Die Hinrichtung der Würde

Folter ist unfassbar, sagt der österreichische Menschenrechtsexperte Manfred Nowak, und schreibt ein Buch über diesen grausamsten Angriff auf die menschliche Würde.

Von Werner Hörtner
Manfred Nowak

Die „Unfassbarkeit der Folter“, betitelt Manfred Nowak, von 2004 bis 2010 UN-Sonderberichterstatter über Folter, das erste Kapitel seines vor kurzem erschienenen Buches, und führt näher aus: „Wir können Folter beschreiben oder definieren, aber wirklich erfassen können wir nicht, was Folter bedeutet, wenn wir sie nicht selbst erlebt haben. Beim Versuch, uns in das Leiden der Gefolterten hineinzufühlen, versagt an einem bestimmten Punkt unsere Vorstellungskraft.“

Nowaks Buch beruht im Wesentlichen auf seinen persönlichen Erfahrungen als UN-Sonderberichterstatter, in welcher Eigenschaft er 18 Untersuchungsmissionen in alle Regionen der Welt durchführte und tausende Individualbeschwerden behandelte. Bevor er auf die einzelnen Länderbesuche eingeht, schildert der Autor die Methoden, wie einzelne Staaten die Besuche des Sonderberichterstatters zu ver- oder behindern versuchten, ohne dabei das Gesicht zu verlieren: Kuba und Simbabwe durch Scheineinladungen, die USA und Russland, indem sie neue Spielregeln aufstellen wollten, China und Kasachstan als Meister des Katz- und Maus-Spiels, und auch andere Länder mit diversen Verschleierungstaktiken.

Die Folter begleitet die menschliche Geschichte schon seit Jahrtausenden. Das gezielte Zufügen von Qualen, Schmerz und Erniedrigung wurde lange als rechtmäßiges Mittel zur Erpressung von Geständnissen und Informationen betrachtet. Selbst die katholische Kirche verwendete diese Praxis ab dem Hochmittelalter im Kampf gegen häretische Bewegungen wie die Katharer und Waldenser. Später wurde die berühmt-berüchtigte Inquisition sogar zu einem offiziellen Instrument des kirchlichen Strafrechts, und gegen Ende des Mittelalters wurde die Folter auch in der weltlichen Gerichtsbarkeit „zum Zwecke der Erforschung der Wahrheit“ angewendet (inquirere = erforschen). Erst ab dem 18. Jahrhundert wurde die Folter als Element der Rechtssprechung in Mitteleuropa sukzessive abgeschafft, obwohl sie von Unrechtsregimes wie dem Nationalsozialismus (unter dem „verschärfte Vernehmungsmethoden“ ausdrücklich empfohlen wurden) oder den Militärdiktaturen im Lateinamerika der 1980er Jahre weiterhin angewendet wurde. Und auch heute noch angewendet wird, wie Manfred Nowak als Ergebnis seiner zahlreichen Erkundungsmissionen zu berichten weiß.

In einer Art Einleitung erinnert sich Manfred Nowak daran, wie er vor 35 Jahren sein erstes Interview mit einem chilenischen Folteropfer für die in Wien erscheinende Zeitschrift „Lateinamerika anders“ versuchte. Erik Zott, ein Linksaktivist in der Zeit der Allende-Regierung, berichtete ihm über seine Foltererfahrungen unter der chilenischen Militärdiktatur. „Ich musste das Interview abbrechen und mich übergeben. Ich konnte es physisch und psychisch nicht ertragen, mich in seine Leiden und Qualen wirklich hineinzuversetzen.“

Damals ahnte Nowak noch nicht, dass er im Laufe seines Lebens noch unzählige Folteropfer und -überlebende in allen Teilen der Welt interviewen würde. Der Völker- und Menschenrechtsexperte versucht, das Unfassbare etwas fassbarer zu machen, die Ursachen und Mechanismen der Alltäglichkeit der Folter verstehen zu lernen. Und er will Empathie für die „vergessenen Häftlinge“ wecken und Wege aufzeigen, wie Folter verhindert und eines Tages vielleicht sogar wirklich ausgerottet werden kann.

Einen Überlick über die Situation in den von Manfred Nowak während seines UN-Mandats besuchten Staaten zu geben ist aus Platzgründen nicht möglich. In negativer Hinsicht sind zweifellos Äquatorialguinea und Simbabwe die Listenführer; in letzterem Land wurde der Sonderberichterstatter trotz Einladung durch Premierminister Morgan Tsvangirai auf Druck von Präsident Robert Mugabe gar nicht eingelassen. Musterland ist Dänemark, wo sich keinerlei Hinweis auf Folter gefunden hat. Das Beispiel des kleinen skandinavischen Landes zeigt, dass es sehr wohl möglich ist, Folter auszurotten, wenn der notwendige politische Wille vorhanden ist.

Bei der Präsentation seines Buches durch Nationalratspräsidentin Barbara Prammer in Wien zeigte sich Nowak sehr betroffen über die brutale Misshandlung des gambischen Staatsbürgers Bakary Jassey im April 2006 durch österreichische Polizisten, der er in seinem Buch breiten Raum gibt. „An diesem 31. August habe ich mich geschämt, Österreicher zu sein“, sagt der international renommierte Jurist, dem pauschale Aussagen sonst fremd sind. Er bezog sich dabei auf die Urteilsverkündigung im Prozess gegen die Folterpolizisten, die kleine bedingte Strafen ausfassten, während das Opfer als unglaubwürdiger krimineller Täter präsentiert und behandelt wurde.

Nowaks Länderberichte sind auf www.ohchr.org abrufbar.

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