Die kleinen Kaiser von China

Seit Juni 1979 ist in China die „Einkindfamilie“ Gesetz. Die Einzelkinder genießen mehr Aufmerksamkeit der Erwachsenen als alle Kinder zuvor - und werden doch grob erzogen.

Von Li Shuhong
Die erste Generation von Einzelkindern wurde Ende der siebziger Jahre geboren. Die entsprechende Vorschrift wurde am 1. Juni 1979 erlassen. ExpertInnen in China vermuten, dass dadurch bisher dreihundert Millionen Menschen weniger auf die Welt kamen. Die jetzt jährlich siebzig Millionen neu geborenen Einzelkinder erhalten pro Kopf und Monat zehn Yuan Beihilfe. Für ein zweites Kind hingegen ist eine Strafe von 2000 bis 5000 Yuan zu bezahlen.
Lingling („Jadeklang“), sieben Jahre alt, lernt schon seit zwei Jahren Klavier. Das kleine Mädchen ist seither schweigsam und hat keine Freunde, will auch niemanden von der Schule einladen, sie ist verschlossen geworden. Den Unterricht bezahlt die Oma, das hat die Mutter tausendmal wiederholt. Wenn Lingling statt auf den Tasten mit ihren Fingern spielt, wird sie geschimpft. Das hat sie der Nachbarin, einer Witwe in Pension, erzählt, als Letztere beim Eingang des Wohnhauses ihre Katze in einem roten Plastikbecken badete. „Oma Zhou, ich möchte deine Katze werden“, sagte Lingling zu der alten Frau. „Blödsinn! Eine Katze kann doch nicht Klavier spielen“, erwiderte die alte Frau. Das Mädchen entgegnete: „Ich will nicht Klavier spielen, ich spiele für meine Mutter bis das Klavier kaputt ist, denn es ist mit geborgtem Geld gekauft. Für die Schule habe ich noch einen Haufen Hausaufgaben zu machen. Ich möchte ein Bad nehmen. Ich möchte deine Katze werden.“ Aber Oma Zhou erzählte mir später, Lingling dürfe kein Bad nehmen, nicht mal essen, bevor sie nicht ihre Hausaufgaben gemacht habe. Der Druck auf das Mädchen, Einzelkind wie fast alle Kinder seiner Umgebung, ist enorm.
Die Ein-Kind-Politik ist eines jener Beispiele für ein massives Vorgehen gegen chinesische Traditionen. Die Umsetzung geht mit Panik und Chaos einher. Das Einzelkind steht nun zwischen einem Elternpaar und zwei Paaren Großeltern. Es mag noch Onkeln, Tanten, Cousins und Cousinen haben, aber in seiner Familie ist es der Kaiser, die kleine Sonne, der Nabel der Welt. Es hat mehr Liebe, mehr Aufmerksamkeit und mehr Zuneigung als Kinder je zuvor. Irgendwie weiß dies das Kind instinktiv, nützt es aus und übertreibt maßlos, wenn ihm irgend etwas nicht passt. Es ist dominant einerseits und relativ verletzlich andererseits. Es hat keine Geschwister, um mit ihnen zu spielen und sie nachzumachen, manche imitieren die Eltern, manche übertreffen sie.

Aber genießt das Einzelkind die ungeteilte Liebe und Aufmerksamkeit der Eltern? Jein. Im heutigen China, wo wegen der freien Konkurrenz in der Marktwirtschaft übersteigerte Hektik und Stress allgegenwärtig sind, haben die Eltern meist wenig Zeit und, wenn schon, wenig Geduld für das Kind. Sie haben kaum Ruhe, deutlich zu beobachten und zu erkennen, was wirklich gut und vernünftig für das Kind ist und was nicht. Das Kleine wird - seelisch gesprochen - eigentlich grob erzogen. In materieller Hinsicht ist das Kind übersättigt. Karrierewahn und Hetzerei treiben die Eltern dazu, das Kind so früh wie möglich auf das Schlachtfeld der Konkurrenzgesellschaft vorzubereiten. Malerei, das Spielen eines Musikinstrumentes oder Englischkenntnisse werden den Kindern aufgedrängt, noch bevor sie ihre Muttersprache anständig sprechen können. Das Kind verfügt über keine eigene Zeit, über einen ungestörten emotionalen Raum sowieso nicht. Alles wird von den Eltern oder Erwachsenen programmiert, geplant und manipuliert.
Natürlich gibt es auch relativ normale Eltern, die wollen, dass ihr Kind natürlich erwachsen wird, die es nicht zu Extraaufgaben zwingen, die es spielen lassen.

Ganggang („Steinhart“), neun Jahre alt, ist Vorzugsschüler, aufgeweckt und verspielt. Die Eltern sind berufstätig, haben aber nicht genug Geld, um dem Söhnchen alle Wünsche erfüllen zu können. Kein Computer, kein Skateboard. Ganggang interessiert sich nicht für konventionelle Spiele, sondern möchte immer etwas Neues ausprobieren. Derzeit hat er einen neuen Spaß entdeckt: die Luft aus den Fahrrädern anderer Leute rauszulassen und dabei auf das Geräusch zu hören. Nach Beschwerden der Nachbarn erklärte der Vater dem lieben Söhnchen: „Wenn du das unbedingt tun musst, dann nur an meinem Fahrrad.“ Keine Wirkung. Inzwischen hat Ganggang auch Hiebe mit Vaters Gürtel gespürt. Keine Wirkung. „Da höre ich schöne Musik“, sagte er, als er endlich auch in der Schule erwischt wurde, nachdem man das Rad des Schuldirektors mit einem Platten vorfand. Ganggang war am Tatort und lauschte. Man hält ihn für psychisch abnormal. Doch zu dem psychologischen Berater sagte der Kleine, dass er das Leben so fad fände, dass es viel härter zu ertragen sei als der Gürtel seines Vaters. Es ist, als wolle er mehr Aufmerksamkeit der Eltern, auch wenn sie schmerzt.

Im traditionellen China müssen sich die Kinder der Autorität des Vaters und der Mutter bedingungslos unterwerfen. Dies stellt kein geringes Hindernis für eine freie Entfaltung der Persönlichkeit von Kindern dar.
Daiyang, wörtlich übersetzt „Sonne dieser Generation“, vier Jahre alt, ist ein energischer, für sein Alter ziemlich selbständig denkender Bub. Er trat mit seinen Eltern im Fernsehen auf. Als er gefragt wurde, was ihn an seinen Eltern störe, sagte er wie aus der Pistole geschossen, er möge es nicht, von der Mutter geküsst zu werden. Warum? Weil sie aus dem Mund stinke. Der Mutter war diese öffentliche Bloßstellung sehr peinlich, und sie erwiderte unverzüglich, sie habe das Kind geboren und daher das Recht, es zu küssen, wann und wie oft sie wolle. Da bekam sie von dem Buben gleich auf der Stelle ein direktes Nein zu hören.
Das Nein des kleinen Daiyang zeugt eigentlich von der Aufrichtigkeit des Kindes, seiner Authentizität, seiner Unbekümmertheit gegenüber der Autorität der Vergangenheit. Kinder sind auf ihre Weise rebellisch, sind ungehorsam, unfolgsam und sehr oft respektlos gegenüber der Elterngeneration, die alle möglichen Erwartungen und unerfüllten Wünsche auf das Kind übertragen. Rebellion sollte in der Entwicklung eines Kindes als normal angesehen werden, im heutigen China wird es noch immer dafür bestraft.
In einer Shanghaier Zeitung äußerte ein Journalist einmal die Befürchtung, dass die alte chinesische Vater-Kult-Tradition von all diesen kleinen Kaisern und Sonnen zerstört werde und zum Untergang verurteilt sei. Ich denke hingegen, dass dies vielleicht eine der größten Errungenschaften der chinesischen Ein-Kind-Politik ist.

Hebo („Welle“), 16 Jahre alt, einziger Sohn meiner Cousine und einziger Junge seiner Generation in unserer Familie, Nabel der Familie, erhielt einen Namen, der auf Chinesisch wie „huobo - lebhaft“ und auf Englisch wie „hope - Hoffnung“ klingt. Aber jetzt ist das Kind weder lebhaft noch gibt es zu Hoffnung Anlass. Hebo hasst die Schule, weigert sich hinzugehen, möchte Profi-Billard-Spieler werden und spielt auch gut, hat alles Taschengeld für das Spielen ausgegeben, bekommt keines mehr von den Eltern, bevor er nicht wieder in die Schule geht. Der Junge hat tatsächlich ein Semester lang Widerstand geleistet, und die Eltern trauten sich nicht, etwas zu unternehmen. Der Kompromiss: die Mittelschule abschließen, ein Jahr Billard lernen, dann wird man sehen. Trotzdem glaubt meine Cousine, sie habe der Familie eine riesige Schande zugefügt. Dafür schiebt sie die Schuld auf ihre Eltern, die Großeltern Hebos, weil sie ihn verwöhnt haben, als er klein war.
Kurz: Alles dreht sich um die kleinen Kaiser, daher werden sie unruhig, und darum wird es um sie noch mehr Konflikte geben.

Li Shuhong, Journalistin, kommt aus der Volksrepublik China und lebt derzeit in Österreich.

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