Die Hoffnung auf ein besseres Leben

Seit vier Jahrhunderten leben an der indischen Westküste die Nachfahren afrikanischer Sklaven, die so genannten Siddis. In der sozialen Hierarchie nehmen sie den untersten Platz ein, sogar noch nach den Unberührbaren.

Von Gudrun Lamprecht
Seit einer Stunde fahren wir durch den südindischen Dschungel und suchen den 70-jährigen Kalal Pateene. Immer wieder fragen wir Vorbeigehende nach dem Weg, doch ihre Beschreibungen bringen uns nicht weiter. Nach einer weiteren halben Stunde schreit Susheila, unsere Übersetzerin: „Da ist er“.
Ein afrikanisch aussehender, hochgewachsener Mann kommt uns auf einem alten, klapprigen Fahrrad entgegen. Obwohl Kalal Pateene gerade in Richtung Bezirksstadt Yellapur unterwegs ist, können wir ihn zum Bleiben überreden. Wir haben gehört, dass er ein angesehener Medizinmann und Dorfältester der afro-indischen Gemeinschaft ist. Von ihm wollen wir mehr über die Geschichte seines Volkes erfahren.
Kalal Pateenes Vorfahren kamen vor mehr als 400 Jahren aus Ostafrika an die Westküste Indiens. Als SklavInnen arabischer, portugiesischer und britischer Händler wurden sie an indische Prinzen verkauft, lange bevor die großen Sklavendeportationen nach Nord- und Südamerika begannen – und auch lange vor der Kolonialisierung Afrikas und Indiens. Viele kamen aus Abessinien und Arabien. Sofern sie frei waren, dienten sie auch als Matrosen und Soldaten. Aufgrund ihrer guten Konstitution waren sie bei den indischen Seefahrern als Arbeitskräfte sehr beliebt. Sie wurden menschenunwürdig behandelt, geschlagen und gequält.

Heute leben noch ungefähr 20.000 bis 30.000 Afro-InderInnen im Gebiet zwischen den Bundesstaaten Goa im Süden und Gujarat im Norden. Die Siddis, wie die Afro-InderInnen auch genannt werden, stehen außerhalb des Kastensystems. Obwohl das traditionelle Kastenwesen 1950 in der indischen Verfassung verboten wurde, wird die Gesellschaft nach wie vor streng in vier Gruppen gegliedert: in die höchste Hindukaste der Brahmanen, in die Krieger, Händler und Bauern. Dazu gibt es noch die so genannten „scheduled castes“, die „registrierten Kasten“ der Millionen Unberührbaren. Sie stehen seit Jahrhunderten außerhalb der Hindugesellschaft und des religiös-sozialen indischen Kastensystems. Auch hier gilt: je dunkler die Hautfarbe, desto weiter unten in der Gesellschaftspyramide. Die absolut unterste Schicht bildet die afro-indische Gemeinschaft. Sogar von den Unberührbaren werden sie missachtet und ausgegrenzt.
Mischehen kommen so gut wie nie vor. Als schmutzig und streitsüchtig bezeichnet, haben sich die Siddis seit ihrer Ankunft in Indien tief in den Dschungel zurückgezogen. Ihre Häuser sind weit verstreut und schwer zu finden. Bis heute hat sich an ihrer Situation nicht viel geändert. Die Siddis besitzen kein eigenes Land, ihre Häuser haben weder Strom, Wasser noch sanitäre Anlagen.
Als Angehörige der untersten Schicht wird den Siddis meist keine medizinische Versorgung zuteil. Sie gehen nur in Notfällen zum Arzt. Als Unberührbare sind sie stigmatisiert und erfahren immer wieder eine würdelose Behandlung. Kalal Pateene zeichnet ein düsteres Bild:
„Die Ärzte und Krankenschwestern, meistens Brahmanen, glauben, dass sie verunreinigt werden, wenn sie die Kranken behandeln. Sie greifen die Patienten nicht einmal an! Sie fragen nicht nach der Ursache der Krankheit, sie fragen nicht nach dem Namen. Dabei kommen die Armen oft kilometerweit zur Behandlung. Doch das kümmert sie wenig. Sie tragen ja nichts zu ihrem Profit bei.“

Kein Wunder, dass sich die Siddis sowie die meisten Unberührbaren scheuen, ins Krankenhaus zu gehen. Außerdem fehlt das nötige Geld dazu. Und von der indischen Regierung ist keine Hilfe zu erwarten. Nur 200 Rupien, umgerechnet 3,7 Euro, gibt der Staat jährlich pro Kopf für die Gesundheit aus. Die PatientInnen müssen selbst für die Kosten der Behandlung aufkommen. Auch im „Kani Nursing Home“, einer Privatklinik in Yellapur. Doch der Arzt Pravas Vasavaraj, der Leiter des Spitals, ist eine Ausnahme. Er weiß, dass viele Hilfe Suchende wenig Geld haben. Von ihnen verlangt er umgerechnet nur zehn Euro-Cent pro Behandlung.
„In einigen städtischen Krankenhäusern muss man im Voraus bezahlen. Erst dann wird man behandelt. Aber wir hier sind in einer ländlichen Gegend. Wir würden niemals im Vorhinein Geld verlangen. Wir behandeln zuerst, dann fragen wir, ob sie etwas zahlen können. Die meisten Patienten sind verlässlich. Sie kommen am nächsten Tag und bezahlen die Rechnung.“
Für viele Afro-InderInnen ist ihr Medizinmann, wie Kalal Pateene, noch immer die bessere Alternative. Ihm vertrauen sie, er ist einer von ihnen und in vielen Fällen kann er auch helfen. Seit Generationen gibt seine Familie das Wissen über die Heilkräuter des Dschungels an die Nachkommen weiter. Kalal Pateene erzählt uns, dass er die Heilkunde von seinem Großvater und Vater gelernt hat. Er sieht es als große Aufgabe, diese alte Tradition weiterzuführen.
Der Dorfälteste führt uns durch die große Kräuterapotheke der Natur. Da gibt es Pflanzen gegen Durchfall, gegen Bauchschmerzen und Nierenleiden. Er findet immer wieder etwas Neues. Erst vor kurzem hat er eine Pflanze gegen Augenentzündungen entdeckt. Als Medizinmann kann Kalal Pateene ein Auskommen finden, denn seine Arbeit ist immer gefragt. Die meisten Siddis jedoch verdienen sich ihren Unterhalt als Tagelöhner. Der Verdienst pro Tag beträgt oft nicht mehr als 50 Euro-Cent. Als Helfer für die Zuckerrohrernte sind die Afro-Inder gerne gesehen. Seit Jahrhunderten an Waldarbeit gewöhnt, gelten sie als besonders starke und kräftige Arbeiter. Das tropische Gras wird bis zu sieben Meter hoch und einmal im Jahr geerntet. Dabei werden die Halme nahe am Boden abgeschlagen und gleich entblättert. Das erfordert enorme Muskelkraft.
Viele alleinstehende Afro-Inderinnen wie die 35-jährige Hasuma helfen tageweise bei der Betelnussernte aus. Ihre Arbeit ist es, die Steinfrüchte zu schälen und zu kochen, wobei der rote Saft als Färbemittel für Stoffe und Spielzeug verwendet wird. Die geschälten Betelnüsse werden ungefähr sieben Tage lang am Dach getrocknet, bevor sie am Markt verkauft werden. 20 Euro-Cent verdient Hasuma pro Tag, doch sie hat keine Wahl, sie muss jede Arbeit annehmen. Zu Hause warten eine kranke Mutter und drei hungrige Kinder.

Über 90 Prozent der Siddis sind AnalphabetInnen. Aufgrund ihrer Unberührbarkeit und Armut haben sie kaum eine Chance, Schulen zu besuchen. In Indien herrscht zwar die allgemeine Schulpflicht, doch werden eindeutig die Mittel- und Oberschicht begünstigt. Reiche Familien können sich das Schulgeld leisten und ihre Kinder in Privatschulen schicken. Die LehrerInnen öffentlicher Schulen werden hingegen so schlecht bezahlt, dass es ihnen an Motivation mangelt und sie häufig gar nicht in die Schule kommen.
Als registrierte Kaste hätten die Siddis das Recht, die Universität zu besuchen. Dazu kommt, dass die indische Regierung vor kurzem beschlossen hat, eine bestimmte Anzahl an Plätzen in Bildungsinstitutionen und Regierungsjobs an die registrierten Kasten und Stammesgesellschaften zu vergeben. Um diese Plätze muss man sich jedoch bewerben. Hat man das Glück und wird genommen, ist das weitere Studium kostenlos. So könnten auch die Siddis ihre Situation verbessern. Theoretisch, denn bis diese Informationen in den Dschungel vordringen, sind die freien Plätze längst vergeben.
Aufgrund ihrer aussichtslosen Situation suchen viele Afro-InderInnen Schutz und Lebenssinn in der Religion. Die Siddis haben ihren Glauben immer wieder an neue Lebenswelten anpassen müssen. Waren sie Sklaven bei muslimischen Herren, nahmen sie den muslimischen Glauben an. Arbeiteten sie bei christlichen Geschäftsleuten, wurden sie Christen.

Kalal Pateene und seine Familie sind seit Generationen gläubige Hindus:
„Jeden Morgen meditiere ich hier zwischen den Bäumen und bete zu den Göttern. Ich bin dankbar, dass sie uns hier, in dieser Abgeschiedenheit, überleben lassen. Wir haben genug zu essen und wir sind gesund. Wie alle Hindus glaube ich an eine Wiedergeburt. Ich bitte die Götter, dass es uns im nächsten Leben besser geht.“
Die meisten InderInnen wissen nicht, dass es diese kleine Gemeinschaft gibt. Für die Regierung ist sie eine von Hunderten „scheduled tribes“, denen kaum Beachtung geschenkt wird. So wird sich an der Lage der Siddis in naher Zukunft nichts ändern. Das sieht auch Kalal Pateene so: „Ich bin schon alt, ich erwarte mir nichts mehr. Doch für meine Nachfahren wünsche ich mir eine bessere Zukunft.“

Gudrun Lamprecht ist Redakteurin des ORF in der Abteilung Religion und arbeitet auch für 3sat und bralpha (Bayrischer Kultur- und Bildungskanal). Sie bereiste kürzlich die Region der Siddis in Indien.

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