten“ regionale Spezialitäten zu. FestrednerInnen betonten die wachsende Bedeutung dieses Wirtschaftssektors, nicht nur für die zunehmend an Naturprodukten interessierten ChilenInnen, sondern auch für den Export. Pro Jahr würden „Nichtholz-Waldprodukte“ (Non-timber forest products, NTFP) für umgerechnet 80 Millionen Euro in 60 Staaten ausgeführt; 200.000 Menschen lebten davon.

Ein Traum. „Es ist fantastisch“ sagt Verónica Salas, „ein Traum, der nach immensen Anstrengungen nun Wirklichkeit wird“. Möglich geworden sei er nur, weil sich die größten Waldbesitzer des Landes einer Zertifizierung gemäß den Nachhaltigkeitskriterien der internationalen FSC-Organisation (Forest Stewardship Council) unterzogen.

Salas ist die Mitbegründerin von TAC (Taller de Acción Cultural – Werkstatt für kulturelle Aktion), einer kleinen NGO in Santiago, die dort seit 30 Jahren solidarische und selbstverwaltete Wirtschaftsprojekte wie Gemeinschaftsküchen und Wäschereien in den Armenvierteln begleitet. Im Jahr 2000 kam sie in die vier Provinzen umfassende Region Biobío, nachdem sie von der Not der dort in kleinen Waldgemeinden lebenden Menschen, darunter auch Indigene vom Volk der Mapuche, gehört hatte. Im Zuge der neoliberalen Reformen während der Militärdiktatur (1973-1990) waren die Naturwälder privatisiert, große Flächen abgeholzt und zum Teil mit Plantagenwäldern aus Kiefern und Eukalyptus bepflanzt worden. Viele Waldarbeiter verloren ihre Jobs; sie wurden durch Spezialmaschinen und auswärtige Saisonniers ersetzt. Ihre Frauen besannen sich – um das Überleben der Familien zu sichern – auf die Jahrhunderte alte Tradition des Sammelns, wurden von den Eigentümern aber immer wieder aus dem Wald gejagt. Diese Menschen, die zur ärmsten Bevölkerungsgruppe zählten, seien in der chilenischen Gesellschaft praktisch „unsichtbar gewesen“, berichtet Salas. „Nicht einmal sie selbst haben das Sammeln als wirkliche Arbeit betrachtet.“

Reiches Wissen. Das TAC-Team besuchte die Dörfer, nahm stundenlang Interviews auf, transkribierte diese und las sie den Dorfgemeinschaften vor, fügte deren Kommentare hinzu, bis die Ursachen der Misere genau beschrieben waren. Im Fall von Cuyinpalihue, der ersten Mapuche-Gemeinde in ihrem Entwicklungsprojekt, ließen sie sich von der Dorfältesten Fresia Antileo Cayuleo auch die historischen Hintergründe erzählen: von weißen SiedlerInnen, die ihre Hütten einst niedergebrannt und ihre Friedhöfe zerstört hätten. Sie erzählte aber auch vom Leben der Mapuche im Einklang mit der Natur, ihrer „Cosmovisión“ und vom Wissen um die Heilwirkung vieler Pflanzen. Salbei gilt als desinfizierend, eine chilenische Lorbeer-Art lindert Entzündungen. Sie verwenden Ehrenpreis bei Hautproblemen und Johanniskraut gegen Schlafstörungen. Aus den Blüten des einheimischen Baums Tineo (Weinmannia tricosperma) wird ein stärkender Sirup. Einen verdauungsfördernden Tee brauen sie mit Blättern des immergrünen Guaya-Baums (Kageneckia oblonga; benannt nach Johann Friedrich von Kageneck, einem österreichischen Diplomaten des 18. Jahrhunderts).

„Ich pflanze einige Kräuterarten, meine Mutter erntet sie“, sagt Fresias Tochter Sonja, die zur Vorsitzenden der SammlerInnen von Cuyinpalihue gewählt wurde. Die TAC-BeraterInnen hatten den DörflerInnen empfohlen, gemeinsam statt wie bisher individuell zu sammeln und sich zu organisieren, um gegenüber den Waldbesitzern vereint auftreten zu können. In den folgenden Jahren wurden mehrere tausend (überwiegend nicht indigene) SammlerInnen beraten.

Wende. Die große Wende begann 2003, allerdings 8.000 Kilometer von den südchilenischen Wäldern entfernt. Nach jahrelangem Druck von US-amerikanischen UmweltschützerInnen erklärte sich die in Atlanta im Bundesstaat Georgia beheimatete Baumarktkette „Home Depot“ – mit rund 2.000 Märkten in mehreren Ländern und 300.000 Beschäftigen der Riese dieser Branche – dazu bereit, nur noch nachhaltiges Holz zu verkaufen. Dazu sollten ihre Hauptlieferanten in Chile (und in Indonesien) verpflichtet werden, sich von einer der anerkannten Nachhaltigkeits-Organisationen, vor allem von FSC, zertifizieren zu lassen.

Tatsächlich willigten in Chile die zwei größten Forsteigentümer der Region, Forestal Mininco und Forestal Arauco, die zusammen ein Gebiet von der Größe Niederösterreichs und des Burgenlands besitzen, in die Aufnahme eines mehrere Jahre dauernden Zertifizierungsverfahrens ein. Zur Erreichung eines Gütesiegels mussten sie nicht nur Umweltschutzkriterien erfüllen und z.B. auf den Kahlschlag von Urwäldern verzichten, sondern auch den dort lebenden Menschen ein besseres Leben ermöglichen: Sowohl mit den Forstarbeitern als auch mit den SammlerInnen musste ein Dialog aufgenommen werden.

„Früher hatten wir überhaupt keine Rechte, doch als der FSC auftauchte, war das wie ein Licht in der Finsternis“, wird der Holzgewerkschafter Mauricio Laborde in einer TAC-Dokumentation zitiert. Und eine der Sammlerinnen fügte hinzu: „Jetzt können wir ohne Angst in die Wälder gehen; sie warnen uns, ehe sie Pflanzenschutzmittel versprühen und geben uns Brennholz.“ Darüber hinaus setzten sich Vertreter der Industrie mit Abgesandten der SammlerInnen an einen Tisch.

„Es geht darum, dauerhafte Beziehungen aufzubauen“, sagte der Forestal-Arauco-Manager Patricio Eyzaguirre gegenüber einer Lokalzeitung. „Die Idee ist, dass diese Sammeltätigkeit weiter wächst.“

Parallel dazu wurden mit Unterstützung von TAC und anderen HelferInnen ein Vertriebsnetz für die „Früchte des Waldes“ eingerichtet und Kurse für die mit der Natur weniger vertrauten SammlerInnen abgehalten. Dabei gab es z.B. Infos über lokale Speisepilze wie Butter-Röhrling, Schmerling und Edel-Reitzker und wie man sie am besten sammelt, ohne ihr Nachwachsen zu verhindern.

Brennende LKW. Das bedeutet freilich keineswegs, dass in den Wäldern im Süden Chiles nun alles in Ordnung wäre. So gibt es massiven Widerstand gegen projektierte Wasserkraftwerke. Mapuche-Organisationen fordern – vor allem in weiter südlich gelegenen Regionen des Landes – von den Forstfirmen das Land ihrer Ahnen zurück. Es kam zu gewaltsamen Zusammenstößen. Mehrere Tote waren die Folge. Firmen-LKW und Häuser gingen in Flammen auf. BewohnerInnen verdächtiger Mapuche-Gemeinden wurden – auch ohne konkrete Beweise – nach einem Antiterrorgesetz vor Gericht gestellt.

Im Mapuche-Dorf Cuyinpalihue sei das anders, sagt Verónica Salas. „Dort hat die Forstfirma sogar zwei Söhne der Ältesten Fresia Antileo als Waldhüter angestellt.“

Nach der Auffassung sehr kritischer NGOs wie dem „World Rainforest Movement“ (WRM) hätte das FSC-Siegel gar nicht an die chilenischen Forstfirmen vergeben werden dürfen, weil ihre Plantagen u.a. durch hohen Wasserverbrauch, Verwendung von Chemikalien und Verringerung der Artenvielfalt die Umwelt beeinträchtigten.

Verónica Salas, die nun ehrenamtlich im FSC-Sozialbereich mitarbeitet, räumt ein, dass durch den Zertifizierungsprozess längst nicht alles ökologisch Wünschenswerte erreicht worden sei. Was die SammlerInnen betrifft, so gingen die Ausbildungskurse weiter, damit die TeilnehmerInnen gut vorbereitet „die Respektierung ihrer Rechte einfordern“ können. Den FundamentalkritikerInnen rät Salas aber, sich die in den Wäldern von Biobío erreichten positiven Veränderungen einmal selbst anzusehen.

Erhard Stackl ist freiberuflicher Autor und Journalist und Herausgebervertreter des Südwind-Magazins.

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