„Die Gandhi der Westsahara“

Von Günther Sidl ·

Die saharauische Menschenrechtsaktivistin Aminatou Haidar trat einen Monat lang in Hungerstreik, um ihren marokkanischen Pass wiederzubekommen.

Staatsbürgerschaft: „Saharauisch“: Mit diesem Eintrag auf ihrem Einreiseformular sorgte Aminatou Haidar am 14. November bei den marokkanischen Behörden für höchste Verärgerung. Die westsaharauische Menschenrechtsaktivistin hatte ihre Rückreise aus New York, wo sie einen Preis für Zivilcourage verliehen bekommen hatte, schon fast beendet, als die Marokkaner ihr ob dieses Aktes zivilen Ungehorsams den Pass abnahmen, sie in ein Flugzeug setzten und auf die spanische Ferieninsel Lanzarote abschoben.

Haidar hätte eben „Marokkanisch“, und nicht „Saharauisch“ angeben müssen, rechtfertigte der marokkanische Außenminister Taieb Fassi Fihri schulterzuckend die Maßnahme. Sein Land besetzt seit mehr als 30 Jahren – völkerrechtswidrig – zwei Drittel der ehemaligen spanischen Kolonie Westsahara, ein 266.000 km2 großes Gebiet im Westen Afrikas. Seit 1991 blockiert Marokko die Bemühungen der UNO für ein freies und faires Referendum über die Zukunft der Westsahara. Ein großer Teil der saharauischen Bevölkerung floh nach der Besetzung in die Wüste Algeriens, wo rund 180.000 Saharauis unter prekären Bedingungen in Flüchtlingslagern mitten in der Sahara leben. Die Befreiungsbewegung Polisario unterhält dort eine Exilregierung.

Aminatou Haidar – die „saharauische Gandhi“, wie sie ihre Landsleute nennen – kämpft schon seit Jahrzehnten für die politische Selbstbestimmung ihrer Heimat. Der Internationale Gerichtshof sprach sich 1975, nach dem Abzug der Spanier, für ein Referendum über den endgültigen völkerrechtlichen Status des Gebietes aus. Marokko torpediert aber alle diesbezüglichen Bemühungen bis heute.

1987 nahm Haidar, damals 21 Jahre alt, an einer Demonstration teil, in der die Durchführung des Referendums gefordert wurde. Gemeinsam mit 17 weiteren Frauen wurde sie verhaftet und vier Jahre lang ohne Anklage an einem geheimen Ort festgehalten, eigenen Angaben zufolge auch gefoltert.

Mehrmals schon bot ihr Spanien politisches Asyl sowie die Staatsbürgerschaft an, Haidar lehnte jedes Mal ab. Nach Lanzarote durfte Haidar am 14. November 2009 zwar einreisen, die spanischen Behörden untersagten ihr aber die Rückkehr in die Westsahara, weil sie nicht im Besitz eines gültigen Passes sei. Daraufhin trat sie auf dem Flughafen bei Arrecife in einen Hungerstreik.

Schon einmal wählte Haidar dieses äußerste Mittel des gewaltlosen Widerstands. Im Juni 2005 wurde sie zusammen mit weiteren AktivistInnen während einer Demo verhaftet. Marokkanische Polizisten fügten ihr damals mit Schlagstöcken schwere Kopfverletzungen zu, ihre Wunden mussten genäht werden. Anschließend wurde sie zu sieben Monaten Haft verurteilt, die sie in einem berüchtigten Kerker in El Aiun, der Hauptstadt der Westsahara, absaß. Um für sich und ihre Mitgefangenen bessere Haftbedingungen zu erreichen, trat sie am 8. August 2005 in einen mehr als siebenwöchigen Hungerstreik. Ihre Situation sorgte damals international für Aufsehen. Im Europäischen Parlament unterschrieben etwa 178 Abgeordnete mit Erfolg eine Petition für ihre sofortige Freilassung.

Die damalige EU-Parlamentarierin und nunmehrige niederösterreichische SPÖ-Landesrätin Karin Scheele war schon damals unter den UnterzeichnerInnen. Nun setzt sich die Vorsitzende der Österreichisch-Saharauischen Gesellschaft neuerlich für Haidar ein: Scheele flog kurzerhand selbst nach Lanzarote, um Haidar persönlich zu treffen, und schaltete sich in die Vermittlungsversuche zwischen Madrid und Rabat ein.

Von dem Lebens- und Kampfeswillen Haidars zeigte sich Scheele nach ihrem Besuch tief beeindruckt: „Es ist unglaublich, welches Leid und welche Ungerechtigkeiten Aminatou in ihrem Leben bereits erfahren musste, und dennoch kämpft sie weiter.“ Haidars Zustand war schon sehr schlecht, auch aus Sorge um ihre beiden Kinder in El Aiun.

Am 17. Dezember 2009, dem 32. Tag ihres Streiks, musste Aminatou Haidar wegen Flüssigkeitsmangels und blutigen Erbrechens in ein Krankenhaus eingeliefert werden. Kurz darauf erlaubte ihr Spanien die Ausreise in die Westsahara, wo sie am Morgen des 18. Dezember 2009 eintraf.

Auch Marokkos König Mohamed VI., der Haidar stets die „Unterstützung ausländischer Kräfte“ vorwarf, erlaubte ihr schließlich nach intensiven diplomatischen Bemühungen die Rückkehr nach El Aiun. „Das ist ein Sieg für das internationale Recht, die Menschenrechte, die Gerechtigkeit und die Sache des saharauischen Volkes“, erklärte Haidar, von ihrem Hungerstreik sichtlich geschwächt.

Der Autor studierte Politologie und setzt sich seit Jahren mit dem Westsahara-Konflikt auseinander.

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