Die Gegenrevolution

Die alten Kräfte des Regimes sind auch weiterhin aktiv in Ägypten und blockieren die aufkeimenden demokratischen Prozesse.

Von Brigitte Voykowitsch
Universität Kairo: Die Staatssicherheit verschließt kritischen DenkerInnen auch weiterhin die Türen.

Ginge alles mit rechten Dingen zu, dann wäre Randa Aboubakr heute Dekanin der geisteswissenschaftlichen Fakultät der Universität Kairo. Für diese Position wurde die Literaturwissenschaftlerin im Frühsommer gewählt. „Der ganze Prozess verlief von Anfang an sehr demokratisch. Er war im Kleinen – im universitären Umfeld – gewissermaßen das, was wir auch auf politischer Ebene im gesamten Land gerne erreichen möchten“, erzählt Randa Aboubakr, die gegen sechs männliche Kandidaten antrat. „Vor der Wahl dachte ich mir, dass die Leute möglicherweise noch nicht bereit sein könnten, eine Dekanin, also eine Frau an der Spitze der Fakultät zu haben. Das hat es ja noch nie gegeben. Aber es stellte sich heraus, dass das keine Rolle spielte.“

Was den Ausschlag gab, war Randa Aboubakrs Wahlprogramm, das zwei Ziele beinhaltete: die völlige Unabhängigkeit der Universität vom ägyptischen Staatssicherheitsapparat und die Förderung der akademischen Forschung, die unter den autoritären Regimen der vergangenen 60 Jahre stark gelitten hatte.

Doch die Wahl wurde vom Rektor der Universität nicht approbiert, weil Randa Aboubakr sich in den vergangenen Jahren in der „Gruppe 9. März“ engagiert hatte. Jemand anderer wurde an Stelle von Randa Aboubakr ernannt. Vermittlungsgespräche und Proteste anderer ProfessorInnen, die sich auch an das zuständige Ministerium wandten, blieben erfolglos. Einige ProfessorInnen haben nun Klagen eingereicht.

In der „Gruppe 9. März“ hatten sich 2003 ProfessorInnen und Lehrbeauftragte der Universität Kairo zusammengeschlossen, um sich gemeinsam allem zu widersetzen, was die Unabhängigkeit der Universität beeinträchtigen konnte. Der Name der Gruppe verwies auf jenen 9. März in den 1930er Jahren, an dem der damalige Dekan der Kairo-Universität – Ahmed Lotfi Sayyid – zurückgetreten war, weil sich die Politik zu sehr in den Universitätsbetrieb eingemischt hatte. Ob es um Ernennungen von ProfessorInnen, um Forschungsreisen, um Tagungen oder um Einladungen von GastrednerInnen ging – nichts konnte die Universität unabhängig entscheiden, alles musste von der Staatssicherheit genehmigt werden. Mitglieder des Sicherheitsapparats waren direkt am Campus der Universität anwesend.

Mitglieder der „Gruppe 9. März“ versuchten, diese Einschränkungen zu umgehen. Zu Randa Aboubakrs Engagement gehörte beispielsweise eine Einladung an den Dichter Zein Al Abidin Fu’ad . „In dem Semester vor der Revolution hielt ich eine Lehrveranstaltung über Dichtung und Politik. Dafür wollte ich Zein Al Abidin Fu’ad als Gastredner engagieren, aber es war unmöglich, ihm regulären Zutritt zur Universität zu verschaffen. Das verhinderte die Staatssicherheit. Also beschlossen wir, ihn herein zu schmuggeln.“ Zein Al Abidin Fu’ad war seinerseits sofort bereit zu dem Wagnis. „Es hat sich ausgezahlt. Wir hatten alles gut geplant“, erzählt er. „Ich parkte mein Auto in einiger Entfernung von der Universität, gab mich am Eingang zum Campus als Installateur aus und konnte damit ungehindert hineingehen. Wenn es nicht geklappt hätte, dann hätten die Studierenden natürlich zu mir nach Hause kommen können. Aber es war wichtig, dass das Treffen am Universitäts-Campus stattfand. Es war wirklich ein gutes Treffen.“

Der Philosoph und Dichter Zein Al Abidin Fu’ad lehrte selbst einmal an der renommierten Al Azhar-Universität in Kairo, einer der angesehensten Bildungsinstitutionen der islamischen Welt, gab seine Stelle dann aber aus privaten und politischen Gründen auf. Er gehört jener älteren Generation von AutorInnen an, die unter der Zensur des Regimes seit der Revolution von 1952 zu leiden hatten. Insgesamt verbrachte er mehr als fünfeinhalb Jahre im Gefängnis. „Der einzige Vorwurf gegen mich lautete, dass ich Gedichte gegen das Regime schrieb. Anlässlich der Brotunruhen in Ägypten im Jahre 1977 steckte man mich aus diesem Grund für 18 Monate ins Gefängnis. Man warf mir Agitation mittels meiner Dichtung vor. Ich konnte damals nicht anders, als dem zuständigen Richter für sein Kompliment zu danken. Welches Kompliment, fragte er mich erstaunt. Nun, erklärte ich, mit Ihrem Urteil behaupten Sie doch, dass meine Gedichte Millionen Menschen auf die Straße treiben können. Das ist wirklich ein Kompliment, auch wenn es natürlich nicht der Wahrheit entspricht.“

Der Wahrheit entbehrt nach Ansicht von MenschenrechtsaktivistInnen auch der Vorwurf gegen den Blogger und Aktivisten Alaa Abd El-Fattah, im Zuge der gewaltsamen Zusammenstöße zwischen Militär und KoptInnen Anfang Oktober zu Gewalt aufgehetzt zu haben. Bereits vor Alaa Abd El-Fattah waren andere Blogger festgenommen worden, unter ihnen Maikil Nabil, der wegen seiner Kritik an der Militärführung zu drei Jahren Haft verurteilt wurde. Maikil Nabil hatte in seinen Blogs dargelegt, dass mit Hosni Mubarak zwar der Diktator gegangen sei, die Diktatur damit aber noch nicht ihr Ende gefunden habe. Solche Verhaftungen und Verurteilungen erinnern daran, wie oft in den vergangenen Jahrzehnten – unter den Regimen von Gamal Abdel Nasser, Anwar al-Sadat und Hosni Mubarak – Intellektuelle und KritikerInnen mundtot gemacht worden waren. „Die Leute sind frustriert. Sie haben den Eindruck, dass sich nichts wirklich verändert hat“, sagt der Schriftsteller Alaa al-Aswani, der in den vergangenen Jahren regelmäßig regimekritische Kolumnen schrieb, in denen er für den Übergang zur Demokratie eintrat. „Mir macht die Gegenrevolution Sorge. Es war vorherzusehen, dass sich die Kräfte des alten Regimes zur Wehr setzen werden. Das ist genau das, was jetzt geschieht.“

„Schritt für Schritt wurde die historische Rolle der Intellektuellen in Ägypten zerstört“, klagt der Publizist und Schriftsteller Gamal al-Ghitani, der in Kairo die Literaturzeitschrift Akbar al-adab herausgibt und sich in den vergangenen Jahren in Widerstandsbewegungen wie „Kifaya“ (Es reicht!) engagiert hat. Er ist sich keinesfalls sicher, dass er das demokratische Ägypten, das er sich wünscht, noch erleben wird. „Wir können“, sagt er, „nur weiter kämpfen, weiter schreiben und weiter träumen.“

Brigitte Voykowitsch ist freie Radio- und Printjournalistin und bereiste kürzlich Ägypten.

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