Die Kehrseite der Leistungsideologie

Immer mehr Menschen landen am unteren Rand der sozialen Pyramide. Die deutsche Autorin Kathrin Hartmann widmet sich in ihrem neuen Buch der Frage, wer die Menschen der „Unterschicht“ sind, wo und wie sie leben und weshalb sie in der Armut gelandet sind.

Von Werner Hörtner
Lebensmittelverteilung bei der „Münchner Tafel“. Die Zahl der „Tafeln“ in Deutschland nimmt rasant zu.

Gibt es überhaupt Armut in unseren reichen Ländern? Der so genannte Volksmund, der sich in diesem Fall in der Mittel- und Oberschicht ansiedelt, wird diese Frage bejahen, doch gleich gefolgt von einem Aber: Ja, aber diese Menschen wollen eigentlich gar nicht arbeiten, sie sind selber schuld an ihrer Lage, sie profitieren bloß vom staatlichen Sozialsystem, nützen es aus.

„Unser Armutsbild ist durch die Massenmedien von absoluter Not und dem Elend in den Entwicklungsländern geprägt“, sagt der deutsche Armutsforscher Christoph Butterwegge. Weil sich Armut hier weniger spektakulär manifestiert, wird sie auch weniger ernst und weniger wahr genommen. Niemand braucht heute in unserer Gesellschaft wirklich Not zu leiden, ist die weit verbreitete Ansicht.

Mit ihrem letzten Buch vom „Ende der Märchenstunde“ landete die deutsche Journalistin und Autorin Kathrin Hartmann einen großen Erfolg – und erntete auch beleidigte Kritiken von den Betroffenen, den „Lohas“ und den Lifestyle-Ökos, die mit ein bisschen nachhaltig Leben und fair Konsumieren die Welt verändern wollen. Diesmal steckt sie ihr Recherchiertalent in die wohl beschämendste Wunde unserer reichen Gesellschaften: die zunehmende Spaltung in eine wohlhabende, konsumorientierte Mittel- und Oberschicht und in jene Menschen, die sich in der Armutsfalle verfangen haben, die nur mehr Zaungäste der Konsumgesellschaft sind.

Es stimmt: Man sieht sie kaum, die neuen Armen. Ein paar bettelnde Frauen und Männer, und die kommen meist aus dem Ausland, ein paar verwahrloste Obdachlose, die mit Alkohol ihr Elend runterspülen. Aber so wirklich Arme?

Der Abstieg in die Armut ist auch ein Abstieg in die Unsichtbarkeit, in die Sprachlosigkeit. Wenn man mit dem Geld nicht mehr oder nur kaum über die Runden kommt, werden zuerst die Ausgaben für das kulturelle und gesellschaftliche Leben gekürzt. Kein Kino mehr, kein Theater, keine teuren Sportvergnügen. Und mann oder frau kann nicht mehr mitreden über neue Filme, neue Bücher, schämt sich, zieht sich zurück. Die Nicht-Teilhabe am gesellschaftlichen Leben verstärkt das Gefühl der Erniedrigung, führt in die Isolation. Armut versteckt sich, die davon Betroffenen wollen diesen Umstand verheimlichen.

Und es gibt viele Betroffene. In Deutschland leben 6,7 Millionen von der Sozialhilfe Hartz IV, d.h. von 364 Euro im Monat. In Österreich sind laut Statistik Austria rund eine Million Menschen armutsgefährdet, eine halbe Million lebt unter der Armutsgrenze, die derzeit für eine Person bei 951 Euro im Monat liegt, für eine Familie mit zwei Kindern bei 1.996 Euro.


Kathrin Hartmann
Wir müssen leider draußen bleiben. Die neue Armut in der Konsumgesellschaft.
Sachbuch. Verlag Blessing, München 2012, 416 Seiten, EUR 19,50

„Die Tafelgesellschaft. Der neue Umgang mit Überfluss und Ausgrenzung“, so nannte der Soziologe Stephan Lorenz von der Universität Jena ein Buch, das er als Ergebnis einer zweijährigen Forschungsarbeit herausgab. Die „Tafeln“ sind ein Versorgungssystem für sozial Bedürftige. Ehrenamtliche sammeln in Supermärkten und bei Großhändlern Lebensmittel ein, die zwar noch verzehrfähig sind, doch nicht mehr verkauft werden, und verteilen sie in Bezugsstellen an Menschen, die mit einem vom Sozialamt ausgestellten Ausweis ihre Bedürftigkeit nachweisen können. In Deutschland gibt es bereits 2.000 solcher Ausgabestellen, an denen mehr als eine Million Menschen einmal in der Woche Essen abholen. In Österreich bildete sich als erste ähnliche Einrichtung 1998 die Wiener Tafel, die jedoch ein umfassenderes Konzept der Armutsbekämpfung und Bewusstseinsbildung verfolgt als nur die Verteilung von Nahrungsmitteln. Nach diesem Vorbild sind auch in anderen Bundesländern ähnliche Sozialeinrichtungen entstanden.

In Zusammenhang mit der Armut in der Konsumgesellschaft untersucht Kathrin Hartmann verschiedene Problemfelder: die Verdrängung der Armut durch Wohlhabende in den Städten, die Bevorzugung der Reichen durch die Politik, die Entsolidarisierung der Gesellschaft. Und landet schließlich bei einem Thema, das wir im Südwind-Magazin in den letzten Jahren mehrfach behandelt haben: das Social Business mit Superstar Muhammad Yunus als sozialem Messias der Marktwirtschaft. Sie reist nach Bangladesch, um das System der Mikrokredite aus eigener Anschauung kennen zu lernen. Mit messerscharfer Kritik legt sie die Schwachstellen – um es freundlich auszudrücken – der privatwirtschaftlichen Armutsbekämpfung des Nobelpreisträgers und seines globalen Unterstützungspools bloß.

Ein gutes, wichtiges, treffendes Buch. Kathrin Hartmann hat dem Autor dieser Zeilen schon bei Erscheinen der „Märchenstunde“ in einem Interview versichert, dass „die öffentliche Empörung zu konkreten Forderungen an die Politik führen muss. (…) Es muss gezeigt werden, dass die allermeisten Weltprobleme eine Ursache haben: das ungerechte, von Konzerninteressen geleitete Weltwirtschaftssystem.“ Dem bleibt nichts mehr hinzuzufügen.

Ausführliche Information zum Thema: www.armutskonferenz.at

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