Die Hängematte

Von Gustavo Esteva ·

Ein Auszug aus dem Buch „Fiesta – jenseits von Entwicklung, Hilfe und Politik“ von

Während der siebziger Jahre konzentrierten die mexikanischen Campesinos ihre Kräfte auf den Wiederaufbau ihrer Organisationen auf lokaler Ebene und auf die Wiedergewinnung ihrer lokalen Räume. Leute, die vom anderen Ende der Bildungsskala kamen, begannen, die Campesinos auf ihrem neuen Weg zu begleiten. Es ging dabei nicht darum, sich einer politischen Partei oder Ideologie zu verschreiben, nicht um technischen Beistand oder gar Wohltätigkeit. Es ging darum, gemeinsam mit den Campesinos eine neue Lebensperspektive zu gewinnen. (…)
Um das zu erreichen, riefen wir eine Reihe von Organisationen (Non-governmental Organizations, NGOs) ins Leben und boten den Campesinos Hilfe und Expertisen an. Wir richteten dabei demokratische, repräsentative Körperschaften, Verwaltungshierarchien und Koordinationszentren ein, um unsere Arbeit leisten zu können. Wir entdeckten bald, dass diese Organisationen nicht so autonom waren, wie wir es beabsichtigt hatten. Es gab da einen verdeckten Paternalismus, solange wir mit der einen Hand unseren Lebensunterhalt verdienten und mit der anderen unsere Dienste „zur Verfügung stellen“ wollten. Wir erkannten auch, dass die Gestaltung unserer Institutionen Eigeninitiative und unverzichtbare lebendige und kreative Impulse unterband. Wahrscheinlich hatten wir nichts anderes getan, als das Verwaltungsschema, das wir gewohnt waren, zu imitieren. Das kann vielleicht für die bürokratische Wiederholung einer äußeren Einmischung in das Leben der Campesinos nützlich sein – mit bester Absicht, versteht sich. Für Projekte, die Autonomie und von innen kommende Aktion anstrebten, war es aber untauglich.
Wir änderten daher unsere institutionelle Form und begannen, Netzwerke zu bilden. Vernetzung war zu dieser Zeit in Mode, und uns gefiel die Idee hinter dem Bild des Netzes: Das Netz gibt den Schlüssel, wie Einrichtungen zu schaffen sind, die ohne interne oder externe politische, ideologische oder administrative Zentren auskommen. Die horizontale Verknüpfung und das Herstellen von Verbindungen, die lediglich angrenzende „Punkte“ einander anschließen, vermeiden die Gefahr, jeden mit jedem verbinden zu müssen.
Nach einiger Zeit fühlten wir uns aber auch mit diesem Bild nicht mehr wohl. Uns widerstrebte das „integrative“ Prinzip, das als Tendenz innerhalb eines jeden Netzes auftaucht. (…) Wir entdeckten, dass Netze – wie Fischer und Spinnen nur zu gut wissen – zum Fangen gemacht sind, aber wir wollten nicht irgendetwas oder irgendwen fangen.
So begannen wir, die Hängematte als Metapher für unsere Tätigkeit zu benutzen. Das Bild der Hängematte vermittelt die Vorstellung des Horizontalen und das Fehlen eines Zentrums. Und es eröffnet andere Möglichkeiten. Die Hängematte ist dort, wo sie aufgehängt wird: Man ist nicht in ihr drinnen, nicht Teil von ihr oder Mitglied. Sie kann wann und wie immer benutzt werden – oder auch nicht. Man kann ihre Position verändern oder sie auch als Gepäck mitnehmen, wenn man reist. Vor allem aber hat die Hängematte die Eigenschaft, sich der Form ihres Benützers anzupassen.

Gustavo Eseba: Fiesta – jenseits von Entwicklung, Hilfe und Politik.
Brandes & Apsel/Südwind, Frankfurt/Main – Wien 1992, 184 Seiten, öS 218,-


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