Die Käfigmenschen von Hongkong

Von Sven Hansen ·

In einer der reichsten Städte der Welt leben die Ärmsten der Armen in Bretterverschlägen und Gitterkäfigen und müssen dafür pro Quadratmeter so hohe Mieten zahlen wie Reiche in ihren Appartments.

Der neunjährige Simon spielt lustlos auf dem unteren Bett „seines“ Zimmers mit einem Flugzeug aus einer chinesischen Lego-Kopie. Gelegentlich schaut er dabei auf einen kleinen Fernseher, in dem ein Comicfilm läuft. Das fensterlose Zimmer ist 3,5 Quadratmeter klein. Es ist jedoch nicht nur Simons Kinderzimmer, sondern die gesamte Wohnung. Er lebt mit seiner Mutter in einem Bretterverschlag im achten Stock eines Hauses aus den 1960er Jahren im Hongkonger Stadtteil Sham Shui Po auf der Halbinsel Kowloon.

Es ist schon nach acht Uhr abends, doch Simons Mutter ist noch nicht von der Arbeit als Altenpflegerin nach Hause gekommen. So hat Simon das untere Bett, das beiden auch als Schreibtisch, Wohn-, Ess- und Spielzimmer dient, immerhin für sich allein. Das obere Bett ist mit Säcken und Taschen voller Kleidung verstellt. Sie werden auf den Boden gestellt, wenn Simon zu Bett geht. Jetzt steht dort unten noch ein Reiskocher.

Die Tür zum Verschlag von Simon und seiner Mutter steht offen, damit Luft vom dunklen Gang hereinkommen kann. In einigen geöffneten Nachbarverschlägen liegen halbnackte ältere Männer auf ihren Pritschen. Sie lassen sich von ihren Fernsehern berieseln oder dösen vor sich hin. Andere Verschläge sind verschlossen. Am Ende des schmalen Ganges zwischen den Bretterbuden befindet sich die einzige Toilette.

Hier sind 20 Haushalte in jeweils zwei Verschlägen übereinander in einem etwa 30 m2 großen Raum untergebracht. Die Miete für die oberen Bretterkäfige, die nur über eine Leiter zu erreichen sind, ist etwas preiswerter. Da in Hongkong Fahrstühle früher erst für Häuser ab neun Stockwerken vorgeschrieben waren, wurden in den 1960er und 1970er Jahren viele Häuser mit nur acht Stockwerken gebaut, um sich die Aufzüge zu ersparen. Heute sind diese Altbauten unattraktiv und die Wohnungen in den oberen Stockwerken wegen der zahlreichen Treppen preiswerter. Skrupellose Vermieter unterteilen sie und vermieten sie an die ärmsten der Armen: Arbeitslose, TagelöhnerInnen, ungebildete Neuankömmlinge aus China sowie Kranke und verarmte RentnerInnen.

Auch Simons Mutter Loa Tak-sheung kommt aus der Volksrepublik China und war mit einem Mann aus der heutigen autonomen Sonderzone und früheren Kronkolonie Hongkong verheiratet. Vor einem Jahr entdeckte Loa, dass er noch eine andere Frau hat. Sie trennte sich von ihm. Seitdem wohnt sie mit Simon hier, wie sie wenig später erzählt, als sie von ihrem langen Arbeitstag nach Hause kommt. Simon begrüßt sie freudig, auch wenn dann in dem Verschlag überhaupt kein Platz mehr ist. Beide machen es sich in dem schmalen Bett vor dem Fernseher so gemütlich wie möglich. „Ich habe hier schon viele Flohstiche bekommen. Im Sommer ist es heiß und stickig“, sagt die 40-jährige Loa. „Ich möchte hier nicht leben. Aber ich habe keine andere Wahl.“

Da sie keine Berufsausbildung hat, sei das Überleben als Alleinerziehende in Hongkong sehr schwer, erzählt sie. „Ich stamme aus einer armen Bauernfamilie. Ich ging in die südchinesische Sonderzone Shenzhen, um in der Industrie zu arbeiten. Dort traf ich meinen Mann, der mich nach Hongkong mitnahm.“ Heute arbeitet sie täglich zwölf Stunden an sechs Tagen die Woche. Dafür bekommt sie 6.000 Hongkong Dollar im Monat, umgerechnet 540 Euro. Sie ist in dem Raum mit den 20 Bretterverschlägen auch für die Müllentsorgung und die Reinigung zuständig. Das erspare ihr ein Viertel der Grundmiete von 1.000 Hongkong Dollar oder etwas mehr als die zusätzlichen 200 für den elektrischen Strom. „Ich hoffe auf eine Sozialwohnung von der Stadt“, sagt Loa. „Doch darauf müssen wir mindestens vier Jahre warten.“ Simon möchte so schnell wie möglich raus aus dem Verschlag. „Ich mag hier nicht bleiben. Es ist dreckig, und ich habe keinen Platz zum Spielen“, sagt der Bub. Er ist in den 20 Haushalten das einzige Kind. Doch gibt es in seiner Klasse noch einen Buben, der so lebt.
Reiches und armes Hongkong
Die Stadt mit sieben Millionen EinwohnerInnen ist eine der modernsten und reichsten Metropolen der Welt. Nach Tokio und Osaka ist es die teuerste Stadt im Fernen Osten. Die frühere britische Kolonie und heutige südchinesische Sonderzone verdankt ihren Aufstieg dem stetigen Zustrom von Flüchtlingen aus China sowie der unmittelbaren Nähe zur Volksrepublik, für die sie ein wichtiges Bindeglied zum Weltmarkt bildete.

Die inzwischen entindustrialisierte Finanz- und Dienstleistungsmetropole Hongkong hat außer für Hausmädchen keinen Mindestlohn. Hongkong hat prozentual die meisten Milliardäre der Welt. Der Steuersatz beträgt einheitliche 15 Prozent. In den letzten Jahren hat sich das Vermögen immer ungleicher verteilt. Der Gini-Koeffizient der Einkommensverteilung, bei dem Null völlige Gleichheit und 100 völlige Ungleichheit bedeutet, zeigte 2007 mit 43,4 die ungerechteste Einkommensverteilung aller hochentwickelten Länder der Welt (zum Vergleich USA: 40,8; Österreich: 29,1). Weil Hongkongs Fläche begrenzt ist und die Regierung als größter Grundbesitzer nur wenig Land pro Jahr per Auktion verkauft, zählen Bodenpreise und Mieten zu den höchsten der Welt. 29 Prozent der BewohnerInnen leben in Sozialwohnungen, 18 Prozent unterhalb der Armutsgrenze.
S.H.

Aber im reichen Hongkong gibt es „Wohnungen“, die noch kleiner sind als der Verschlag, den er mit seiner Mutter teilt. Diese allerkleinsten Wohnungen werden Käfige genannt und sehen auch genau so aus. Es sind stapelbare Gitterboxen mit einer Grundfläche von 1,5 m2 und einer Höhe von einem Meter. Das ist genau der Platz, den eine Person zum Liegen und Aufrechtsitzen braucht.

Der 80-jährige Tai Lun Po lebt seit 30 Jahren in so einem Gitterkäfig ein paar Straßen von Simon und seiner Mutter entfernt. Tais Käfig steht in einem Raum mit elf anderen, meist zwei übereinander. Der alte Tai ist schwerhörig. Nur mit Mühe kann er mit der Sozialarbeiterin kommunizieren, die sein Kantonesisch übersetzt. Er sei während der Kulturrevolution vor vierzig Jahren aus China geflohen, erzählt er. Seine Angehörigen dort seien inzwischen alle gestorben. Bis vor zehn Jahren habe er in Hongkong als Kuli, also Tagelöhner und Lastenträger, gearbeitet. Inzwischen sei er jedoch zu alt. Mittlerweile lebt der mittellose Rentner von Sozialhilfe. Die Stadt zahlt ihm den Höchstsatz von 1.265 Hongkong Dollar Wohngeld, was nicht ganz für seine 1.295 teure Miete reicht. Auch bekommt er noch eine Sozialhilfe von 2.400 Hongkong Dollar, umgerechnet 215 Euro.

Die Sozialarbeiterin Lai Shan Sze, die für die Nichtregierungsorganisation „Society for Community Organizing“ (Soco) arbeitet und Tai im Umgang mit den Behörden hilft, sagt, sie möchte ihn gern in einer städtischen Gemeinschaftswohnung unterbringen. Doch dafür betrage die Wartezeit mehr als ein Jahr. „Die globale Finanz- und Wirtschaftskrise hat den Bedarf an preiswertem Wohnraum in Hongkong verstärkt“, sagt sie. „Der Druck auf die Ärmsten der Armen ist gestiegen. Die Mieten für die Käfige sind heute um fünf bis zehn Prozent höher als vor einem Jahr“. Die Preise auf dem normalen Wohnungsmarkt sind in der Krise hingegen gefallen. Heute entspricht die Miete in den Wohnkäfigen pro Quadratmeter denen von Appartements in guten Wohnlagen.

Die Organisation Soco schätzt die Zahl der Käfigmenschen in Hongkong auf mehr als 10.000. Insgesamt leben rund 100.000 in menschenunwürdigen Unterkünften. Da Soco diesen Menschen nicht nur hilft, sondern sie auch zu politischen Protesten animiert und für sie Lobbying macht, begegnen die Hongkong dominierenden konservativen Kreise der Organisation mit starken Vorbehalten. Von den großen Wohltätigkeitsorganisationen, deren Galas Hongkongs Reiche gern besuchen und die sie mit Blick auf das eigene Image unterstützen, bekommt Soco nur geringe Mittel.

Beim Besuch einer dritten Unterkunft für „Käfigmenschen“ in Sham Shui Po kommt es zum Eklat. Kurz nach Betreten des Raums, in dem 32 Verschläge untergebracht sind, taucht unerwartet der Vermieter auf und stürmt schimpfend auf die Sozialarbeiterin Lai los. „Verschwinden Sie hier! Sie verderben mein Geschäft“, brüllt er und wirft sie hinaus. Lai ist irritiert. „Ich wusste nicht, dass er so spät abends noch hier ist“, sagt sie. „Aber ich komme wieder, wenn er nicht da ist.“

Beim Abschied von Simon sagt seine Mutter, sie möchte keine staatliche Hilfe in Anspruch nehmen, die in Hongkong mit Stigmatisierung verbunden ist, damit sich der Junge nicht daran gewöhne. Der hingegen sagt kämpferisch: „Ich will Käfigwohnungen abschaffen und in einem Monat woanders wohnen.“ Seine Mutter blickt dabei traurig zu Boden.

Sven Hansen ist Asien-Korrespondent der in Berlin erscheinenden Tageszeitung „taz“.

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